Par­si­fal bei den Fun­da­men­ta­lis­ten

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON WOLF­RAM GO­ERTZ FO­TO: DPA

Pre­mie­re in Bayreuth: Uwe Eric Lau­fen­bergs Re­gie hat­te äs­the­ti­sche Schwä­chen, Hart­mut Ha­en­chen am Pult war aber ein Ge­winn.

BAYREUTH Die­ser Ta­ge kam vom Grü­nen Hü­gel ei­ne eben­so drol­li­ge wie be­denk­li­che Mel­dung. Die Bay­reu­ther Po­li­zei hat­te ei­ne Da­ten­ab­fra­ge über sämt­li­che Be­diens­te­te der Wa­gner-Fest­spie­le durch­ge­führt. Er­geb­nis: 35 Be­diens­te­te wa­ren ak­ten­kun­dig mit dem Ge­setz in Kon­flikt ge­ra­ten, und zwar we­gen Ge­walt­ver­bre­chen. Dies nährt die gera­de in Bayreuth gül­ti­ge Er­kennt­nis, dass Wa­gner al­le ma­gisch an­zieht, auch das Ges­in­del.

Wenn schon kei­ne rau­schen­den Emp­fän­ge, dann muss der Rausch halt im Saal statt­fin­den

Frei­lich wä­re die Po­li­zei bass er­staunt ge­we­sen, wenn sie das Scree­ning auf die Fi­gu­ren des „Par­si­fal“aus­ge­wei­tet hät­te: Auch dort hat fast je­der Dreck am Ste­cken. Par­si­fal? Schießt ei­nen Schwan vom Him­mel. Kling­s­or? Nimmt Grals­rit­ter in Gei­sel­haft. Kund­ry? Ver­führt sel­bi­ge. Gur­n­emanz? Lang­weilt mit sei­nen Er­zäh­lun­gen zu To­de.

Ja, über „Par­si­fal“hängt der Fluch, dass sich die­ses Stück kaum mehr stim­mig er­zäh­len lässt. Die Fi­gu­ren sind heu­te nicht ein­mal mit fromms­ter Nach­sicht zu er­tra­gen. Des­we­gen wird die Oper fort­wäh­rend psy­cho­ana­ly­siert, hin­ter­fragt, neu­er­zählt, räum­lich ver­la­gert. Bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len sind wir jetzt im Zwei­strom­land zwi­schen Eu­phrat und Ti­gris an­ge­kom­men, wir schau­en in ei­ne klei­ne christ­li­che Kir­che mit mau­ri­scher Ar­chi­tek­tur, die von An­grif­fen ei­ner ver­mut­lich is­la­mis­ti­schen Ter­ror­mi­liz mas­si­ve Schä­den da­von­ge­tra­gen hat. Die­se Chris­ten sind aber kei­ne Läm­mer, sie fei­ern ih­ren Glau­ben selbst mit dem In­grimm von Got­tes­krie­gern, und wenn sich ihr Grals­kö­nig Am­for­tas zur Ent­hül­lung des Grals ei­ne Dor­nen­kro­ne auf­setzt, rinnt ihm wie dem Ge­kreu­zig­ten Blut aus der Sei­te. Gur­n­emanz bie­tet uns sei­ne Li­ta­nei­en wie ein Pro­fes­sor im Fach Fun­da­men­ta­lis­mus, der sei­ne Eme­ri­tie­rung igno­riert und wei­ter­lehrt. Es kom­men auch Tou­ris­ten in die­se hei­li­ge Oa­se mit­ten in der Wüs­te und brin­gen Ge­fä- ße mit, als sei die­ses chaldäi­sche Kirch­lein ei­ne De­pen­dance von Lour­des.

Das hat sich der Re­gis­seur Uwe Eric Lau­fen­berg in­tel­li­gent aus­ge­dacht, er kann so den Re­li­gi­ons­kon­flikt im „Par­si­fal“zeit­ge­mäß ein­fan­gen, und der zwei­te Auf­zug zeigt dann, wo­hin die­se Ge­schich­te führt: Kling­s­or, der ge­fal­le­ne Grals­rit­ter, be­müht sich nach Kräf­ten, ein vor­bild­li­cher Mus­lim zu sein, doch schon wenn er sei­nen Ge­bets­tep­pich aus­legt, weiß er nicht, wo Os­ten ist. Es ist wohl auch der fal­sche Pro­phet für ihn; denn heim­lich hat er Kru­zi­fi­xe ge­la­gert und Peit­schen zur Selbst­gei­ße­lung, als kom­me er vom al­ten Glau­ben nicht los.

