Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUF­NER

Na­tür­lich ha­be ich ihr in­ter­es­siert zu­ge­hört. Das macht man als Gast­ge­ber näm­lich so.“„Und dann hat sie ge­sagt, man soll­te Pri­vat­schu­len die Ge­mein­nüt­zig­keit ab­er­ken­nen, und du hast ihr auch noch recht ge­ge­ben.“

„Sie hat­te gu­te Ar­gu­men­te. Au­ßer­dem dach­te ich, dass das auch dei­ne Mei­nung ist.“„Dann wä­re ich ar­beits­los!“Ja­mes er­in­ner­te sich an ei­nen Abend in ei­nem Lo­kal in Cla­pham ganz am An­fang ih­rer Be­zie­hung und an ein Ge­spräch dar­über, dass Eva ih­ren Job nur als Über­gangs­lö­sung sah. Sie wol­le ge­nug spa­ren, um sich als Kunst­leh­re­rin selbst­stän­dig zu ma­chen. Dann könn­te sie be­gab­te Schü­ler kos­ten­los un­ter€ rich­ten und zum Aus­gleich wohl­ha­ben­de­re Kli­en­ten an­neh­men, da­mit die Welt ein biss­chen ge­rech­ter wür­de. Er wuss­te noch, dass er ih­re so­zia­le Ein­stel­lung be­wun­dert hat­te. Hin­zu kam, dass er noch nie ei­ne Frau ken­nen­ge­lernt hat­te, die in Beige so toll aus­sah.

„Und dann wä­ren da noch mei­ne Freun­de. Wie nennst du sie im­mer? Cap­tain Stand­fest und die Blon­die­trup­pe?“

Oh, die­se Leu­te wa­ren das nack­te Grau­en. Wolf­ram, Evas sich wild durch die Bet­ten vö­geln­der Fri­seur­freund, ge­hör­te zu den Men­schen, die ih­re Mut­ter noch auf dem Ster­be­bett an­zi­cken wür­den, dass wie­der mal Wa­schen, Föh­nen, Le­gen fäl­lig wä­re. Und die night­li­fe­süch­ti­gen Me­gä­ren und selbst er­nann­ten „krea­ti­ven Pro­mis“, die sich in sei­nem Sa­lon ver­sam­mel­ten, mach­ten Ja­mes rich­tig­ge­hend Angst. Kno­chi­ge Ve­lo­ci­rap­tor­sau­ri­er­weib­chen in Out­fits von Kurt Gei­ger. Ja­mes war ziem­lich si­cher, dass ei­ne von ih­nen ver­sucht hat­te, ihn bei ih­rem „Grill­abend“in Kew an­zu­bag­gern. Ganz si­cher hat­te die­se Meu­te die Sa­che mit Finn un­ter­stützt.

„Wer war das? Letz­tens im Pub?“, frag­te Eva, of­fen­bar oh­ne den ab­rup­ten The­men­wech­sel zu be­mer­ken.

„Ich war mit meh­re­ren Leu­ten dort.“

„Die lang­haa­ri­ge Frau, die mich an­ge­starrt hat.“

Hoff­nung reg­te sich. Auch wenn das recht un­wahr­schein­lich war: War Eva et­wa ei­fer­süch­tig?

„An­na? Die ken­ne ich von der Ar­beit.“„Hast du was mit ihr?“Ja­mes war nicht si­cher, was er ant­wor­ten soll­te. War es ein Feh­ler, wenn er zu­gab, dass Eva null Grund zur Sor­ge hat­te? Er ent­schied sich fürs Aus­wei­chen. „Wür­de es dir was aus­ma­chen?“„Du kannst tun und las­sen, was du willst, Ja­mes. Du bist ein frei­er Mann. Hast du was mit ihr?“

„Das heißt al­so, nein, es wür­de dir nichts aus­ma­chen.“

Ein jun­ges Paar kam ih­nen auf dem Weg ent­ge­gen und lä­chel­te ih­nen zu, als sei­en sie al­le Mit­glie­der im Ver­ein zur För­de­rung des fröh­li­chen Paar­laufs.

Ja­mes be­ob­ach­te­te ein Kind, das in der Nä­he ei­nen Dra­chen stei­gen ließ und fröh­lich juchz­te, als die Bän­der im Wind flat­ter­ten.

