Viel­leicht mag ich dich morgen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUF­NER

War es mög­lich . . .? Das darfst du nicht ein­mal den­ken, Ja­mes. Schlag es dir ein­fach aus dem Kopf.

Er be­trach­te­te ein Fo­to, auf dem Finn, oben oh­ne, an ei­nem Mo­tor­rad lehn­te. Er hat­te sich ei­nen schmud­de­li­gen Lap­pen über die Schul­ter ge­wor­fen. An sei­ner Wan­ge prang­ten auf­ge­mal­te Öl­schmie­rer, und er trug aus­ge­beul­te Je­ans. „Mei­ne Le­bens­phi­lo­so­phie? Ich bin gern der Typ, der für su­per­gei­le Au­gen­bli­cke sorgt.“

Je län­ger Ja­mes über all die­se schö­nen Men­schen nach­grü­bel­te, des­to we­ni­ger konn­te er ver­hin­dern, dass die häss­li­che Fra­ge wei­ter Gestalt an­nahm.

War es mög­lich, dass er ei­ne Frau lieb­te, die ihm un­sym­pa­thisch war?

Klopf, klopf! Bist du ge­sell­schafts­fä­hig, Dr. Ales­si?“

„Bin gleich so weit, Patrick!“, rief An­na. Bit­te stell dir jetzt nicht vor, wie ich halb nackt aus­se­he, dach­te sie da­bei. Ner­vös warf An­na ei­nen letz­ten Blick in den schmie­ri­gen Spie­gel, um Haa­re und Ma­ke-up ei­ner Prü­fung zu un­ter­zie­hen. Dann zupf­te sie ihr blau­es Woll­kleid über dem Bauch zu­recht. Sie nahm sich vor, so lan­ge wie mög­lich den Man­tel an­zu­be­hal­ten. Zu­min­dest, bis sie ein paar Drinks in­tus hat­te. Das Kleid war zwar nicht tief aus­ge­schnit­ten, aber en­ger an­lie­gend, als sie ge­wohnt war.

Da sie Kla­mot­ten­kau­fen ver­ab­scheu­te, hat­te sie es bis zur letz­ten Mi­nu­te hin­aus­ge­zö­gert und sich schließ­lich bei Hobbs für zwei­hun­dert Pfund von dem Pro­blem frei­ge­kauft, das rich­ti­ge Out­fit für die Theo­do­ra-Ver­nis­sa­ge zu fin­den.

„Vic­to­ria geht mit uns zu­sam­men hin“, fuhr Patrick in dem an­ge- spann­ten Ton­fall fort, den Men­schen be­nut­zen, um ih­re Kol­le­gen da­vor zu war­nen, dass der Chef in Hör­wei­te ist – Wir sind jetzt auf Sen­dung, al­so kei­ne Wör­ter wie Mist und be­schis­sen, bit­te.

„Wie schön. Fer­tig!“, ver­kün­de­te An­na und öff­ne­te die Tür. Patricks Be­geis­te­rungs­stür­me über ihr Aus­se­hen wur­den von Vic­to­ri­as fins­te­ren Bli­cken rasch im Keim er­stickt.

Vic­to­ria Chal­lis war die In­sti­tuts­lei­te­rin und eben­so furcht­er­re­gend, wie sie aus­sah. Sie war et­wa eins fünf­zig groß und trug ei­ne graue Topf­fri­sur mit ei­gen­ar­ti­gen waa­ge­rech­ten Stu­fen an der Sei­te. Und nur für den Fall, dass je­mand noch im­mer nicht ver­stan­den ha­ben soll­te, wie sehr sie al­les Rü­schi­ge ver­ab­scheu­te, lief sie aus­schließ­lich in Ho­sen­an­zü­gen mit Her­ren­hemd und Kra­wat­te her­um. Ei­gent­lich hät­te An­na sie ja da­für be­wun­dert, dass sie dem Dress­code der Ge­sell­schaft so un­be­küm­mert ei­ne lan­ge Na­se mach­te. Nur dass sie viel zu sehr da­mit be­schäf­tigt war, Angst vor die­ser Frau zu ha­ben.

Mit Vor­ur­tei­len be­haf­te­te Men­schen hät­ten nun ver­mu­tet, dass Vic­to­ria dem ei­ge­nen Ge­schlecht zu­ge­tan war. Doch mit ih­rem Mann Frank, sei­nes Zei­chens Ma­the­ma­tik­do­zent im sel­ben Hau­se, ver­band sie ei­ne drei­ßig­jäh­ri­ge Ehe.

„Sie sieht ih­rem Mann ähn­li­cher als er selbst“, hat­te ein Kol­le­ge, nicht un­be­dingt ein Gen­tle­man, ein­mal ge­läs­tert.

Ob­wohl der Fuß­weg vom UCL zum Mu­se­um nicht weit war, schien er sich ei­ne Ewig­keit hin­zu­zie­hen, denn Vic­to­ria hör­te nicht auf, An­na mit Fra­gen zur Aus­stel­lung zu bom­bar­die­ren. Ihr Ton­fall hat­te ei­ne ein­schüch­tern­de Wir­kung auf An­na, ob­wohl sie auf al­les ei­ne Ant­wort wuss­te.

