DIE SI­CHE­RE BANK (2) Paa­re und Pas­san­ten am Gr­ab­beplatz

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON BER­TRAM MÜL­LER

Vie­le Düs­sel­dor­fer ha­ben ei­ne Lieb­lings­bank, auf der sie re­gel­mä­ßig sit­zen, das ge­schäf­ti­ge Trei­ben be­ob­ach­ten oder die Stil­le ge­nie­ßen. Un­ser Au­tor ver­folgt das Kom­men und Ge­hen in Düs­sel­dorf am liebs­ten von ei­ner St­ein­bank aus.

Die St­ein­stu­fen auf dem Gr­ab­beplatz sind nur mei­ne zweit­liebs­ten Bän­ke in der Stadt. Noch lie­ber als dort hal­te ich mich zwei Stock­wer­ke hö­her auf, im Ca­fé van Lies­hout der Kunst­samm­lung NRW. Von oben lässt sich wun­der­bar das Trei­ben auf dem Platz ver­fol­gen. Man kann ei­nen Cap­puc­ci­no trin­ken und sei­ne Ge­dan­ken spa­zie­ren füh­ren. Nor­ma­ler­wei­se. Doch zur­zeit ist das Ca­fé van Lies­hout, be­nannt nach der nie­der­län­di­schen Künst­ler­grup­pe, die es ge­stal­tet hat, we­gen Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten ge­schlos­sen. Die St­ein­stu­fen als zweit­bes­te Lö­sung ha­ben auch ihr Gu­tes. Dort un­ten gibt man sich als Be­ob­ach­ten­der zugleich selbst zur Be­ob­ach­tung frei. Das ist nur fair und un­ter­stützt das Flair des Plat­zes.

In Düs­sel­dorf gibt es kei­ne schö­nen Plät­ze – das hört man oft und seit Jah­ren. Doch so übel ist der Gr­ab­beplatz nicht. Man müss­te nur mal sau­ber­ma­chen, und auch der schma­le Bach, der dort einst zum Ge­den­ken an Wer­ner Schma­len­bach plät­scher­te, den Grün­dungs­di­rek­tor der Kunst­samm­lung, lie­ße sich re­ak­ti­vie­ren. Dann wür­de man sich den Plät­zen von Sie­na, Flo­renz und Rom schon nä­her füh­len.

Ein lau­es Lüft­chen durch­weht den Gr­ab­beplatz. Ge­ra­de­aus blickt man auf die Kunst­hal­le, rechts da­ne­ben auf St. Andre­as. Paa­re, Pas­san­ten strei­fen über den Platz ähn- lich wie in der gleich­na­mi­gen Pro­sa von Bo­tho Strauß. Rechts die Müh­len­stra­ße hin­un­ter sind es nur ein paar hun­dert Me­ter bis zum Rhein.

Man kann ihn zwar nicht se­hen, doch für den Rhein­län­der ist es stets gut, ihn in der Nä­he zu wis­sen. Die St­ein­stu­fen sind nur schüt­ter be- setzt: ein paar Me­ter rechts ne­ben mir ein mit­tel­al­tes Paar im Schat­ten, wei­ter vorn zwei jun­ge Da­men im Son­nen­licht.

Ei­ne äl­te­re Da­me über­quert den Platz mit zwei Hun­den und spricht leb­haft auf sie ein. Auch ein jun­ges Paar be­wegt sich von der Kunst­hal­le in Rich­tung Ra­tin­ger Stra­ße, er mit Ba­de­schlap­pen, sie mit Hei­ne­mann-Ta­sche. Ur­laubs­stim­mung.

Jetzt macht ein ro­ter Dop­pel­de­cker-Bus Sta­ti­on: „Ci­ty Tour Düs­sel­dorf“. Neun Leu­te ver­lie­ren sich auf dem Son­nen­deck, wen­den ih­re Köp­fe je nach An­sa­ge bald nach rechts, bald nach links – und wei­ter geht’s. Ne­ben mir ha­ben sich in­zwi­schen zwei jun­ge Frau­en nie­der­ge­las­sen. „Ich war bei der letz­ten Er­öff­nung“, sagt die ei­ne und weist auf die Kunst­samm­lung hin­ter uns. End­lich mal was Kul­tu­rel­les. Die Ver­lo­ckung, den har­ten St­ein­platz nach ei­ner hal­ben St­un­de zu ver­las­sen, um im Op de Eck ne­ben­an doch noch an ei­nen Cap­puc­ci­no zu ge­lan­gen, er­weist sich als Trug­bild. Auch dort wird re­no­viert. Jetzt kommt die Frau mit den Hun­den zu­rück – ich ha­be hier schon Be­kann­te. Auch der Bus kehrt zu­rück. So geht es hin und her.

Und da, end­lich mal was Ro­man­ti­sches im öko­no­mi­schen Düs­sel­dorf: Ein jun­ges Paar küsst sich aus­dau­ernd mit­ten auf dem Gr­ab­beplatz. Da­nach kehrt wie­der All­tag ein, und mein Blick fällt auf et­was, das ich bis jetzt über­se­hen ha­be: ei­ne Re­kla­me­ta­fel mit wech­seln­der An­zei­ge: „Bahn und Bus fah­ren so weit man will für 2,35 Eu­ro am Tag“, „Mein Schiff. Bu­chen Sie den Un­ter­schied“, „Do your thing. Ca­mel“.

Ei­ne St­un­de ha­be ich jetzt hier aus­ge­harrt, das ent­spricht der Spiel­re­gel die­ser Se­rie. Die Zeit ver­ging schnel­ler als ge­dacht, das so­ge­nann­te Sitz­fleisch schmerzt nur in Ma­ßen, und ich ver­las­se die­sen Ort der Flüch­tig­keit in gu­ter Lau­ne. „Bahn und Bus“, „Mein Schiff“und „Do your thing“– das Le­ben geht wei­ter.

FO­TO: ANDRE­AS END­ER­MANN

Ber­tram Mül­ler auf sei­ner Lieb­lings­bank am Gr­ab­beplatz.

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