Flug­lot­sen schei­tern höchst­rich­ter­lich

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Die Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) muss dem Flug­ha­fen­be­trei­ber Fra­port Scha­den­er­satz für ei­nen Streik 2012 zah­len. Die Rich­ter be­grün­den dies da­mit, dass die Spar­ten­ge­werk­schaft sich die fal­schen Kampf­zie­le aus­ge­sucht hat­te.

ER­FURT Für die mit nur 4000 Mit­glie­dern klei­ne, aber schlag­kräf­ti­ge Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) war ges­tern ein schwar­zer Tag. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­don­ner­te sie zur Zah­lung von Scha­den­er­satz an die Frank­fur­ter Flug­ha­fen­ge­sell­schaft Fra­port (Az.: 1 AZR 160/14). Aus­lö­ser des Rechts­streits war ein Streik der Vor­feld­lot­sen aus dem Jahr 2012. Die Klä­ger hat­ten der GdF vor­ge­wor­fen, mit dem Ar­beits­kampf auch für Zie­le ge-

Ja­cob Jous­sen kämpft zu ha­ben, für die zum Streik­zeit­punkt noch ei­ne Frie­dens­pflicht ge­gol­ten ha­be. Das sa­hen die Er­fur­ter Rich­ter ges­tern – an­ders als zwei Vor­in­stan­zen in Hes­sen – ge­nau­so. Sie er­klär­ten den Streik für rechts­wid­rig. Nun muss das Lan­des­ar­beits­ge­richt in Hes­sen über die Hö­he der Zah­lung ent­schei­den. Fra­port hat­te die Ein­nah­me­ver­lus­te durch Hun­der­te aus­ge­fal­le­ne Flü­ge auf 5,2 Mil­lio­nen Eu­ro be­zif­fert.

„In Deutsch­land ha­ben wir sehr eng ge­fass­te Vor­stel­lun­gen, wann ein Ar­beits­kampf recht­mä­ßig ist“, sag­te der Bochu­mer Ar­beits­rechts­pro­fes­sor Ja­cob Jous­sen un­se­rer Re­dak­ti­on, „zu­nächst ein­mal dür­fen Ge­werk­schaf­ten nur für die­je­ni­gen Din­ge strei­ken, die sich auch ta­rif­ver­trag­lich re­geln las­sen. Po­li­ti­sche Streiks sind bei uns da­mit schon ein­mal ver­bo­ten – üb­ri­gens an­ders als in Frank­reich.“

Ge­be es schon ei­nen Ta­rif­ver­trag über be­stimm­te Punk­te, müss­ten die Ge­werk­schaf­ten auf­pas­sen, nur für je­ne Punk­te zu kämp­fen, die von ei­ner wirk­sa­men Kün­di­gung be­trof­fen sei­en, sagt Jous­sen und er­gänz­te. „Das müs­sen die Be­schäf­tig­ten schon früh im Blick ha­ben – näm­lich be­reits in dem Mo­ment, in dem sie den Ar­beit­ge­bern zum Ver­hand- lungs­auf­takt ih­ren Ziel­for­de­rungs­ka­ta­log über­mit­teln.“Tau­che dar­in ei­ne For­de­rung auf, die in ei­nem an­de­ren Ver­trag mit noch lau­fen­der Frie­dens­pflicht ent­hal­ten sei, hand­le es sich um ei­nen rechts­wid­ri­gen Streik, der auch Scha­den­er­satz­an­sprü­che nach sich zie­hen kön­ne.

Die Aus­gangs­la­ge bei der GdF war ex­trem kom­pli­ziert: Sie hat­te mit der Fra­port ei­nen Ta­rif­ver­trag für die Mit­ar­bei­ter der Vor­feld­kon­trol­le und der Ver­kehrs­zen­tra­le ge­schlos­sen. Des­sen Re­ge­lun­gen be­sa­ßen un­ter­schied­lich lan­ge Lauf­zei­ten. Ein Teil war erst En­de 2017 künd­bar, ein an­de­rer be­reits En­de 2011. Als es in dem Ta­rif­kon­flikt 2012 zu kei­ner Ei­ni­gung kam, wur­de zu­nächst ei­ne Sch­lich­tung ver­ein­bart. Der Vor- schlag des Sch­lich­ters be­zog sich nicht nur auf den ge­kün­dig­ten Teil des Ta­rif­ver­trags, son­dern auch auf je­nen, für den noch die Lauf­zeit bis En­de 2017 galt. Dar­in lag der Feh­ler der GdF: Als sie an­kün­dig­te, das Sch­lich­tungs­er­geb­nis per Streik durch­zu­set­zen, ge­schah nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter der Rechts­bruch. Die Ein­wän­de der GdF, sie hät­te den­sel­ben Streik auch oh­ne die mit der Frie­dens­pflicht be­leg­ten For­de­run­gen durch­ge­führt, lie­ßen die Rich­ter nicht gel­ten.

Im Üb­ri­gen hät­te es ein noch viel schwär­ze­rer Tag für die GdF wer­den kön­nen. Denn ne­ben der Fra­port hat­ten auch die Flug­ge­sell­schaf­ten Air Ber­lin und Luft­han­sa Scha­den­er­satz ver­langt. De­ren Kla­gen wie­sen die Rich­ter aber ab. Als Drit­te hät­ten sie kei­nen Scha­den­er­satz­an­spruch.

Die Exis­tenz der Ge­werk­schaft sei durch die Zah­lung an Fra­port nicht ge­fähr­det, sag­te GdF-Chef Mat­thi­as Maas nach der Ur­teils­ver­kün­dung. Gleich­wohl wer­te­ten meh­re­re Ver­tre­ter von Spar­ten­ge­werk­schaf­ten das Ur­teil als schwe­ren Schlag. Es sei exis­tenz­be­dro­hend für klei­ne Ge­werk­schaf­ten, wenn sie auf­grund von Form­feh­lern zu Scha­den­er­satz ver­pflich­tet wür­den, sag­te bei­spiels­wei­se Ni­coley Baublies, Vor­stands­mit­glied der Un­ab­hän­gi­gen Flug­be­glei­ter-Or­ga­ni­sa­ti­on.

Der Ar­beits­recht­ler Jous­sen be­grüß­te da­ge­gen die Klar­stel­lung der Rich­ter. „Bei dem Ur­teil han­delt es sich kei­nes­wegs um ei­ne Schwä­chung der Ta­rif­au­to­no­mie. Viel­mehr ist das Ge­gen­teil der Fall. Wahl­lo­se Streiks sind klar aus­ge­schlos­sen. Die Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber ha­ben da­mit kla­re Spielregeln für künf­ti­ge Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen.“

„Bei dem Ur­teil han­delt es sich um ei­ne Stär­kung

der Ta­rif­au­to­no­mie“

Pro­fes­sor für Ar­beits­recht an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum

FO­TO: DPA

Ei­ne Vor­feld­lot­sin im To­wer auf dem Flug­ha­fen in Frankfurt. Gera­de um die­se Be­rufs­grup­pe dreh­te sich der er­bit­ter­te Ta­rif­streit 2012, der die Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung nun teu­er zu ste­hen kommt.

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