CES (4/20) Schlüs­sel­dienst im Kanz­ler­amt

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RINKE

Seit mehr als 175 Jah­ren fer­tigt das Un­ter­neh­men CES aus Vel­bert Schlös­ser und Schlüs­sel. Frü­her wa­ren sie aus Me­tall, heu­te wer­den Tü­ren auch per Smart­pho­ne ge­öff­net. Die Auf­ga­be ist kom­plex – Feh­ler kön­nen gra­vie­ren­de Fol­gen ha­ben.

VEL­BERT Im Grun­de ist der Burj Kha­li­fa ei­ne Stadt, die man ein­fach in den Him­mel statt in die Brei­te ge­baut hat. Der Turm in Du­bai ist mit 828 Me­tern das höchs­te Ge­bäu­de der Welt. Auf 160 Eta­gen be­her­bergt er al­les, was sich in ei­ner Kle­in­stadt fin­den lässt: Bü­ros, Ho­tels, Re­stau­rants. Und in je­dem Stock­werk gibt es Tü­ren. Wie vie­le es ge­nau sind, das weiß Richard Rackl nicht, aber so viel kann er sa­gen: Min­des­tens 1500 von ih­nen wer­den mit ei­nem Schloss aus Vel­bert ge­si­chert.

Rackl ist Ge­schäfts­füh­rer von CES, je­nem Un­ter­neh­men das seit mehr als 175 Jah­ren Schlös­ser baut und da­mit die Welt er­obert. In den 1920er-Jah­ren si­cher­ten sie die Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn vor Plün­de­run­gen. CES-Vor­hän­ge­schlös­ser konn­ten da­mals so­gar mit ei­ner Ge­wehr­pa­tro­ne ge­la­den wer­den. Si­cher ist si­cher. Heu­te ver­las­sen sich un­ter an­de­rem die Ab­ge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges auf die Fer­ti­gungs­kunst aus Vel­bert. „Wir ha­ben das Bun­des­kanz­ler­amt, den Reichs­tag und die um­lie­gen­den Ver­wal­tungs­ge­bäu­de aus­ge­rüs­tet“, sagt Rackl, „das Ent­schei­den­de da­bei war, dass je nach Zu­tritts­be­rech­ti­gung der Schlüs­sel ei­nes Mit­ar­bei­ters nur be­stimm­te Tü­ren öff­nen darf. Bei rund 12.000 Tü­ren ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung.“

Als CES 1840 von Hein­rich Schul­te ge­grün­det wur­de, be­stan­den Schlüs­sel noch aus Rei­te, Halm und Bart. Da­mals wer­kel­te er in ei­ner klei­nen Ma­nu­fak­tur, die nach sei­nem frü­hen Tod schon 1857 von sei­nem da­mals erst 19-Jäh­ri­gen Sohn über­nom­men wird. Er macht das Un­ter­neh­men groß und gibt ihm auch den heu­ti­gen Na­men: CES, das ist die Ab­kür­zung für Carl Edu­ard Schul­te.

Heu­te öff­nen CES-Schlüs­sel Tü­ren auch dank mo­der­ner Soft­ware – per Smart­pho­ne oder Knopf­druck. Und selbst die Schlös­ser, die noch mit ei­nem Me­tall-Schlüs­sel ge­si­chert wer­den – und das ist bei CES noch ein Groß­teil – sind in­zwi­schen kom­ple­xe Ap­pa­ra­tu­ren. Ei­ne Tür per Scheck­kar­te oder mit Hil­fe von ei­ni­gen Dräh­ten zu öff­nen, so wie man es aus Fil­men kennt, ist un­mög­lich.

Wie auf­wen­dig der Her­stel­lungs­pro­zess ist, sieht man bei ei­nem Rund­gang durch die Fa­b­rik, die noch im­mer da steht, wo schon vor 100 Jah­ren die Dampf­ma­schi­nen fauch­ten. Heu­te sieht man, wie Ma­schi­nen Ker­ben in die Schlüs­sel frä­sen: un­ter­schied­lich breit, un­ter­schied­lich tief, un­ter­schied­lich vie­le. Die Mus­ter, die hier nach und nach in das Me­tall ein­ge­ar­bei­tet wer­den, er­ge­ben aber­mil­lio­nen Va­ri­an­ten.

