Rhei­ni­sche Werft­ar­beit

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON NA­DI­NE KLEES

Ins­ge­samt sie­ben Werf­ten gibt es heu­te in Nord­rhein-West­fa­len, die Bin­nen­schif­fe war­ten und re­pa­rie­ren. Heut­zu­ta­ge ent­ste­hen die meis­ten Schiffs­neu­bau­ten im Auf­trag der Tou­ris­mus­bran­che. Ein Be­such bei der KSD-Werft in Köln, die rund 40 Mit­ar­bei­ter hat.

KÖLN Beim An­blick der Schiffs­schrau­be wird es ei­nem mul­mig: Ihr Durch­mes­ser ist men­schen­groß. Der 85 Me­ter lan­ge Frach­ter muss durch den TÜV, wie Au­to­fah­rer sa­gen wür­den. Nor­ma­ler­wei­se trans­por­tiert die „Im­pe­ri­al“Am­mo­ni­ak. Jetzt liegt sie auf­ge­bockt und be­we­gungs­los in der Köl­ner Schiffs­werft Deutz.

Der Mann, der dort das Sa­gen hat, fer­tig­te schon 1971 die Plä­ne für die­ses Schiff an. Hans Klaus San­der ist seit 25 Jah­ren Ge­schäfts­füh­rer der Deut­zer Werft – ei­ner der größ­ten In­stand­set­zungs- und War­tungs­werf­ten deutsch­land­weit. Sie macht ih­ren Um­satz heu­te aus­schließ­lich mit Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten. Es ist ein Job bei Wind und Wet­ter im 24-St­un­den-Be­trieb. San­der kann kei­ne zim­per­li­chen Mit­ar­bei­ter ge­brau­chen. „Hier muss man an­pa­cken kön­nen.“

Vie­le sei­ner Kun­den sind Be­trei­ber von Fahr­gast­schif­fen in Köln und im Rhein­land. Rund 60 lie­gen hier vor Ort. Mit de­ren War­tung ist San­der den gan­zen Win­ter be­schäf­tigt. Aber auch Fracht-, Tank- und Ka­bi­nen­schif­fe lie­gen hier re­gel­mä­ßig im Dock. Die Werft hat fast 40 Mit­ar­bei­ter.

Auch an­de­re Bin­nen­werf­ten in Deutsch­land ma­chen ih­ren Um­satz mitt­ler­wei­le vor al­lem im Tou­ris­mus­be­reich, wie Ra­g­nar Schwe­fel vom Ver­band für Schiff­bau und Mee­res­tech­nik in Ber­lin er­klärt. Bei fracht­tra­gen­den Bin­nen­schif­fen sei Deutsch­land kaum noch kon­kur­renz­fä­hig: Die meis­ten Neu­bau­ten kom­men aus Asi­en. Statt­des­sen ent­ste­hen hier­zu­lan­de Fluss­kreuz­fah­rer und klei­ne­re Pas­sa­gier­schif­fe. So hat sich bei­spiels­wei­se die Lux-Werft in Nie­der­kas­sel-Mon­dorf auf Aus­flugs­schif­fe für Flüs­se und Se­en spe­zia­li­siert. Dank der Ar­beit von rund 50 An­ge­stell­ten ent­ste­hen dort et­wa drei neue Schif­fe pro Jahr. Ne­ben der Lux-Werft baut auch die Werft in Re­ma­gen-Ober­win­ter Fahr­gast­schif­fe. Ei­g­ner ist das Un­ter­neh­men Stahl­bau Mül­ler aus dem Spes­sart. Di­rekt ne­ben­an hat Rai­ner Ritz­dorf sein Bü­ro. Der In­ha­ber der Schiffs- und In­dus­trie­tech­nik Gm­bH kon­stru­iert Schif­fe und ar­bei­tet eng mit Stahl­bau Mül­ler zu­sam­men. Ein Neu­bau brau­che et­wa ein Jahr, er­klärt Ritz­dorf. Das letz­te ge­mein­sa­me Pro­jekt war die Au­to- fäh­re Lin­zRe­ma­gen und ei­ne wei­te­re für ei­nen hes­si­schen Fähr­be­trieb. „Ei­ne neue Fäh­re kos­tet et­wa 3,5 bis vier Mil­lio­nen Eu­ro. Ih­re Le­bens­dau­er liegt in et­wa bei 25 bis 40 Jah­ren“, er­zählt Ritz­dorf. Der ge­lern­te Schiffs­bau-Kon­struk­teur ist seit 51 Jah­ren im Be­ruf.

