Ich ste­he zu mei­nem Flücht­ling

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON JORIS HIELSCHER

Seit den Ter­ror­an­grif­fen in Bay­ern wird dis­ku­tiert, wel­che Ge­fahr von Flücht­lin­gen aus­geht. Han­ne­ke Hell­mann aus Gel­dern hat ei­nen 16-jäh­ri­gen Sy­rer auf­ge­nom­men und er­zählt, wie das Zu­sam­men­le­ben klappt und ob sie nun Angst hat.

GEL­DERN Ein Fuß­ball in Deutsch­land-Far­ben liegt im Gar­ten zwi­schen Ap­fel­bäu­men, vor dem ro­ten Back­stein­haus er­streckt sich ein Mais­feld. Die­se nie­der­rhei­ni­sche Idyl­le ist das Zu­hau­se von Han­ne­ke Hell­mann und ih­rem Mann – und seit we­ni­gen Wo­chen auch das von Ali Al Mo­ama­ri. Die ge­bür­ti­ge Hol­län­de­rin, die schon lan­ge in Gel­dern lebt, hat den 16-jäh­ri­gen Sy­rer, der zu­sam­men mit sei­nem gleich­alt­ri­gen Cou­sin Al­la­din Mo­ham­med vor dem Bür­ger­krieg ge­flo­hen ist, auf­ge­nom­men.

„Angst ha­be ich kei­ne. Ich ver­traue auf mei­ne Men­schen­kennt­nis“

Han­ne­ke Hell­mann

Pfle­ge­mut­ter

Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en und min­der­jäh­rig – da­mit ge­hö­ren die bei­den zu ei­ner Grup­pe, die seit den Ter­ror­an­schlä­gen in Bay­ern im Fo­kus des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses steht. In der Nä­he von Würz­burg ver­letz­te der 17-jäh­ri­ge Af­gha­ne Riaz K. mit Axt und Mes­ser meh­re­re Fahr­gäs­te ei­nes Re­gio­nal­zu­ges schwer und at­ta­ckier­te auch Po­li­zis­ten, die ihn in Not­wehr er­schos­sen. Und in Ans­bach zün­de­te der Sy­rer Mo­ham­mad Da­leel (27) ei­ne Split­ter­bom­be und tö­te­te sich da­mit selbst. 15 Per­so­nen wur­den ver­letzt, vier von ih­nen schwer. Seit­dem wird dis­ku­tiert, ob Flücht­lin­ge be­son­ders an­fäl­lig für ra­di­ka­le Het­ze sind und wel­che Ge­fahr von ih­nen aus­geht.

Ali und Al­la­din stam­men aus AlHas­a­ka im Nord­os­ten Sy­ri­ens. Seit gut vier Jah­ren ist die Stadt zwi­schen Re­gie­rungs­trup­pen, Op­po­si­ti­ons­ver­bän­den, dem Is­la­mi­schen Staat und kur­di­schen Mi­li­zen heiß um­kämpft.

Die Fa­mi- li­en der Ju­gend­li­chen fürch­te­ten, dass die bei­den ein­ge­zo­gen wür­den und kämp­fen müss­ten, und schick­ten sie nach Eu­ro­pa. „Sie ha­ben gesagt: Über­lebt und lernt was“, er­zählt Ali.

Der Groß­teil der Kin­der und Ju­gend­li­chen, die al­lei­ne nach Eu­ro­pa kom­men, flie­hen vor Ter­ror und Bür­ger­krie­gen aus zer­rüt­te­ten Staa­ten. Die Haupt­her­kunfts­län­der wa­ren im ver­gan­ge­nen Jahr Af­gha­nis­tan, Sy­ri­en, Eri­trea, Irak und So­ma­lia. Ju­gend­li­che aus Af­gha­nis­tan und Sy­ri­en stel­len die größ­ten Grup­pen. Die meis­ten sind zwi­schen 16 und 18 Jah­ren alt.

Die Cou­sins lan­de­ten im Sep­tem­ber in ei­ner Not­un­ter­kunft in Gel­dern. „Ei­gent­lich woll­te ich nur ein paar Klei­der vor­bei­brin­gen, doch dann sah ich Alis trau­ri­ges Ge­sicht“, er­zählt Han­ne­ke Hell­mann. Sie schnapp­te sich den Jun­gen, und ge­mein­sam gin­gen sie den Fuß­ball kau­fen, der jetzt in ih­rem Gar­ten liegt. Sie ent­schloss sich, die Vor­mund­schaft für bei­de zu über­neh­men. Ihr Vor­teil: Sie kennt sich aus, hat sie doch 20 Jah­re für das Ju­gend­amt ge­ar­bei­tet.

Die Ju­gend­äm­ter tra­gen die Ver­ant­wor­tung da­für, dass die un­be- glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­ge an­ge­mes­sen be­treut und un­ter­ge­bracht wer­den – zum Bei­spiel in Ju­gend­hei­men. Al­ler­dings klappt das in der Pra­xis oft nicht, weil durch den star­ken Zu­zug Plät­ze feh­len. Von den ins­ge­samt 52.000 min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­gen, die mo­men­tan in Deutsch­land le­ben, kam gut die Hälf­te im ver­gan­ge­nen Jahr. In NRW sind über 12.800 re­gis­triert.