Als Ver­suchs­an­ord­nung ist das schön. Lei­der funk­tio­niert es auf der Büh­ne nicht, weil die „Par­si­fal“-Mu­sik we­der Iro­nie noch ideo­lo­gi­sche Um­deu­tung ver­trägt. Denn das hier auf der Büh­ne sind, wie ge­sagt, kei­ne my­thi­schen Ol­dies aus dem Mitt­le­ren Os­ten, die Scha­ra­den auf­füh­ren; nein: Lau­fen­berg pro­biert den rea­lis­ti­schen Trans­fer in den heu­ti­gen Irak. Und dann ent­steht eben Kin­topp, wenn Par­si­fal im zwei­ten Akt wie ein GI mit Ma­schi­nen­pis­to­le in Kling­s­ors Zau­ber­burg (eben­falls ei­ne Kir­che) stürmt. Zu sei­nem Ent­zü­cken wird er dort je­doch von jun­gen Bauch­tän­ze­rin­nen ani­miert, die im schwü­len Fest­spiel­haus die best­mög­li­che Ar­beits­klei­dung an­le­gen durf­ten. Noch we­ni­ger Tex­ti­li­en sind in der le­gen­dä­ren Kar­frei­tag­saue im drit­ten Akt er­laubt: Bei die­ser na­tur­sze­ni­schen Völ­le­rei, Wa­g­ners eben­so vor­sätz­li­chem wie wun­der­vol­lem Aus­rut­scher in den Sa­kral­kitsch, rä­keln sich ei­ni­ge jun­ge Da­men un­ter war­men Re­gen­güs­sen aus dem Schnür­bo­den so na­tur­be­las­sen, wie Gott sie schuf. Am En­de zie­hen al­le in fei­er­li­cher Pro­zes­si­on ei­nem Licht auf der Hin­ter­büh­ne ent­ge­gen, und Par­si­fal trägt ei­nen schwar­zen An­zug, als sei es jetzt ei­ne kon­zer­tan­te Auf­füh­rung.

War­um klappt das nicht als In­ter­pre­ta­ti­on? Weil man das wei­se Pa­pier der Dra­ma­tur­gie zu stark spürt, das sich nicht glaub­wür­dig mit Le­ben auf der Büh­ne fül­len mag. Weil die Kon­kret­heit der Bil­der mit der sinn­lich ver­dun­kel­ten Mu­sik nicht zu­sam­men­fin­det. Nur ein­mal stellt sich ein fas­zi­nie­ren­der Mo­ment ein: wenn sich der Re­gis­seur von sei­nem Er­zähl­thea­ter löst und zur Ver­wand­lungs­mu­sik im ers­ten Akt den Spruch des Gur­n­emanz („Zum Raum wird hier die Zeit“) vi­deo­künst­le­risch um­deu­tet.

Da zoomt ei­ne Ka­me­ra wie bei Goog­le Earth von der Kir­che aus ra­sant hoch ins All, saust an den ge­wal­ti­gen Pro­tu­ber­an­zen der Son­ne vor­bei ins Or­bit, als sä­ßen wir auf der Kom­man­do­brü­cke der „En­ter­pri­se“, dort kommt es zu lus­ti­gen Bei­na­he-Kol­li­sio­nen, und dann schießt die Ka­me­ra wie­der zu­rück in un­ser ver­lo­re­nes Kirch­lein, als sei die Rei­se ei­ne Fa­ta Mor­ga­na und sonst nichts ge­we­sen. Aber die­se ga­lak­ti­sche Ex­kur­si­on be­weist dann eben doch, dass Lau­fen­berg sei­nem ei­ge­nen Re­gie­kon­zept nicht lü­cken­los traut.

Ein biss­chen scha­de ist das schon, vor al­lem, weil Hart­mut Ha­en­chen am Pult des Fest­spiel­or­ches­ters nach Kräf­ten hilft, ei­nen Thril­ler um be­dräng­te Chris­ten­heit mit zeit­ge­mä­ßen Tem­pi zu be­glei­ten. Hin­rei­ßend macht das der Di­ri­gent, der ja für An­d­ris Nel­sons ein­ge­sprun­gen ist; er scheut nicht vor dem Ad­a­gio zu­rück, dem sü­ßen lang­sa­men Strö­men der Mu­sik, zu­gleich be­wäl­tigt er auch die pro­zess­haf­ten Stre­cken mit flie­ßen­der Ge­nau­ig­keit; und in den De­tails ist er grif­fig nah an den No­ten. Das ist ei­ne „Par­si­fal“-Les­art, die in ih­ren vie­len bes­ten Mo­men­ten an den un­ver­ges­se­nen Pier­re Bou­lez er­in­nert.

Bei den Sän­gern ist es der gran­dio­se Ge­org Zep­pen­feld als Gur­n­emanz, der uns lehrt, wie man Wa­gner singt: kan­tig in der De­kla­ma­ti­on, bal­sa­misch in der Flut der Stim­me, weit im An­satz. Schö­ner geht das nicht. Bay­reuthia­ner, die den „Par­si­fal“-Text ken­nen, wa­ren bei der groß­ar­ti­gen, doch et­was un­deut­li­chen Ele­na Pank­ra­to­va klar im Vor­teil. Klaus Flo­ri­an Vogt singt den Par­si­fal mar­kant, ein tap­fe­rer Held mit nor­di­scher Her­kunft und et­was wei­ßer Stim­me. Es fehlt da ein biss­chen Bron­ze im Tim­bre. Fast zu viel Erz ver­brei­tet hin­ge­gen der Fest­spiel­chor, vor dem so­gar IS und Ta­li­ban ge­mein­sam in die Knie ge­hen wür­den.

Hin­ter­her ent­spann­ter Ju­bel. Wenn schon kei­ne rau­schen­den Emp­fän­ge in die­sem Jahr, dann muss der Rausch halt im Saa­le statt­fin­den.

Und der Fun­da­men­ta­lis­mus fand ja auch nur auf der Büh­ne statt.

Par­si­fal (Klaus Flo­ri­an Vogt, M.) mit Kling­s­ors Zau­ber­mäd­chen in Bayreuth.

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