„Ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei auf Eis le­gen“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

STUTTGART Wenn der Lan­des­va­ter aus dem Fens­ter schaut, hat er ei­nen herr­li­chen Blick auf die Lan­des­haupt­stadt. Die Vil­la Reit­zen­stein liegt am Hang über dem Stutt­gar­ter Tal­kes­sel. Hier oben weht an die­sem hei­ßen Som­mer­tag im­mer­hin ein lau­es Lüft­chen. Erst seit dem Herbst re­si­diert Win­fried Kret­sch­mann wie­der hier in der schmu­cken Vil­la, die 1910 für die Ba­ro­nin He­le­ne von Reit­zen­stein er­baut wor­den war und zwei Jah­re lang sa­niert wur­de. Herr Kret­sch­mann, Sie füh­ren seit ei­ni­gen Wo­chen ei­ne grün-schwar­ze Ko­ali­ti­on in Stuttgart. Was un­ter­schei­det die Zu­sam­men­ar­beit mit der CDU von der mit der SPD? KRET­SCH­MANN CDU und SPD ti­cken un­ter­schied­lich. Mit der CDU hät­ten wir die Ge­mein­schafts­schu­len nicht ein­füh­ren kön­nen, mit der SPD ha­ben wir sie ein­ge­führt. Mit der CDU kann man da­ge­gen wirt­schafts­po­li­ti­sche The­men bes­ser um­set­zen, et­wa die Di­gi­ta­li­sie­rung. Wir Grü­ne ste­hen na­tür­lich den So­zi­al­de­mo­kra­ten in vie­len Fra­gen nä­her und Grün-Schwarz war kei­ne Wunsch­ko­ali­ti­on. Klar, dass wir nach drei Mo­na­ten noch in der Ein­ge­wöh­nungs­pha­se sind, aber es läuft ganz gut an. War­um wür­den Sie ab 2017 auch im Bund Schwarz-Grün be­für­wor­ten? KRET­SCH­MANN Das ha­be ich nicht ge­sagt, das sind al­les Über­in­ter­pre­ta­tio­nen. Ich ha­be ge­sagt, wir Grü­ne soll­ten of­fen sein für ei­ne schwarz­grü­ne Ko­ali­ti­on im Bund. Das ist et­was an­de­res. Das heißt le­dig­lich, die Grü­nen soll­ten ei­gen­stän­dig blei­ben. Nach den letz­ten drei Land­tags­wah­len ha­ben sich un­ge­wöhn­li­che neue Bünd­nis­se ge­bil­det, die es vor­her gar nicht gab. La­ger­ko­ali­tio­nen wer­den sel­te­ner und sind schon rech­ne­risch künf­tig im­mer un­wahr­schein­li­cher. Es gibt we­der rot-grü­ne noch schwarz-grü­ne Mehr­hei­ten. Des­halb müs­sen de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en in je­de Rich­tung ko­ali­ti­ons­fä­hig sein. Gut. Dann an­ders­her­um ge­fragt: War­um wä­re denn Rot-Rot-Grün kei­ne emp­feh­lens­wer­te Op­ti­on? KRET­SCH­MANN Ich se­he nicht, wie wir mit der Lin­ken ein star­kes In­dus­trie­land re­gie­ren wol­len. Die Lin­ke lebt men­tal in ei­ner Na­tio­nal­öko­no­mie, wäh­rend in der Zeit der Glo­ba­li­sie­rung die in­ter­na­tio­na­len Ver­flech­tun­gen im­mer stär­ker wer­den. Und wenn die Link­s­par­tei Hil­la­ry Cl­in­ton zu ei­ner Staats­ter­ro­ris­tin er­klärt, be­wegt sie sich au­ßen­po­li­tisch im Nie­mands­land. Mit so ei­ner welt­frem­den Par­tei kann ich mir ei­ne Au­ßen­po­li­tik nicht vor­stel­len. Mit der Link­s­par­tei ist es in die­sen gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Kri­sen nicht mög­lich, Deutsch­land er­folg­reich zu re­gie­ren. Ih­re Par­tei ent­schei­det bald über ein Spit­zen­kan­di­da­ten-Duo für die Bun­des­tags­wahl. Brau­chen die Grü­nen ei­ne fein aus­ta­rier­te Dop­pel­spit­ze? KRET­SCH­MANN Ich bin ge­nau des­we­gen ge­gen die Dop­pel­spit­ze, weil im­mer Lin­ke und Rea­los in der Spitze ver­tre­ten sind. Die Par­tei muss sich aber ent­schei­den, wel­chen Kurs sie ein­schlägt. Es muss doch für die Wäh­ler