Waf­fen aus dem Dar­knet: BKA er­mit­telt ge­gen 85 Ver­däch­ti­ge

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Cy­ber-Kri­mi­na­li­tät rich­tet min­des­tens 40,5 Mil­lio­nen Eu­ro Scha­den an. Sie gleicht ver­ein­zelt be­reits ei­ner „wach­sen­den In­dus­trie“.

WIES­BA­DEN (may-) Seit dem Münch­ner Amok­lauf mit zehn To­ten ist das Dar­knet, der dunk­le und ver­bor­ge­ne Teil des In­ter­nets, in den Blick ge­rückt. Der At­ten­tä­ter soll sich dort die Waf­fe an­onym be­sorgt ha­ben. Und er ist längst nicht der ein­zi­ge il­le­ga­le Käu­fer im an­ony­men Cy­ber­raum. Hol­ger Münch, Prä­si­dent des Bun­des­kri­mi­nal­amts (BKA), sag­te, es wer­de in mehr als 80 Ver­fah­ren ge­gen 85 Ver­däch­ti­ge er­mit­telt. Da­bei geht es um Waf­fen­und Spreng­stoff­han­del im Dar­knet. Er be­dau­er­te, dass für On­li­ne- Durch­su­chun­gen nach Pass­wör­tern von Be­schul­dig­ten die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen fehl­ten.

Das Dar­knet ist für den ge­wöhn­li­chen Sur­fer nicht zu­gäng­lich. Er be­nö­tigt spe­zi­el­le Brow­ser oder Pro­gramm­mo­du­le, da­mit der un­sicht­ba­re Teil für ihn ein­seh­bar wird. In to­ta­li­tä­ren Staa­ten nut­zen Op­po­si­tio­nel­le das Dar­knet zur un­auf­fäl­li­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Des­halb ist für das In­nen­mi­nis­te­ri­um das Dar­knet an sich „we­der gut noch bö­se“. Al­ler­dings tum­meln sich hier vie­le Nut­zer mit kri­mi­nel­len Ab­sich­ten, bil­den sich vor­über­ge­hend im­mer wie­der Ver­kaufs­platt­for­men, über die Rausch­gift, Waf­fen und so­gar kri­mi­nel­le Di­enst­leis­tun­gen mit Schad­stoff­pro­gram­men oder ge­stoh­le­nen Kon­to­in­for­ma­tio­nen an­ge­bo­ten wer­den. Die IP-Adres­sen sind an­ony­mi­siert, wes­we­gen die Po­li­zei vor al­lem dann zu­schlägt, wenn Wa­re auch tat­säch­lich ge­lie­fert wird. Häu­fig tun die Ver­käu­fer auch nur so, als könn­ten sie Waf­fen lie­fern – und ma­chen sich mit dem Geld dann an­onym aus dem Staub. Je­den­falls be­güns­tigt das Dar­knet

Da ist die­ses Ge­fühl, nicht mehr hin­ter­her­zu­kom­men – ge­dank­lich, emo­tio­nal. Grau­sa­me Er­eig­nis­se aus höchst un­ter­schied­li­chen Mo­ti­ven sind in den ver­gan­ge­nen Ta­gen in der­art dich­ter Fol­ge ge­sche­hen, dass die Ver­füh­rung groß ist, sich in all­ge­mei­nen Pes­si­mis­mus zu stür­zen, sich den ei­ge­nen Ohn­machts­ge­füh­len hin­zu­ge­ben. Weil al­le Ge­dan­ken an die vie­len klei­nen po­si­ti­ven Din­ge, die je­den Tag auch ge­sche­hen, mick­rig er­schei­nen an­ge­sichts un­be­re­chen­ba­rer Ge­walt, die Tä­ter zu noch schreck­li­che­ren Ta­ten in­spi­riert und vie­le Men­schen zu Op­fern macht. Denn so un­ter­schied­lich die Fäl­le in Würz­burg, München, Ans­bach, Reut­lin­gen ge­la­gert sind, muss man schon fest­hal­ten, dass sich da ein er­schüt­tern­des Maß an Ver­nich­tungs­wil­len Bahn bricht. In un­ter­schied­li­chen Zu­sam­men­hän­gen tritt ei­ne in Krän­kung, Au­ßen­sei­ter­ge­füh­len und re­li­giö­sem Fa­na- laut BKA den Han­del mit so­ge­nann­ten re­ak­ti­vier­ten Schuss­waf­fen. In vie­len Län­dern sei­en nicht schar­fe De­ko­ra­ti­ons- oder Thea­ter­waf­fen frei ver­käuf­lich. Sie könn­ten durch Um­bau­ten aber schuss­fä­hig ge­macht wer­den. Mit ei­nem sol­chen Ex­em­plar sol­len auch in München die töd­li­chen Schüs­se ab­ge­feu­ert wor­den sein.

