Nachts im Mu­se­um

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON KLAS LIBUDA

Was pas­siert in ei­nem Mu­se­um, wenn es längst ge­schlos­sen ist. Un­ser Au­tor woll­te im NRW-Fo­rum über­nach­ten, fand aber we­nig Schlaf.

Das Licht macht kei­ner aus. Das Licht bleibt die gan­ze Nacht an. Das war ja, was mich vor­her ganz be­son­ders um­ge­trie­ben hat: Wo macht man im Mu­se­um ei­gent­lich das Licht aus?

Zu­hau­se ist das ein­fach, der Licht­schal­ter ist rechts ne­ben der Schlaf­zim­mer­tür. Gera­de nah ge­nug, um mit den Fin­ger­spit­zen dran­zu­kom­men, wenn es gar nicht mehr geht, wenn die Au­gen zu­fal­len und am nächs­ten Morgen nicht mehr klar ist, wo­rum es zu­letzt in der Bett­lek­tü­re ging. Aber hier, zwei­ter Raum, letz­te Ecke, zwi­schen ei­ner Ig­lu-In­stal­la­ti­on aus Alu und ei­ner aus durch­sich­ti­ger Fo­lie gibt es kei­nen Schal­ter. „UUUUU(TOPIA)“heißt die Land­schaft, in der ich mein Nacht­la­ger auf­ge­schla­gen ha­be. In Uto­pia ist im­mer Däm­mer­licht.

Die Ham­bur­ger Künst­ler Jan Holt­mann und Ar­min Chod­zin­ski hat­ten da­zu ein­ge­la­den, ei­ne Nacht im NRW-Fo­rum zu blei­ben. Das ist Teil der „Pla­net B“-Aus­stel­lung, die zur­zeit im Haus zu se­hen ist. Fünf Näch­te lang wol­len sie die Aus­stel­lungs­räu­me be­spie­len, für je­de Nacht ha­ben sie Gäs­te ein­ge­la­den. Es gibt ein Log­buch, ein Film­set, ei­ne Näh- und ei­ne Schreib­ma­schi­ne – aber das al­les wird kei­ne Rol­le spie­len. Die Künst­ler nen­nen das „Ex­pe­di­ti­on“, sie wol­len „Spu­ren in der Nacht“hin­ter­las­sen – war an­ge­kün­digt. Die Spu­ren die­ser Nacht wer­den dann aber vor al­lem dunk­le Au­gen­rin­ge und ge­leer­te Wein­fla­schen sein.

Über­haupt ist es das Al­ler­schöns­te, nachts mit ei­nem Weiß­wein vor der Tür des NRW-Fo­rums zu ste­hen, mit den Rau­chern ei­ne Zi­ga­ret­ten­pau­se ein­zu­le­gen und schließ­lich das halb vol­le Gläs­chen rein­zu­tra­gen, mit­ten in die Aus­stel­lungs­räu­me, darf man ja sonst nie. Es wird so­gar ge­kocht. Zwi­schen der Zei­trei- se-In­stal­la­ti­on von Hör­ner/Ant­l­fin­ger, Eric Wink­lers Po­li­zei­uni­for­mEnt­wür­fen und dem Raum­schiff vom La­bor Fou gibt es Nu­deln mit Ge­mü­se und To­ma­ten­sa­lat, ab halb eins auch Dop­pel­kek­se.

„Pla­net B“fragt nach Zu­kunfts­ent­wür­fen, Ide­en für ei­ne neue Welt sol­len ent­wi­ckelt und ge­sam­melt wer­den, und pünkt­lich um 19.30 Uhr fällt die Tür ins Schloss, es sind jetzt al­le da, und al­les ist of­fen. Fast al­les, ein paar Tü­ren sind ge­si- chert. „Al­les, was blinkt“so­wie die Tü­ren an den Not­aus­gän­gen sol­len bit­te nicht ge­öff­net wer­den, sagt Jan Holt­mann, denn dann kä­me die Po­li­zei. Und das er­klär dann mal: War­um du bit­te­schön am spä­ten Abend durch den Kel­ler ei­nes Aus­stel­lungs­hau­ses schleichst.