Ali und Al­la­din ka­men nach sechs Mo­na­ten in der Not­un­ter­kunft in ein Kin­der­heim in Em­me­rich. Vie­le Ju­gend­li­che ha­ben dort mit Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und Dro­gen­pro­ble­men zu kämp­fen. An­de­re jun­ge Flücht­lin­ge ge­rie­ten so in Kon­takt mit Dro­gen und mit dem Ge­setz in Kon­flikt. „Ich ha­be mich dort nicht gut ge­fühlt“, er­zählt Al­la­din, der aus ei­ner Mit­tel­schichts­fa­mi­lie stammt. „Sie ge­hö­ren ein­fach nicht in ein Wai­sen­haus“, er­klärt Hell­mann. Sie nimmt die bei­den bei sich auf. „Ich will bei ei­ner Fa­mi­lie sein, das ist bes­ser für mich“, sagt Al­la­din. Er wird in we­ni­gen Ta­gen bei ei­ner an­de­ren Pfle­ge­fa­mi­lie in Gel­dern un­ter­kom­men.

Nur kur­ze Mo­men­te las­sen er­ah­nen, was die Her­an­wach­sen­den durch­ge­macht ha­ben müs­sen. Sie er­zäh­len sto­ckend, wie der IS in ih­rer Stadt Men­schen auf öf­fent­li­chen Plät­zen ver­stüm­mel­te und wie Alis zehn­jäh­ri­ger Bru­der durch ei­nen Gift­gas-An­griff schwer ver­letzt wur­de. Sie ha­ben Angst um ih­re An­ge­hö­ri­gen und durch­fors­ten st­un­den­lang das In­ter­net nach Neu­ig­kei­ten. „Mit den Ge­dan­ken bin ich oft in Sy­ri­en“, sagt Ali.

Ge­ra­de weil vie­le Flücht­lin­ge trau­ma­ti­siert und ent­wur­zelt sind, ist ei­ne fes­te Be­zugs­per­son wich­tig. Ju­gend­li­che, die in gro­ßen Ein­rich­tun­gen mit ge­rin­ger Be­treu­ung le­ben müs­sen, ha­ben es deut­lich schwe­rer, Er­leb­tes zu ver­ar­bei­ten und Hil­fe beim An- und Wei­ter­kom­men zu er­hal­ten, er­klärt To­bi­as Klaus vom Ver­band un­be­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge. „Wir müs­sen noch mehr auf­pas­sen, dass sich ein­zel­ne Flücht­lin­ge nicht iso­lie­ren und ra­di­ka­li­sie­ren“, warnt Kri­mi­no­lo­ge Chris­ti­an Pfeif­fer.

Die An­schlä­ge der zwei Flücht­lin­ge in Bay­ern ha­ben die Ju­gend­li­chen scho­ckiert. „Deutsch­land hilft ih­nen, und sie ma­chen so et­was. Sie sind be­kloppt, ver­rückt und ha­ben kein Herz“, er­ei­fert sich der sonst so stil­le Ali. „Als ich beim Fern­seh­schau­en zu ihm im Scherz gesagt ha­be, ,du wirst aber nicht so’, ist er tief be­lei­digt und oh­ne mir ei­ne Gu­te-Nacht-Kuss zu ge­ben, auf­ge­stan­den“, er­in­nert sich Hell­mann. Ali und Al­la­din fürch­ten, dass ih­nen die Deut­schen nun mit Miss­trau­en be­geg­nen. Hell­manns Ein­stel­lung hat sich nach den Ter­ror­at­ta­cken nicht ge­än­dert. „Angst ha­be ich kei­ne“, sagt sie. Sie wür­de auch das Ri­si­ko ein­ge­hen und ei­nen frem­den Ju­gend­li­chen auf­neh­men. „Nach so vie­len Jah­ren im Ju­gend­amt ver­traue ich auf mei­ne Men­schen­kennt­nis.“

Die vier­fa­che Mut­ter ver­sucht mit Ali so um­zu­ge­hen wie mit ih­ren eig­nen Kin­dern. Ein paar Un­ter­schie­de gibt es dann al­ler­dings schon: Ali ist Mos­lem, Schwei­ne­fleisch kommt bei den Hell­manns da­her nicht auf den Tisch. „Rin­der­sa­la­mi schmeckt auch“, be­schreibt sie ih­re ganz prag­ma­ti­sche Sicht. Der jun­ge Sy­rer müs­se sich aber eben­so an­pas­sen, er­klärt sie. So kön­ne er zwar Ra­ma­dan fei­ern, al­ler­dings dürf­ten sei­ne Leis­tun­gen in der Schu­le nicht dar­un­ter lei­den. Ge­strit­ten wer­de eher über All­täg­li­ches, zum Bei­spiel wenn Ali st­un­den­lang am Han­dy hängt. Die Pfle­ge­mut­ter schickt ihn dann raus zum Fuß­ball­spie­len.

FOTOS: GER­HARD SEYBERT

Der 16-jäh­ri­ge Ali Al Mo­ama­ri im Gar­ten sei­nes neu­en Zu­hau­ses. Seit ei­ni­gen Wo­chen wohnt er bei Fa­mi­lie Hell­mann in Gel­dern. Im Hin­ter­grund steht sei­ne Pfle­ge­mut­ter Han­ne­ke Hell­mann.

Al­la­din Mo­ham­med, Alis Cou­sin, wohnt vor­über­ge­hend auch bei den Hell­manns.

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