Die Cy­ber-Kri­mi­na­li­tät be­zeich­ne­te Münch bei der Vor­stel­lung ei­nes neu­en La­ge­bil­des als „wach­sen­des Ge­wer­be“, das in ein­zel­nen Be­rei­chen be­reits die Di­men­si­on von „wach­sen­der In­dus­trie“an­ge­nom­men ha­be. Auch die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät (OK) ent­de­cke das Netz für Raub­zü­ge, Er­pres­sun­gen und an­de­re Ver­bre­chen. Er­mit­tel­te das BKA 2013 noch ge­gen sechs OKG­rup­pie­run­gen im Netz, wa­ren es ver­gan­ge­nes Jahr be­reits 22.

Um 2,8 Pro­zent auf 40,5 Mil­lio­nen Eu­ro stieg der Scha­den, den das BKA un­ter Cy­ber-Kri­mi­na­li­tät re­gis­trier­te. Doch das Dun­kel­feld wird deut­lich grö­ßer ver­mu­tet. Au­ßer­dem gibt es sta­tis­ti­sche Un­schär­fen: Das zu­neh­men­de Phä­no­men, pri­va­te tis­mus ge­bo­re­ne Ag­gres­si­on zu­ta­ge, die man nicht nur in­di­vi­du­al-psy­cho­lo­gisch er­klä­ren kann.

Re­fle­xi­on ist ein Mit­tel, um mit den Er­schüt­te­run­gen der ver­gan­ge­nen Ta­ge fer­tig­zu­wer­den. Und das be­deu­tet nicht, sich ins Theo­re­ti­sie­ren zu flüch­ten, weg­zu­dis­ku­tie­ren, was ge­sche­hen ist, oder je­nen un­er­klär­ba­ren un­ge­heu­er­li­chen Teil der jüngs­ten Ge­walt­ta­ten schein­bar zu ban­nen. Re­fle­xi­on ist ja ge­ra­de ei­ne Fä­hig­keit des Men­schen, zu­rück­zu­tre­ten vom Ge­sche­he­nen, sich in­ner­lich Dis­tanz zu ver­schaf­fen, um Un­ter­schie­de zu er­ken­nen und nicht in Pau­scha­li­sie­rung zu ver­fal­len.

Re­fle­xi­on be­deu­tet Zu­rück­beu­gen. Das ist ei­ne Be­we­gung, die das Ge­sichts­feld er­wei­tert, die Über­blick ver­schafft und ei­nen Ab­stand, mit dem man es gut aus­hal­ten kann, wenn zu viel Nä­he über­for­dert. In der Phi­lo­so­phie gilt Re­fle­xi­on als die Kunst des prü­fen­den und ver­glei- oder ge­schäft­li­che Rech­ner zu ka­pern und mit dem Lö­schen wich­ti­ger Da­ten zu dro­hen, wenn kein Lö­se­geld ge­zahlt wird, zählt die Po­li­zei et­wa zum Be­reich Er­pres­sung, nicht zur Cy­ber-Kri­mi­na­li­tät.

Ge­werk­schaf­ten in­ner­halb von Zoll und Po­li­zei for­der­ten mehr Per­so­nal und bes­se­re Aus­stat­tun­gen. Auch Münch brach­te die Fä­hig­kei­ten des BKA auf das Bild: „Wir spie­len Bun­des­li­ga.“Zur Cham­pi­ons­Le­ague-Rei­fe in Sa­chen in­ter­na­tio­na­ler Cy­ber-Kri­mi­na­li­tät müss­ten Ka­der und Bud­get grö­ßer wer­den.

Wir dür­fen uns jetzt nicht ver­krie­chen

chen­den Nach­den­kens. Das schützt vor Ohn­macht, Angst, auch vor Ver­ein­nah­mung durch die, die jetzt mit ein­fa­chen Er­klä­run­gen kom­men.

Raum da­für muss sich je­der Ein­zel­ne ver­schaf­fen. Auch wenn die Er­eig­nis­se mü­de ma­chen, sich zur Re­fle­xi­on zu zwin­gen. Es geht ja um so un­ter­schied­li­che Din­ge: um Amok­lauf und Is­la­mis­mus, um Krän­kung, so­zia­le Iso­la­ti­on, Ver­ro­hung, um Ein­fluss von Me­di­en, von Re­li­gi­on, von Ter­ro­ri­deo­lo­gi­en, um glo­ba­le Ver­lie­rer, kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen, Feind­bil­der. Wer den Fa­mi­li­en der Op­fer nicht zu­mu­ten will, nun ir­gend­wann wie­der zur Ta­ges­ord­nung über­zu­ge­hen, muss das al­les tren­nen. So schwer es fällt. Und ge­gen den Zeit­geist, der auf Er­eig­nis­se schnell und emo­tio­nal re­agiert und so den ein­fa­chen Weg weist: in die Re­si­gna­ti­on. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: kolumne@rheinische-post.de

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