Deutsch-tür­ki­sche Ent­frem­dung

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Er­do­gan setzt sei­nen po­li­ti­schen Coup fort. Da­für spricht auch sein Schlag ge­gen den Jour­na­lis­mus im Land. Per De­kret ord­ne­te Er­do­gan die Schlie­ßung von 131 Me­di­en-Or­ga­ni­sa­tio­nen an, dar­un­ter 45 Zei­tun­gen, 16 TV-Sen­der, 29 Ver­la­ge und drei Nach­rich­ten­agen­tu­ren.

Der auf­ge­klär­ten Wis­sen­schaft im Land steht der tür­ki­sche Staats­chef eben­falls kri­tisch ge­gen­über. Er­do­gan be­greift sie als in­ne­ren Feind sei­ner Po­li­tik. „Er­do­gans Be­zie­hung zur Wis­sen­schaft ist von ei­nem gro­ßen Hass auf li­be­ra­le Wis­sen­schaft­ler und Ge­lehr­te ge­prägt“, er­klärt Bu­rak Çopur, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler und Tür­kei-Ex­per­te an der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen.

Mit dem Aus­rei­se­ver­bot für tür­ki­sche Wis­sen­schaft­ler und dem Zu­rück­ru­fen der For­scher aus dem Aus­land in die Tür­kei ver­tieft sich der Gr­a­ben zwi­schen Er­do­gan-Re­gime und Wis­sen­schaft. „Wis­sen­schaft und For­schung müs­sen sich in ei­nem frei­en krea­ti­ven Raum ent­fal­ten kön­nen. Der ak­tu­el­le Kurs un­ter Er­do­gan wird da­ge­gen zu ei­nem Brain-Drain füh­ren. Wis­sen­schaft­ler und In­tel­lek­tu­el­le wer­den das Land ver­las­sen und da­durch wird die Tür- BER­LIN/AN­KA­RA (dpa) Schon vor dem Putsch­ver­such war das Ver­hält­nis zwi­schen Ber­lin und An­ka­ra mi­se­ra­bel. Nach dem Kon­flikt um die Völ­ker­mord-Re­so­lu­ti­on des Bun­des­tags zu den Mas­sa­kern an den Ar­me­ni­ern droht nun neu­er Streit. Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan for­der­te ges­tern von Deutsch­land die Aus­lie­fe­rung von tür­ki­schen Gü­len-An­hän­gern. Die For­de­rung dürf­te die Bun­des­re­gie­rung in ei­ne Zwick­müh­le brin­gen – nicht zu­letzt des­halb, weil in der Tür­kei seit dem ge­schei­ter­ten kei wei­ter geis­tig ver­ar­men“, sagt Copur. Die­sen Ta­len­te­schwund wird die Wirt­schaft deut­lich zu spü­ren be­kom­men.

Als „kran­ker Mann am Bo­spo­rus“wur­de das Os­ma­ni­sche Reich, aus dem 1923 die Tür­kei her­vor­ging, von vie­len Me­di­en des 19. Jahr­hun­derts ver­spot­tet. Wirft man im 21. Jahr­hun­dert ei­nen Blick in die wirt­schaft­li­che Zu­kunft des Lan­des, so zeigt sich, dass die Tür­kei auch heu­te er­krankt ist, er­krankt an der Po­li­tik Er­do­gans und ih­ren Fol­gen. Die­ser hat­te noch 2011 sei­nen Wäh­lern und der Welt voll­mun­dig ver­spro- Putsch die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe dis­ku­tiert wird. Prä­si­dent Er­do­gan hat­te die­sen Vor­schlag dem Par­la­ment un­ter­brei­tet.

Der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) ist zu­dem von der tür­ki­schen Re­gie­rung zur Prü­fung von Ein­rich­tun­gen der Gü­len-Be­we­gung auf­ge­for­dert wor­den. In der „FAZ“be­rich­te­te er von ei­nem ent­spre­chen­den Schrei­ben des tür­ki­schen Ge­ne­ral­kon­suls in Stutt­gart.

