Er­do­gans Hel­fer in Deutsch­land

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON PHIL­IPP JA­COBS

DÜSSELDORF Es war die­ser Auf­tritt 2008 in Köln, der er­ah­nen ließ, wel­chen Ein­fluss Re­cep Tay­yip Er­do­gan auf die in Deutsch­land le­ben­den Tür­ken hat. Mehr als 20.000 Mus­li­me ka­men da­mals in die Köln-Are­na. Vie­le Tau­send war­te­ten drau­ßen, weil sie kei­nen Platz mehr im In­nern be­kom­men hat­ten. Er­do­gan hielt ei­ne Re­de, die nach­hall­te. Der da­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent der Tür­kei for­der­te sei­ne An­hän­ger auf, deutsch zu le­ben, aber nicht deutsch zu wer­den. Nie­mand kön­ne von ih­nen er­war­ten, sich ei­ner As­si­mi­la­ti­on zu un­ter­wer­fen, denn die­se sei ein Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit. Dann fiel die­se Aus­sa­ge: „Man­che Ge­mein­schaf­ten sind in der La­ge, auch wenn sie nur aus ei­ner Hand­voll Men­schen be­ste­hen, ba­sie­rend auf ih­rem in­ten­siv be­trie­be­nen Lob­by­is­mus, die Po­li­tik ei­nes je­den Lan­des, in dem sie sich be­fin­den, zu be­ein­flus­sen. Sie kön­nen Druck aus­üben, um Be­schlüs­se der Par­la­men­te der je­wei­li­gen Län­der zu er­wir­ken. War­um soll­ten wir nicht Lob­by­is­mus be­trei­ben, um un­se­re In­ter­es­sen zu schüt­zen?“

Heu­te ist Er­do­gan Prä­si­dent der Tür­kei und mäch­ti­ger denn je. Man­che sa­gen, er sei Dik­ta­tor. Und den Ein­fluss auf die deut­sche Po­li­tik, den Er­do­gan in Köln be­schwor, er­langt er vor al­lem durch den größ­ten deut­schen Is­lam­ver­band: die Tür­kisch-Is­la­mi­sche Uni­on der An­stalt für Re­li­gi­on, kurz Di­tib („Diya­net Is­le­ri Türk Is­lam Bir­li­gi“), sa­gen Kri­ti­ker des Ver­bands. „Di­tib geht es dar­um, Ein­fluss auf die deut­sche Po­li­tik zu neh­men und sich als Part­ner des deut­schen Staats an­zu­bie­ten. Das si­chert Zu­gang zu Gre­mi­en und Ein­fluss auf den be­kennt­nis­ori­en­tier­ten Re­li­gi­ons­un­ter­richt“, sagt Su­san­ne Schrö­ter, Eth­no­lo­gin und Is­lamex­per­tin an der Goe­the-Uni­ver­si­tät Frankfurt.

Doch wer ist die Di­tib über­haupt? Und ist ih­re Macht wirk­lich so groß?

Es war der da­ma­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich Zim­mer­mann ( CSU, 1982–1989), der mit dem tür­ki­schen Staat ei­ne Ver­ein­ba­rung ge­trof­fen hat­te, die es der Tür­kei er­laub­te, den in Deutsch­land an­ge­sie­del­ten Is­lam zu or- ga­ni­sie­ren. Die Bun­des­re­gie­rung er­hoff­te sich da­durch, rechts- und links­ra­di­ka­le so­wie kur­disch-na­tio­na­lis­ti­sche Grup­pen zu­rück­drän­gen zu kön­nen.

