UMS RAT­HAUS

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF -

Die nor­ma­ti­ve Kraft der Mas­se

Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten, Pro­ble­men zu be­geg­nen: Man kann weg­schau­en und so tun, als gä­be es sie nicht. Man kann sie ein Stück weit lö­sen, aber nicht in dem ge­bo­te­nen Um­fang. Man kann sich ih­nen auch stel­len und ver­su­chen, das Bes­te draus zu ma­chen. Letz­te­res führt ver­mut­lich zum bes­ten Er­geb­nis, wird aber lei­der zu sel­ten an­ge­wandt.

So auch der­zeit bei dem Mas­sen­phä­no­men Po­ké­mon-Go-Fans fan­gen in Mas­sen auf der Gi­rar­de­tB­rü­cke an der Kö­nigs­al­lee vir­tu­el­le Mons­ter. Das Spiel an sich mag man für über­flüs­sig hal­ten – den­noch ist die Sze­ne­rie, die seit ei­ni­gen Wo­chen als Er­geb­nis in der rea­len Welt zu be­ob­ach­ten ist, fas­zi­nie­rend: Die zu­meist, aber nicht nur ju­gend­li­chen Spie­ler ste­hen, sit­zen, leh­nen in Grup­pen auf der Brü­cke, im KöGr­a­ben, teils so­gar auf der Fahr­bahn, so dass kaum mehr Au­tos durch­kom­men.

Ei­ni­ge rei­sen da­für von weit­her an – Düsseldorf ist in der nicht ganz leicht ein­zu­fan­gen­den Ga­mer-Sze­ne gera­de ein be­kann­ter Ort. Und da­für muss­te bis­her we­der städ­ti­sches Geld in die Hand ge­nom­men noch das Stadt­mar­ke­ting der DMT ak­ti­viert wer­den. Doch im Rat­haus weiß man mit der kri­ti­schen Mas­se nicht rich­tig um­zu­ge­hen. Es wird ge­dul­det, dass die Po­ké­mon-Jä­ger Bän­ke auf der Kö ver­stellt ha­ben. Zu­sätz­li­che Sitz­plät­ze will man aber nicht schaf­fen – schließ­lich sei auf dem Pracht­bou­le­vard nur ein be­stimm­tes Mo­dell der Sitz­mö­bel zu­ge­las­sen. Dass die Men­ge sich im­mer mehr auf die Stra­ße ver­la­gert und Au­tos in die Que­re kommt, quit­tiert man mit ei­nem Schul­ter­zu­cken. Die Stra­ße zeit­wei­se sper­ren? Geht nicht. Dass all die­se Men­schen mal zur Toi­let­te müs­sen, gu­te Kun­den für Ge­trän­ke- und Es­sens­ver­käu­fer wä­ren – kei­ne Re­ak­ti­on. So kann man ei­ne über­ra­schend ge­won­ne­ne Kli­en­tel ver­grau­len.

In der So­zio­lo­gie spricht man von der nor­ma­ti­ven Kraft des Fak­ti­schen. Fak­ten schaf­fen Nor­men. Ein wich­ti­ger Fak­tor da­bei ist die Mas­se, viel­mehr die mas­sen­haf­te Ver­brei­tung be­stimm­ter so­zia­ler Ver­hal­tens­wei­sen. Die mag man gut fin­den oder nicht. Bes­ser ist, sie recht­zei­tig ernst zu neh­men.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.