klar sein, wel­che Rich­tung die Grü­nen ein­schla­gen. Aber ich ha­be den Kampf ge­gen die Dop­pel- spitze auf­ge­ge­ben. Wenn die Par­tei zwei un­ter­schied­li­che Spit­zen­leu­te hat, müs­sen die Grü­nen da­für sor­gen, dass bei­de durch ei­ne kla­re pro­gram­ma­ti­sche Po­si­tio­nie­rung an ei­nem Strang zie­hen. Der Rich­tungs­streit ent­zün­det sich et­wa an der Fra­ge der Ver­mö­gen­steu­er. War­um sind Sie ge­gen die Steu­er? KRET­SCH­MANN Wir se­hen schon bei der Erb­schaft­steu­er, wie schwie­rig es ist, zwi­schen pri­va­tem und be­trieb­li­chem Ver­mö­gen zu un­ter­schei­den. Pri­va­tes Ver­mö­gen will man hoch be­steu­ern, das an­de­re nicht, weil dar­an Ar­beits­plät­ze hän­gen. Fa­mi­li­en­be­trie­be sind das Rück­grat un­se­rer Wirt­schaft. Wir wol­len sie nicht durch Sub­stanz­steu­ern schwä­chen. Au­ßer­dem wä­re die Ver­mö­gen­steu­er sehr auf­wen­dig. Wir müss­ten da­für viel zu viel Per­so­nal ein­stel­len. Selbst SPDVi­ze Schä­fer-Güm­bel, der die Steu­er be­für­wor­tet, gibt zu, dass er noch kein Mo­dell hat, das Fa­mi­li­en­be­trie­be ga­ran­tiert nicht ge­fähr­det. Be­deu­tet das, dass Bund und Län­der un­be­dingt ei­nen Kom­pro­miss bei der Erb­schaft­steu­er fin­den müs­sen? KRET­SCH­MANN Es ist ex­trem wich­tig, dass wir im Ver­mitt­lungs­aus­schuss recht­zei­tig zu ei­ner Lö­sung kom­men. Die Be­trie­be brau­chen Pla- nungs­si­cher­heit. Au­ßer­dem wird sonst das Ver­fas­sungs­ge­richt sel­ber ak­tiv. Das wä­re ei­ne dra­ma­ti­sche Bla­ma­ge für die Po­li­tik. Ba­denWürt­tem­berg hät­te mit dem aus­ge­han­del­ten Kom­pro­miss der Ko­ali­ti­on gut le­ben kön­nen. Wir müs­sen sehr zü­gig nach der Som­mer­pau­se zu ei­ner Lö­sung kom­men. Prä­si­dent Er­do­gan lässt mas­sen­haft Rich­ter und Jour­na­lis­ten ver­haf­ten. Wie se­hen Sie die­se Ent­wick­lung? KRET­SCH­MANN Die Ent­wick­lung in der Tür­kei ist au­ßer­or­dent­lich be­sorg­nis­er­re­gend. Es ist zwar gut, dass aus dem Putsch nichts ge­wor­den ist. Aber wenn wir jetzt ei­nen zi­vi­len Putsch­ver­such durch Er­do­gan er­le­ben, der den Rechts­staat aus­he­belt, dann muss uns das sehr be­sor­gen. Wenn man sieht, wie Er­do­gan Zig­tau­sen­de Rich­ter, Staats­an­wäl­te und Leh­rer ein­fach auf die Stra­ße setzt, hat das mit Rechts­staat­lich­keit nichts mehr zu tun. Es ist jetzt Auf­ga­be der Bun­des­re­gie­rung, Er­do­gan ganz klar zu si­gna­li­sie­ren, dass wir das in kei­ner Wei­se ak­zep­tie­ren. Muss die EU die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei ab­bre­chen? KRET­SCH­MANN Ja. Die soll­ten wir auf Eis le­gen, es darf kein neu­es Ka­pi­tel bei den Ver­hand­lun­gen er­öff­net wer­den. Wer die To­des­stra­fe ein­füh- ren will, kann nicht Mit­glied der EU wer­den. Wel­che Fol­gen fürch­ten Sie bei uns? KRET­SCH­MANN Wir müs­sen mit al­len Mit­teln ver­hin­dern, dass der in­ner­tür­ki­sche Kon­flikt zwi­schen Er­do­gan-Un­ter­stüt­zern und Er­do­ganGeg­nern auf deut­schen Stra­ßen aus­ge­tra­gen wird. Wir müs­sen dar­über in­ten­si­ve Ge­sprä­che mit den tür­ki­schen Ge­mein­den füh­ren. Wir kön­nen auch in kei­ner Wei­se ak­zep­tie­ren, dass Er­do­gan-An­hän­ger Lands­leu­te un­ter Druck set­zen, ih­re Kin­der von Schu­len zu neh­men, die an­geb­lich un­ter dem Ein­fluss der Gü­len-Be­we­gung ste­hen. Hier