An­na kann­te Theo­do­ra vor­wärts und rück­wärts und – im Sin­ne der spät­an­ti­ken akro­ba­ti­schen Strip­shows – im Kopf­stand und an den un­aus­sprech­lichs­ten Stel­len mit Gers­te be­streut. Den­noch schien Patrick in Sor­ge zu sein, dass sie ins Sto­cken ge­ra­ten könn­te – wes­halb er Vic­to­ria stän­dig et­was grob un­ter­brach mit Be­mer­kun­gen wie „Du hast doch ge­sagt, John Her­bert sei be­geis­tert von dei­ner Ar­beit, An­na?“.

Vic­to­ria Chal­lis, auch der Schier­lings­be­cher ge­nannt, ver­zog zu­neh­mend ver­är­gert das Gesicht, bis sie schließ­lich blaff­te: „Die Frau hat selbst Stimm­bän­der, Dr. Pri­ce!“Ein Ge­spräch mit Vic­to­ria war, als ris­se man die Tür ei­nes Hoch­ofens auf. Da sie gera­de in die­sem Mo­ment ih­re Män­tel an der Gar­de­ro­be des Bri­tish Mu­se­um ab­ga­ben, ver­gaß An­na zu sa­gen, dass sie ih­ren ei­gent­lich an­be­hal­ten woll­te.

Als sie den Man­tel aus­zog, gaff­te Patrick un­ver­hoh­len, und An­na be­reu­te die Wahl des Klei­des. Sie wuss­te ih­re pla­to­ni­sche Be­zie­hung mit Patrick zu schät­zen und hat­te nicht die Ab­sicht, die­se aus dem Gleich­ge­wicht zu brin­gen, in­dem sie ihm haut­eng ver­pack­te Be­wei­se ih­rer Weib­lich­keit prä­sen­tier­te.

„An­na, darf ich dir sa­gen, dass du sen­sa­tio­nell aus­siehst!“, rief Patrick aus, wor­auf Vic­to­ria die Au­gen ver­dreh­te. – Zu An­nas Er­leich­te­rung gab es hier im Raum um ei­ni­ges sen­sa­tio­nel­le­re Blick­fän­ger, als sie es war. Der über­dach­te In­nen­hof des Bri­tish Mu­se­um hat­te nachts ei­ne wun­der­voll dra­ma­ti­sche Wir­kung. In der Mit­te be­fand sich der zy­lin­der­för­mi­ge Le­se­saal, um­ge­ben von ei­nem Ring aus weiß leuch­ten­den Lam­pen und mit her­ab­hän­gen­den Ban­nern ge­schmückt, die für die Theo­do­ra-Aus­stel­lung war­ben. Das Kup­pel­dach zer­teil­te den Abend­him­mel über ih­nen in Rau­ten. An­nas Herz mach­te ei­nen Satz, und sie wur­de von Auf­re­gung er­grif­fen. Der st­ei­ner­ne Raum hall­te vom Stim­men­ge­wirr der Gäs­te wi­der. Kell­ner tru­gen Ta­bletts mit Cham­pa­gner­flö­ten und pa­nier­ten auf­ge­spieß­ten Häpp­chen her­um. An Stän­den konn­te man den Aus­stel­lungs­ka­ta­log er­wer­ben und die of­fi­zi­el­le App her­un­ter­la­den. Ge­führ­te Grup­pen gin­gen in die Aus­stel­lung und ka­men wie­der her­aus . . . nun, wie Ag­gy es aus­ge­drückt hät­te: Oh­me­in­gott! Al­le wa­ren we­gen Theo­do­ra hier. Falls An­na nie­mals ei­ge­ne Kin­der ha­ben soll­te, er­leb­te sie nun zu­min­dest et­was Ähn­li­ches wie El­tern, wenn der Nach­wuchs sein Di­plom über­reicht be­kam oder hei­ra­te­te.

Sie hol­te tief Luft und ver­such­te, sich an den Rat zu hal­ten, den Dad ihr vor vie­len Jah­ren ge­ge­ben hat­te: Si­che­re dir auch mit­ten im To­hu­wa­bo­hu ei­nen Au­gen­blick der Ru­he und hal­te ihn fest. Ein sehr gu­ter Tipp, wenn man mit Ju­dy und Ag­gy zu­sam­men­leb­te.

Als sie noch ein­mal Luft hol­te – wenn sie sich recht er­in­ner­te, war es das zwei­te Mal in die­sem von Men­schen wim­meln­den Raum –, spür­te sie Au­gen auf sich. Sie blick­te auf und stell­te fest, dass sie Ja­mes Fra­ser ge­hör­ten. Er be­trach­te­te sie gleich­zei­tig amü­siert und neu­gie­rig. Be­stimmt fand er, dass so ein gla­mou­rö­ses Kleid et­was von ei­ner Ka­ri­ka­tur an ihr hat­te. So wie die Bil­der von po­ker­spie­len­den Hun­den. Als sie ihm zur Be­grü­ßung zu­nick­te, hob er sein Cham­pa­gner­glas.

„Dr. Ales­si, willkommen, willkommen! Wir ha­ben das al­te Mäd­chen hübsch her­aus­ge­putzt, fin­den Sie nicht?“(Fort­set­zung folgt)

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