Die tür­ki­sche Re­gie­rung macht die Be­we­gung des in den USA le- chen die Tür­kei zum 100. Jah­res­tag der Re­pu­blik­grün­dung 2023 nicht nur zu ei­ner der zehn größ­ten Volks­wirt­schaf­ten der Welt, son­dern auch zu ei­ner Füh­rungs­na­ti­on zu ma­chen. Nun mag es Er­do­gan ge­lun­gen sein, das Lohn­ni­veau bis heu­te fast zu ver­drei­fa­chen, doch die ak­tu­el­le Ent­wick­lung der Tür­kei zeigt, dass die fet­ten Jah­re vor­bei sind und Re­form­staus die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung be­hin­dern.

Groß­pro­jek­te wie die drit­te Brü­cke über den Bo­spo­rus oder der drit­te Flug­ha­fen Istan­buls än­dern nichts an der wei­ter auf­klaf­fen­den Sche­re ben­den Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len für den Putsch­ver­such ver­ant­wort­lich. Von den USA for­dert sie die Aus­lie­fe­rung Gü­lens.

Au­ßer­dem wur­de ges­tern be­kannt, dass der deut­sche Bot­schaf­ter in An­ka­ra, Mar­tin Erd­mann, seit dem Bun­des­tags­be­schluss zur Ar­me­ni­en-Re­so­lu­ti­on am 2. Ju­ni kei­ne Ter­mi­ne im tür­ki­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­um oder in an­de­ren Re­gie­rungs­stel­len mehr er­hält. An­fra­gen des Bot­schaf­ters wür­den nicht be­ant­wor­tet, be­rich­te­te die Deut­sche Pres­se-Agen­tur. zwi­schen Arm und Reich. Zu­dem zei­gen die­se Bau­pro­jek­te die all­täg­li­che Vet­tern­wirt­schaft in der Tür­kei, mit der Er­do­gans Par­tei, AKP, re­gime­treue Un­ter­neh­men be­lohnt und re­gie­rungs­kri­ti­sche Un­ter­neh­mer zu Spieß­ru­ten­läu­fen ein­lädt.

Die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit liegt laut der Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) mit 18,5 Pro­zent auf ei­nem ge­fähr­li­chen Hoch, und auch die Ar­muts­ra­te ist mit 17,8 Pro­zent fast dop­pelt so hoch wie der OECD-Durch­schnitt. Die zu­neh­men­de In­fla­ti­on, die noch vor dem Putsch­ver­such be­reits bei knapp acht Pro­zent lag, wird den In­ves­ti­ti­ons­stau der klei­nen und mit­tel­stän­di­gen Un­ter­neh­men im Lan­de ver­schär­fen und den Im­port – die Tür­kei hat mit mi­nus 63,3 Mil­li­ar­den Eu­ro ei­ne deut­lich ne­ga­ti­ve Han­dels­bi­lanz – deut­lich ver­teu­ern.

Ein Fak­tor, der die Wirt­schaft des Lan­des in Zu­kunft zu­sätz­lich be­las­ten wird, ist die Un­si­cher­heit in­ner­halb der Ge­sell­schaft. Die­se ist ge­spal­ten in das La­ger der we­ni­gen Geg­ner und laut­star­ken Be­für­wor­ter Er­do­gans. Ers­te­re wer­den sich in Zu­kunft be­deckt hal­ten, und es ist zu er­war­ten, dass der pri­va­te Kon­sum, ei­ne der wich­tigs­ten Trieb­fe­dern der tür­ki­schen Wirt­schaft, er­lah­men wird.

FO­TO: AP

Der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Er­do­gan weih­te En­de Ju­ni die Os­man-Ga­zi-Brü­cke zwi­schen Dil­o­va­si und Al­ti­no­va ein. Die Hän­ge­brü­cke ist mit ei­ner Län­ge von 2,9 Ki­lo­me­tern die viert­längs­te der Welt.

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