Je­der Schlüs­sel ist ein Uni­kat, so un­ver­wech­sel­bar wie ein Fin­ger­ab­druck. Das ist be­ru­hi­gend für ih­re Be­sit­zer, aber ziem­lich kom­pli­ziert für ein Un­ter­neh­men, das im Grun­de Mas­sen­her­stel­ler ist. Bis zu sechs Wo­chen dau­er­te es da­her frü­her, bis ei­ne Schließ­an­la­ge die Fa­b­rik in der Vel­ber­ter In­nen­stadt ver­ließ. „Heu­te ist sie be­reits nach 48 St­un­den beim Kun­den“, sagt Rackl, „und das, ob­wohl wir nicht auf Vor­rat pro­du­zie­ren kön­nen, da je­des Schließ­sys­tem nach den in­di­vi­du­el­len An­for­de­run­gen des Kun­den ge­fer­tigt wird.“Trotz­dem muss­te sich et­was än­dern – denn die Welt än­der­te sich schließ­lich auch.

So wie da­mals, als CES als ers­tes Un­ter­neh­men in Vel­bert ei­ne Dampf­ma­schi­ne an­schaff­te, und da­mit ei­ner der Vor­rei­ter der In­dus­tria- li­sie­rung in der Re­gi­on war, ging das Un­ter­neh­men auch nun neue We­ge. Denn der Kun­de er­war­tet ei­ne schnel­le­re Lie­fe­rung.

Rackl bau­te das Un­ter­neh­men um, „Le­an Ma­nage­ment“nennt er den An­satz, bei dem Pro­zes­se ver­kürzt und Mit­ar­bei­ter qua­li­fi­ziert wur­den. „Es ist nicht da­mit ge­tan, dass sich die Frä­se schnel­ler dreht“, sagt er. Frü­her muss­te ein Schließ­zy­lin­der 1,8 Ki­lo­me­ter in der Fir­ma zu­rück­le­gen. „Da­für be­zahlt uns kein Kun­de.“Heu­te hat CES die We­ge auf 170 Me­ter ver­kürzt, gleich­zei­tig stieg die Pro­duk­ti­vi­tät um 300 Pro­zent – bei glei­cher Be­leg­schaft. Die wie­der­um ist bes­ser aus­ge­bil­det. Mit­ar­bei­ter müs­sen meh­re­re Ar­beits­schrit­te in der Pro­duk­ti­on be­herr­schen, da­mit kön­nen Auf­trags­spit­zen bes­ser ab­ge­deckt wer­den.

Nur die Pla­nung von Groß­pro­jek­ten, die braucht noch im­mer ih­re Zeit. CES hat da­für spe­zi­ell ge­schul­te Mit­ar­bei­ter. „Wel­che Schließ­be­rech­ti­gun­gen und da­mit Ver­schie­den­hei­ten ei­ne Schließ­an­la­ge für ein Mehr­fa­mi­li­en­haus braucht, kann der Com­pu­ter be­rech­nen“, sagt Rackl.

Doch schon bei ei­ner Uni­ver­si­tät oder ei­nem Kran­ken­haus müs­se der Mensch wie­der ran, der durch­tes­tet, wie sich die Be­rech­ti­gun­gen ver­tei­len las­sen – und wie dann die Schlüs­sel aus­se­hen müs­sen. Denn man­che Schlüs­sel sol­len vi­el­leicht nur die Ein­gangs­tür öff­nen, an­de­re auch noch die Kü­che oder ein­zel­ne Bü­ros, wie­der an­de­re al­les. Da wird es schnell kom­pli­ziert. Doch Feh­ler dür­fen hier nicht pas­sie­ren – das Bü­ro von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel soll schließ­lich nicht von je­dem Hin­ter­bänk­ler auf­ge­schlos­sen wer­den kön­nen.

FO­TO: CES

Pro­duk­ti­ons­pro­zess in der Vel­ber­ter Fir­ma CES. Je­der dort pro­du­zier­te Schlüs­sel ist nach An­ga­ben der Un­ter­neh­mens­füh­rung ein Uni­kat.

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