geht es um deut­sche Schu­len, die un­ter staat­li­cher Auf­sicht ste­hen, da gel­ten deut­sche Bil­dungs­plä­ne. Wir er­war­ten von al­len Tür­ken, auch den Er­do­gan-An­hän­gern, die hier le­ben, dass sie sich an die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung hal­ten. Was kann hel­fen, sol­che Ter­ror­ak­te wie in Ans­bach zu ver­hin­dern? KRET­SCH­MANN Die Zahl der Ge­walt­ta­ten und An­schlä­ge, die uns in jüngs­ter Zeit heim­ge­sucht ha­ben, und ih­re Bru­ta­li­tät sind be­drü­ckend. Nicht al­le, sie­he die schreck­li­chen Mor­de in Mün­chen oder die Tat in Reutlingen, ha­ben ei­nen ter­ro­ris­ti­schen oder is­la­mis­ti­schen Hin­ter- grund. Aber auch hier muss uns die un­ge­hemm­te Ge­walt­be­reit­schaft sor­gen. Si­cher kann der Is­lam­un­ter­richt da­bei hel­fen, jun­gen Mus­li­men den Un­ter­schied zwi­schen Ter­ro­ris­mus und ih­rer Welt­re­li­gi­on, dem Is­lam, zu ver­deut­li­chen. Zu den ers­ten Pflich­ten des Staa­tes ge­hört es, für die Si­cher­heit der Men­schen zu sor­gen und un­se­re frei­heit­li­che Ge­sell­schaft zu schüt­zen. Auch wenn es ei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit nicht ge­ben kann, müs­sen wir al­les da­für tun, sol­che Ta­ten zu ver­hin­dern und Ter­ror zu be­kämp­fen. Wir ha­ben da­zu schon nach den schreck­li­chen An­schlä­gen in Pa­ris An­ti-Ter­ror­pa­ke­te auf­ge­legt und zum Bei­spiel Prä­ven­ti­on, Po­li­zei und Ver­fas­sungs­schutz ver­stärkt. Auch jetzt schau­en wir, wie wir uns hier noch bes­ser auf­stel­len kön­nen. Brau­chen wir in die­sen Zei­ten ei­nen ge­lern­ten Po­li­ti­ker als Prä­si­den­ten? KRET­SCH­MANN Das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten ist das höchs­te po­li­ti­sche Amt im Staa­te, des­halb muss es ein Po­li­ti­ker sein. Der am­tie­ren­de Bun­des­prä­si­dent war da ei­ne Aus­nah­me. Aber Gauck war ja im­mer ein po­li­ti­scher Mensch. Der neue Prä­si­dent muss in der La­ge sein, für den Zu­sam­men­halt der Ge­sell­schaft zu kämp­fen, sie nicht zu spal­ten. Ich war­ne vor par­tei­tak­ti­schem Kal­kül bei der Prä­si­den­ten­wahl. Ich kann al­len Par­tei­en nur ra­ten, ei­nen par­tei­über­grei­fen­den Kon­sens zu fin­den. Es wä­re schön, wenn es ei­ne Frau wä­re, aber das kann nicht das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um sein. Hat Ihr ei­ge­nes Image durch die ge­hei­men Ne­ben­ab­spra­chen mit der CDU ei­nen Krat­zer be­kom­men? KRET­SCH­MANN Das wird sich er­wei­sen. Ne­ben­ab­spra­chen sind üb­lich und un­um­gäng­lich in der Po­li­tik. Al­les an­de­re wä­re na­iv. Die Ab­spra­chen ha­be ich sehr be­wusst ge­macht. Ich über­neh­me da­für die vol­le Ver­ant­wor­tung, denn es ist nichts Un­rech­tes ab­ge­spro­chen wor­den, son­dern die Ab­spra­chen die­nen dem Zu­sam­men­halt der Ko­ali­ti­on. Des­halb ha­be ich über­haupt kein schlech­tes Ge­wis­sen. Die Bür­ger­schaft hat ei­nen An­spruch dar­auf, dass die neue Ko­ali­ti­on das Land fünf Jah­re or­dent­lich re­giert und vor­an­bringt.

FO­TOS: CHRIS­TOPH SCHMIDT

Der baden-würt­tem­ber­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (68) in sei­nem Stutt­gar­ter Amts­sitz, der Vil­la Reit­zen­stein.

Re­dak­teu­rin Birgit Mar­schall im Ge­spräch mit Kret­sch­mann.

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