Eva blieb ste­hen und dreh­te sich zu ihm um. Ih­re Na­se und die Wan­gen wa­ren we­gen der Käl­te ge­rö­tet. Wäh­rend die meis­ten Leu­te in die­sem Zu­stand aus­ge­se­hen hät­ten wie ein Stück Koch­schin­ken, wirk­te sie eher wie ei­ne Zu­cker­maus aus dem Schul­ki­osk. Zeit, die Initia­ti­ve zu er­grei­fen. „Ich ver­kau­fe das Haus. Kei­ne Ah­nung, wie sich das mit dir und Finn ent­wi­ckelt. Je­den­falls wer­de ich mein Le­ben neu ord­nen“, ver­kün­de­te Ja­mes. „Hast du was mit die­ser Frau?“Ja­mes zö­ger­te. Es war ein gu­tes Zei­chen, dass sie das wis­sen woll­te. Al­so nicht lü­gen, aber sie trotz­dem ein biss­chen zap­peln las­sen. „Wir sind ein­fach gu­te Freun­de.“Wie­der zu Hau­se an­ge­kom­men, be­schloss Ja­mes, all sei­nen Mut zu­sam­men­zu­neh­men und sich Dress­man Finn Hut­chin­sons In­ter­net­pro­fil an­zu­se­hen. Er ent­deck­te so­gar ei­ne gan­ze Web­sei­te und stell­te fest, dass der Mann auch „ei­ne Kar­rie­re als Mu­si­ker“an­streb­te. War­um wun­dert mich das? Au­ßer­dem war die­ser Finn „be­geis­ter­ter Sur­fer und im­mer auf der Jagd nach den größ­ten Bre­chern“. Ja, nur zu, am bes­ten jagst du sie bis nach Be­achy He­ad. Ja­mes konn­te nicht an­ders, als sich durch die Fo­tos zu kli­cken, und hau­te ver­bis­sen auf „wei­ter“wie ein Af­fe beim Häm­mer­chen­spiel. Ei­ne Auf­nah­me zeig­te Finn im Frack und mit of­fe­ner Flie­ge, der wie ein rich­ti­ges Al­pha­männ­chen breit­bei­nig in ei­nem Lehn­ses­sel lüm­mel­te. Das Fo­to er­in­ner­te an ei­ne Dun­hil­lWer­bung aus den Sieb­zi­gern. „Das war ein tol­les Fo­to­shoo­ting. Gruß an Frank Si­na­tra und Kol­le­gen, klas­sisch im Frack.“Auf ei­nem an­de­ren Bild kratz­te er sich in ei­ner auf­ge­setzt wir­ken­den Ges­te – Ach, Mist, meinst du et­wa mich? – am Hin­ter­kopf. Das ge­gel­te Haar war in der Mit­te ge­schei­telt, und er trug ein TShirt von Fruit of the Loom und ei­ne sil­ber­ne Hun­de­mar­ke. „Die Leu­te be­nut­zen gern das Wort se­xy, wenn sie über mich re­den, aber ei­gent­lich bin ich eher ein biss­chen na­iv.“Auf dem nächs­ten Bild war er mit ei­nem rie­si­gen Cow­boy­hut und in ei­nem Hemd aus leich­tem Je­ans­stoff zu se­hen, wie er an ei­nem Zahns­to- cher kau­te. Die Bild­un­ter­schrift lau­te­te: „Die­ser Look ist so, wie ich bin. Ein Na­tur­bur­sche.“Klar, weil man in Dals­ton so häu­fig Rin­der­her­den trei­ben muss­te. Wor­an er­in­ner­te ihn das al­les? Ge­nau – an Eva. Als Ja­mes ein­mal, ganz lie­ben­der Ehe­mann, an­ge­merkt hat­te, sie sei stets und zu je­der Ge­le­gen­heit ab­so­lut pas­send an­ge­zo­gen, hat­te sie er­wi­dert, sie sei wie ei­ne Schau­spie­le­rin und schlüp­fe gern in ver­schie­de­ne Rol­len. In­zwi­schen frag­te sich Ja­mes, ob er nicht ein­fach je­de Men­ge Warn­si­gna­le über­se­hen hat­te. Wie hat­te das pas­sie­ren kön­nen? Ihm war klar ge­we­sen, dass er Ri­va­len wür­de in die Flucht schla­gen müs­sen, wenn er sich auf Eva ein­ließ. Al­ler­dings hät­te er nicht ge­dacht, dass sie schon auf und da­von wä­re, wäh­rend sie sich noch das Kon­fet­ti aus den Haa­ren schüt­tel­ten. Ver­mut­lich wa­ren ja ge­nau die Ei­gen­schaf­ten, die ihm an­fangs so an­zie­hend er­schie­nen wa­ren, die Er­klä­rung. Der ab­ge­dro­sche­ne Spruch, dass man das, was man ein­mal ge­liebt hat­te, ir­gend­wann zu has­sen be­gann. Sie war wie ein Hai, der nur vor­wärts­schwim­men konn­te. Oder wie der Bus in Speed, der ex­plo­die­ren wür­de, wenn er lang­sa­mer als acht­zig St­un­den­ki­lo­me­ter fuhr. Eva hat­te ihn gleich­zei­tig ge­ängs­tigt und er­regt. Und er hat­te den Feh­ler ge­macht, mit ei­nem be­ängs­ti­gen­den und er­re­gen­den Men­schen ei­ne Be­zie­hung ein­zu­ge­hen. Die Angst hat­te sich als dau­er­haf­ter er­wie­sen. Of­fen­bar ver­band sie bei­de nicht ge­nug, um in Kri­sen­zei­ten ei­ne ge­mein­sa­me Spra­che zur Lö­sung des Pro­blems zu fin­den.

(Fort­set­zung folgt)

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