Le­ben und Ster­ben auf Lam­pe­du­sa

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Die Ki­no-Do­ku­men­ta­ti­on „See­feu­er“bie­tet ei­nen be­ein­dru­cken­den Be­richt über die Flücht­lings­kri­se.

DÜSSELDORF Der zwölf Jah­re al­te Sa­mue­le ist ei­ner der lie­bens­wer­tes­ten Jungs der jün­ge­ren Ki­no­ge­schich­te, man möch­te ihn ei­gent­lich stän­dig in den Arm neh­men. Er will Fi­scher wer­den, das liegt na­he, denn er lebt auf ei­ner In­sel. Al­ler­dings hat er ein Pro­blem, er wird schnell see­krank, das muss er noch in den Griff be­kom­men, und bis da­hin schießt er erst­mal mit der St­ein­schleu­der auf die rie­si­gen Kak­te­en, die in sei­ner Hei­mat wach­sen. Au­ßer­dem ha­dert er mit den eng­li­schen Vo­ka­beln, die er ler­nen soll, er isst Spa­ghet­ti mit Tin­ten­fisch und re­det viel mit sei­ner Groß­mut­ter, die so gern das Wunsch­kon­zert im Lo­kal­ra­dio hört. Un­be­schwer­te Ju­gend, viel Hei­ter­keit. Dann er­fährt man, dass Sa­mue­le auf Lam­pe­du­sa ge­bo­ren wur­de, der ers­ten eu­ro­päi­schen Auf­nah­me­sta­ti­on für afri­ka­ni­sche Boots­flücht­lin­ge.

„See­feu­er“heißt die Do­ku­men­ta­ti­on des ita­lie­ni­schen Re­gis­seurs Gi­an­fran­co Ro­si, der die Gleich­zei­tig­keit von Ar­g­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung ab­bil­det. Ro­si hat mit dem auch äs­t­he­tisch ein­dring­li­chen Film bei der Ber­li­na­le den Gol­de­nen Bä­ren ge­won­nen, und tat­säch­lich ge­lingt ihm et­was Au­ßer­or­dent­li­ches: das Ne­ben­ein­an­der ab­zu­bil­den, das man Le­ben nennt.

Ro­si hat ein Jahr in Lam­pe­du­sa ge­lebt, der In­sel in der Meer­pas­sa­ge zwi­schen Si­zi­li­en und Tu­ne­si­en. Er por­trä­tiert den All­tag der Leu­te dort, beim Tau­chen nach Schwäm­men, in der Dorf­schu­le und bei Tisch. Es sind zum Teil traum­haft schö­ne Bil­der, aber nichts dar­an ist de­signt, das Le­ben dort bie­tet die­se An­sich­ten nun mal, und des­halb wir­ken die No­t­ru­fe, die durch die Nacht zu­cken, dop­pelt grau­sam. Sie stam­men von den über­füll­ten Schlep­per­bot­ten, und der Ver­bin­dungs­mann zwi­schen den exis­ten­zi­el­len Er­fah­run­gen ist der Arzt Bar­to­lo, der so­wohl ein­hei­mi­sche Kin­der be­han­delt als auch Flücht­lin­ge. Er un­ter­sucht die An­kom­men­den, und sein Be­richt ist so grau­en­haft, dass er die Zu­schau­er über die Schmerz­gren­ze stößt. Der Arzt be­schreibt, was er im Un­ter­deck man­cher Schif­fe sieht. Gesta­pel­te Lei­chen. Müt­ter, die auf See ent­bun­den ha­ben. Men­schen, die vom Ge­misch aus Die­sel und Salz­was­ser in ih­rer Klei­dung Ve­rät­zun­gen er­lit­ten. Es gibt kei­ne Stim­me aus dem Off und kei­ne Kom­men­ta­re. Ro­si hält sei­ne Ka­me­ra auf zwei Wel­ten, die den Ort ge­mein­sam ha­ben und das Stre­ben – es ist das nach Hoff­nung.

„See­feu­er“ist ein Film über die Le­ben­den und die To­ten, über das La­chen und das Wei­nen, über das Her­an­wach­sen und das Ster­ben. Ro­si hat für die­se Pro­duk­ti­on ei­ne Form ge­fun­den, die ide­al ist, um Ge­gen­wart ab­zu­bil­den und schein­bar Un­ver­ein­ba­res in sei­ner Par­al­le­li­tät zu er­fas­sen. Vor drei Jah­ren be­reits ge­wann der Re­gis­seur bei den Fest­spie­len in Ve­ne­dig mit sei­ner Do­ku­men­ta­ti­on „Sa­cro GRA – Das an­de­re Rom“. Nun hat er ein meis­ter­li­ches Werk ge­lie­fert, über das in Ber­lin hef­tig ge­strit­ten wur­de, weil Ro­si nicht da­vor zu­rück­schreckt, Ster­ben­de und Lei­chen zu zei­gen.

„See­feu­er“geht ei­nem lan­ge nach, man nimmt die­sen ir­ri­tie­ren­den Film mit in die Nacht. Und Sa­mue­le schließt man ins Herz; man wür­de dem­nächst sehr ger­ne wie­der et­was von ihm hö­ren. See­feu­er, Ita­li­en 2016 – Re­gie: Gi­an­fran­co Ro­si , 114 Min., ab 12 Jah­re.

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