Alain Bie­ber, der seit ei­nem Jahr das NRW-Fo­rum am Eh­ren­hof lei­tet, hat Holt­mann und Chod­zin­ski ein­ge­la­den, ihr Kon­zept der lan­gen Nacht hat ihm si­cher gut in den Kram ge­passt. Denn Bie­ber hat zu­letzt vie­le For­ma­te aus­pro­biert, er hat ver­sucht, das Haus kräf­tig her­aus­zu­put­zen, aber was man jetzt be­merkt: Hin­ter den glän­zen­den Fas­sa­den herrscht im­mer noch der al­te Muff. In den Trep­pen­häu­sern und im Kel­ler müss­te drin­gend mal ge­lüf­tet wer­den, und nach ein paar Tü­ren steht ir­gend­wo ein schö­nes, aber lei­der ram­po­nier­tes Ka­na­pee her­um – müss­te wohl mal wer den Sperr­müll ru­fen.

Oben wird an ei­nem Press­holz­tisch ge­spro­chen, ei­gent­lich geht es um Uto­pi­en, aber al­les an­de­re ist auch in­ter­es­sant. Ein Pro­fes­sor aus Bern ist ge­kom­men, ei­ne ehe­ma­li­ge Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin, ein Mu­si­ker und ei­ne Fil­me­ma­che­rin, ei­ne Kir­chen­funk­tio­nä­rin und ein Zü­ri­cher Kunst­ken­ner. Als die Grü­ne meint, das, was „Trol­le“, al­so Pro­vo­ka­teu­re im In­ter­net, ab­las­sen, sei viel­leicht ja Da­da­is­mus, sagt der Zü­ri­cher nur „lang­sam, lang­sam“. Es wird ein Lied der Band Bl­um­feld ge­hört, das heißt „Kommst du mit in den All­tag“, aber da­von ist die­ser Ort heu­te Nacht weit ent­fernt. Das sei hier wie in der „Oce­an’s“-Film­rei­he, in der zwei Hand­voll Dieb­stahl-Spe­zia­lis­ten Tre­so­re kna­cken, meint Chod­zin­ski. Nur Ge­or­ge Cloo­ney fehlt und zur Tat schrei­tet auch nie­mand, weil es so viel gibt, über das es erst nach­zu­den­ken gilt. Viel­leicht ist das ja auch der Schlüs­sel – dann muss man nichts auf­bre­chen.

Je­den­falls ist ir­gend­wann schon drei Uhr durch, und nicht mal al­le sie­ben Gäs­te wur­den vor­ge­stellt. Das soll­te ei­gent­lich bis 22 Uhr er­le­digt sein, sagt Holt­mann. Aber so ist es auch gut. Um sie­ben Uhr soll Schluss sein, um acht kom­men die Putz­kräf­te, al­so schnell noch ein Plätz­chen ge­sucht. Erst vor Ka­thryn Fle­mings Tier­prä­pa­ra­ten, aber da gibt es ei­ne Sound­in­stal­la­ti­on, die brummt, und so rich­tig schön ist das zum Schla­fen auch nicht mit den Tie­ren. Schließ­lich in Uto­pia ver­krie­chen und bis vier nicht ein­schla­fen kön­nen, drü­ben la­chen die Wach­ge­blie­be­nen. Schließ­lich doch ein­schla­fen, auf­wa­chen, um­schau­en. Der Pro­fes­sor hat sich fünf Me­ter wei­ter zur Ru­he ge­legt. Er winkt sprach­los. Noch ei­ne Ant­wort auf ei­ne an­de­re Fra­ge, die mich um­ge­trie­ben hat: Wie schläft’s sich in der Kunst? Nicht gut. Nur ei­ne St­un­de.

FO­TO: JAN HOLT­MANN

Kurz vor halb vier, nachts im NRW-Fo­rum: Un­ser Au­tor woll­te ei­gent­lich vor Ka­thryn Fle­mings Tier­prä­pa­ra­tSe­rie „End­less Form/ End­less“zur Ru­he kom­men, aber da brumm­te ei­ne Sound­in­stal­la­ti­on. Er schlief dann zwi­schen zwei Ig­lus.

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