1984 ent­stand so die Di­tib. An­fangs ver­wal­te­te der Ver­band nur 230 Mo­schee­ge­mein­den. 2002 wa­ren es 770, heu­te sind es mehr als 900. Dar­an ge­mes­sen ist Di­tib der größ­te Is­lam­ver­band Deutsch­lands. Schließt sich ei­ne Ge­mein­de der Di­tib an, muss sie ei­ner Mus­ter­sat­zung zu­stim­men. In die­ser er­kennt die Ge­mein­de die Di­tib als be­ra-

Cem Öz­de­mir ten­de In­sti­tu­ti­on an und stimmt ei­ner Über­wa­chung der Tä­tig­kei­ten so­wie der Fi­nan­zen zu. Im Auf­lö­sungs­fall der Ge­mein­de fällt das Ge­mein­de­ver­mö­gen dem Dach­ver­band zu.

In ih­ren An­fangs­jah­ren bot die Di­tib den deut­schen Mus­li­men klei­ne­re Di­ens­te wie Be­ra­tun­gen an. Mitt­ler­wei­le hat sie den An­spruch, in al­len Be­rei­chen des mus­li­mi­schen Le­bens tä­tig zu sein. So ist die Di­tib ei­ner der größ­ten Or­ga­ni­sa­to­ren für die Wall­fahrt nach Mek­ka. Sie be­auf­sich­tigt die in den Mo­sche­en pre­di­gen­den Ima­me, sie bie­tet Kor­an­schu­lun­gen an, be­treibt Mo­schee-ei­ge­ne Be­stat­tungs­un­ter­neh­men und re­gelt et­wa in Hes­sen den is­la­mi­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt. In Nord­rhein-West­fa­len sitzt Di­tib im Bei­rat, der über die Un­ter­richts­in­hal­te oder die Leh­rer ent­schei­det. In Form von Spen­den leis­tet die Di- tib den Ge­mein­den Un­ter­stüt­zung, et­wa für den Bau von Mo­sche­en.

Seit sei­ner Grün­dung un­ter­steht der Ver­band ei­ner mäch­ti­gen tür­ki­schen Be­hör­de: der Diya­net, dem „Prä­si­di­um für Re­li­gi­ons­an­ge­le­gen­hei­ten“. Es wur­de 1924 ge­grün­det. In der Tür­kei be­sitzt die Diya­net das Mo­no­pol auf „öf­fent­li­che Re­li­gi­on“. Sie re­gelt die Auf­sicht über die Mo­sche­en im Land, stellt Re­li­gi­ons­be­diens­te­te ein, ver­fasst Vor­la­gen für Frei­tags­pre­dig­ten (die auch in Deutsch­land ge­hal­ten wer­den) und ver­öf­fent­licht re­li­giö­se Li­te­ra­tur. Der Mit­ar­bei­te­rap­pa­rat ist mitt­ler­wei­le auf 100.000 an­ge­schwol­len. Prä­si­dent ist seit 2010 der Theo­lo­ge Meh­met Gör­mez. Er hat Mi­nis­ter­rang. In­ner­halb der Di­tib be­sitzt der Chef der Diya­net Mit­spra­che­recht – als Mit­glied des Bei­rats, der den Vor­stand kon­trol­liert.

Die strit­tigs­te Auf­ga­be der Be­hör­de ist die Ent­sen­dung der Ima­me. Di­tib ist der ein­zi­ge deut­sche Is­lam­ver­band, der sei­ne Ima­me vom tür­ki­schen Staat be­zieht. Der­zeit hal­ten sich hier­zu­lan­de 970 die­ser Vor­be­ter auf. Wäh­rend ih­res meist fünf­jäh­ri­gen Auf­ent­halts blei­ben die Ima­me der Diya­net un­ter­stellt und wer­den auch von ihr ent­lohnt, was die Ge­mein­den enorm ent­las­tet, ih­nen aber nur we­nig Ein­fluss auf die Ent­sen­dung ein­räumt. „Selbst wenn die Di­tib es wol­le, sie könn­te sich von der Tür­kei nicht los­rei­ßen. Oh­ne die im­men­sen Fi­nanz­sprit­zen sei­tens der Diya­net könn­te der Ver­band nicht exis­tie­ren“, sagt ein Is­lam­wis­sen­schaft­ler aus NRW.