Zu­rück nach Köln-Deutz. Die Son­ne scheint, das Was­ser im Rhein glit­zert. An Deck der „Im­pe­ri­al“wird gut ge­launt ge­häm­mert und ge­saugt. Der Bauch des Schiffs wird ge­lüf­tet. Wäh­rend­des­sen flie­gen in der gro­ßen Hal­le ne­ben­an die Fun­ken: Ein Mit­ar­bei­ter schweißt dort an ei­ner gro­ßen Schrau­be. Hans Klaus San­der hat sich auf die Re­pa­ra­tur von Schiffs­pro­pel­lern spe­zia­li­siert. In Deutsch­land gibt es der­zeit 45 Werf­ten, die Bin­nen­schif­fe bau­en und re­pa­rie­ren. Nach An­ga­ben des Ver­bands für Schiff­bau und Mee­res­tech­nik sind da­von sie­ben in Nord­rhein-West­fa­len be­hei­ma­tet.

Im Schiffs­bau gibt es ei­nen Trend, der in jüngs­ter Zeit auch im Stra­ßen­ver­kehr im­mer wie­der Schlag­zei­len macht: der Elek­tro­an­trieb. So­wohl Ritz­dorf als auch die Lux-Werft kon­stru­ie­ren be­reits Schif­fe, die mit Bat­te­rie fah­ren. Die Pro­ble­me sind ähn­li­che wie die der Au­to­her­stel­ler: Die Reich­wei­te ist zu kurz, der Preis zu hoch. Al­ler­dings gel­ten Schif­fe auch mit Ver­bren­nungs­mo­tor als Ver­kehrs­trä­ger mit dem ge­rings­ten Ener­gie­ver­brauch. Und der An­teil der be­för­der­ten Gü­ter zu Fluss steigt. Ei­ne gu­te Nach­richt für Werft-Ge­schäfts­füh­rer San­der. Sor­gen be­rei­tet ihm auch we­ni­ger die Auf­trags­la­ge als viel­mehr das nach­bar­schaft­li­che Ver­hält­nis zu den An­woh­nern in den Köl­ner Stadt­tei­len Mül­heim und Deutz. Denn bei nächt­li­chen Ar­bei­ten kommt es im­mer wie­der zu Be­schwer­den we­gen Lärm­be­läs­ti­gung.

Apro­pos Nach­barn: Vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te San­der üb­ri­gens ei­ni­ge äu­ßerst pro­mi­nen­te Un­ter­mie­ter. Nur we­ni­ge Me­ter von sei­ner Werft ent­fernt lag das be­rühm­te Haus­boot, auf dem die Mu­si­ker der iri­schen Kel­ly Fa­mi­ly leb­ten. San­der ver­mie­te­te ih­nen da­mals den An­le­ge­platz. „Das wa­ren nette Leu­te“, er­in­nert er sich an die Fa­mi­lie. Ihr Haus­boot war gleich­zei­tig auch das be­rühm­tes­te Schiff, das San­der je re­pa­riert hat. Al­le Fol­gen der Se­rie ste­hen auch im Netz un­ter www.rp-on­li­ne.de/rhein­lie­be Die Se­rie Die Fol­gen der „Rhein­lie­be“er­schei­nen im­mer diens­tags und don­ners­tags im Lokalteil und mitt­wochs und frei­tags auf den Sei­ten Wis­sen und NRW oder Pan­ora­ma. Das Buch Die Se­rie ent­stand in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Bon­ner „Ge­ne­ral-An­zei­ger“und der „Köl­ni­schen Rund­schau“. Die bes­ten Fol­gen al­ler drei Re­dak­tio­nen mün­den in das Buch „Rhein­lie­be“, das am 9. Sep­tem­ber im Dros­te-Ver­lag er­scheint. Es kos­tet 24,99 Eu­ro und kann im RPShop vor­be­stellt wer­den un­ter Tel. 0211 - 505 2255 (MoFr 8-16 Uhr) oder un­ter www.rpshop.de Es wird kos­ten­frei ver­sandt.

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