Diya­net ist dem tür­ki­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­amt un­ter­stellt. Doch Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim fehlt es an Macht. „Herr Yil­di­rim ist nicht mehr als ei­ne Ma­rio­net­te“, sagt Su­san­ne Schrö­ter. Ei­ne Ma­rio­net­te Er­do­gans. Di­tibs Nä­he zum tür­ki­schen Staat wür­de wohl nicht so kri­tisch be­äugt wer­den, hät­te der Is­lam in der Tür­kei nicht ei­ne be­denk­li­che Wand­lung voll­zo­gen. „Der tür­ki­sche Staats­is­lam hat sich von ei­ner mo­de­ra­ten zu ei­ner ra­di­ka­li­sie­ren­den Re­li­gi­on ver­än­dert. Da­für ist nicht zu­letzt die AKP un­ter Füh­rung Er­do­gans ver­ant­wort­lich“, meint Schrö­ter. Und Grü­nen-Chef Cem Öz­de­mir sagt: „In der tür­ki­schen Re­li­gi­ons­be­hör­de Diya­net wur­den in der ver­gan­ge­nen Wo­che knapp 500 Mit­ar­bei­ter sus­pen­diert. Das zeigt, wie auch in re­li­giö­sen Fra­gen al­le und al­les auf die ideo­lo­gi­sche Li­nie Er­do­gans kon­zen­triert wird. Die Di­tib als deut­scher Ab­le­ger der Diya­net ist da­von un­mit­tel­bar be­trof­fen.“

Auf die Nä­he zum Re­gime Er­do­gans an­ge­spro­chen, schreibt Di­tib-Ge­ne­ral­se­kre­tär Be­kir Al­bo­ga: „Die Selbst­be­stim­mungs- und Selbst­ver­wal­tungs­rech­te der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, al­so auch die der Di­tib, sind grund­ge­setz­lich ge­schützt. Je­de Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ver­leiht ih­re geist­li­chen Äm­ter oh­ne die Mit­wir­kung von Po­li­tik oder öf­fent­li­cher Mei­nung. Dies än­dern zu wol­len, kä­me ei­nem Ver­fas­sungs­bruch gleich.“Wäh­rend ei­nes If­tar-Fes­tes (Fas­ten­bre­chen) in Köln vor ei­ni­gen Wo­chen ha­be Di­tib-Chef Nevz­at Ya­sar Asi­kog­lu die Ar­me­ni­en-Re­so­lu­ti­on des Bun­des­tags ver­ur­teilt und be­teu­ert, es ge­be kei­ner­lei Ein­fluss aus der Tür­kei auf den Di­tib-Bun­des­ver­band, er­zählt ein Teil­neh­mer der Ver­an­stal­tung. Es ist zu­min­dest wun­der­lich, wenn sol­che Wor­te aus dem Mund ei­nes Man­nes kom­men, der als Chef der Di­tib for­mal auch tür­ki­scher Bot­schafts­rat ist.

Wäh­rend in vie­len Di­tib-Mo­schee­ge­mein­den gu­te und wich­ti­ge re­li­giö­se Ar­beit ge­leis­tet wer­de, sei der Dach­ver­band ein po­li­ti­scher Ver­ein, der „un­mit­tel­bar von der tür­ki­schen Re­gie­rung ge­steu­ert wird“, sagt Cem Öz­de­mir: „Die Di­tib-Funk­tio­nä­re müs­sen sich un­miss­ver­ständ­lich und trans­pa­rent von der Ein­fluss­nah­me der Tür­kei be­frei­en. Die re­li­giö­sen Be­lan­ge müs­sen end­lich ins Zen­trum ih­rer Ar­beit ge­stellt wer­den.“

„Di­tib muss die re­li­giö­sen Be­lan­ge end­lich ins Zen­trum ih­rer Ar­beit stel­len“

Bun­des­vor­sit­zen­der der Grü­nen

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