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Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON GIANNI COS­TA

DÜS­SEL­DORF Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag hat Hans Wil­helm Gäb ei­nen Ent­schluss ge­fasst. An die­sem Tag hat­te das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee (IOC) das rus­si­sche Team trotz do­ku­men­tier­ten Staats­do­pings un­ter an­de­rem bei den Win­ter­spie­len von Sot­schi 2014 nicht kom­plett von den Som­mer­spie­len in Rio de Janei­ro aus­ge­schlos­sen. Der 80-jäh­ri­ge Gäb, frü­her un­ter an­de­rem Chef der Stif­tung Deut­sche Sport­hil­fe und Prä­si­dent des Tisch­ten­nis-Bun­des, setz­te ein öf­fent­li­ches Zei­chen ge­gen die Po­li­tik des IOC und schrieb ei­nen Brief an des­sen Prä­si­den­ten Tho­mas Bach. Herr Gäb, Sie ha­ben sich da­zu ent­schie­den, den Olym­pi­schen Or­den, den Ih­nen Tho­mas Bach 2006 ver­lie­hen hat, wie­der zu­rück­zu­ge­ben. War­um? GÄB Weil mich in höchs­tem Ma­ße em­pört, wie das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee mit Bach an der Spit­ze den Sport zum po­li­ti­schen Spiel­ball ver­kom­men lässt. Ich möch­te nicht die Aus­zeich­nung ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on tra­gen, wel­che die Idea­le des Sports ver­rät. Das IOC to­le­riert in ei­ner bei­spiel­lo­sen Wei­se die kri­mi­nel­len Hand­lun­gen des rus­si­schen Na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees, das mit Hil­fe von Staat und Ge­heim­diens­ten Do­ping er­mög­licht hat. Hat es Sie über­rascht, zu wel­chem Zeit­punkt das IOC sei­ne russ­land- freund­li­che Ent­schei­dung be­kannt­ge­ge­ben hat? GÄB Das IOC hat mög­li­che Ent­schei­dun­gen wo­chen­lang hin­aus­ge­zö­gert. Und aus­ge­rech­net ein paar Ta­ge vor der Er­öff­nung der Olym­pi­schen Spie­le wer­den dann der­art schwer­wie­gen­de Ent­schlüs­se be­kannt. Das hät­te schon lan­ge vor­her pas­sie­ren kön­nen und müs­sen. Der Ein­druck liegt na­he, dass be­wusst ab­ge­war­tet wur­de, um Sport­lern und Funk­tio­nä­ren ei­ne tie­fer­grei­fen­de Dis­kus­si­on zu er­schwe­ren. Denn die sa­ßen ja schon auf ge­pack­ten Kof­fern und hat­ten nur die Wett­kämp­fe im Kopf. Wie ein­fluss­reich sind die Rus­sen im Sport? GÄB Die rus­si­sche Po­li­tik ist im in­ter­na­tio­na­len Sport gut ver­netzt. Sie hat an vie­len ent­schei­den­den Stel­len In­ter­es­sen­ver­tre­ter plat­ziert. Zu­dem nutzt Russ­land sei­ne po­li­ti­sche Macht, um den Sport in sei­nem Sin­ne zu be­ein­flus­sen. Im Ge­gen­satz zum Wes­ten sind Ver­te­ter an­de­rer Län­der und Kon­ti­nen­te rus­si­schen Ma­chen­schaf­ten ge­gen­über recht to­le­rant. Vie­le Na­tio­nen ha­ben, wenn es um Un­red­lich­kei­ten im Sport geht, längst nicht die mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen, die in Eu­ro­pa zäh­len. Wel­che Ge­fahr se­hen Sie für die Ent­wick­lung des Sports? GÄB Se­hen Sie, heu­te wird man ja fast schon als na­iv hin­ge­stellt, wenn man sich für Grund­wer­te ein­setzt. Der Sport lebt aber von An­stand, von Fair­ness, von Sau­ber­keit und der Be­ach­tung der Re­geln. Wenn man sich dem al­lem nicht mehr oder nicht mehr ernst­haft ver­pflich­tet fühlt, dann wird der Sport ir­gend­wann nur noch ein be­lie­bi­ger, do­ping­ver­seuch­ter und von Macht­po­li­tik ab­hän­gi­ger Un­ter­hal­tungs­be­trieb sein. Dis­kus-Olym­pia­sie­ger Ro­bert Har­ting hat mit sehr dras­ti­schen Wor­ten die Ent­schei­dung des IOC und den Kurs von Bach kom­men­triert. Er sag­te, er schä­me sich für ihn. Kön­nen Sie die­se Mei­nung tei­len? GÄB Mir geht es nicht dar­um, ein­zel­ne Per­so­nen ab­schät­zig zu be­wer­ten. Es geht mir dar­um an­zu­pran­gern, dass im Sys­tem Sport seit ge­rau­mer Zeit et­was ge­wal­tig schief läuft. Und da sind die jüngs­ten IOCEnt­schei­dun­gen nun ein bö­ses Bei­spiel. Herrn Har­tings Wort­wahl ist na­tür­lich Ge­schmacks­sa­che, im Prin­zip ver­ste­he ich sei­ne Hal­tung aber gut. Wenn der obers­te Hü­ter der olym­pi­schen Prin­zi­pi­en die­se Prin­zi­pi­en miss­ach­tet, dann spricht das ei­ne deut­li­che Spra­che. War es aber nicht im­mer schon so, dass der Sport von der Po­li­tik miss­braucht wor­den ist? GÄB Si­cher gab es das schon und si­cher wird es das auch in der Zu­kunft ge­ben. Aber so ex­trem wie heu­te ha­ben sich po­li­ti­sche Mäch­te noch nie ein­ge­mischt. Es ist für Herrn Bach ge­wiss nicht ein­fach, das IOC zu füh­ren, weil es im­mer dar­um geht, ganz un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen aus­zu­glei­chen. Da sind Kom­pro­mis­se not­wen­dig. Aber da, wo kri­mi­nell und be­trü­ge­risch ge­han­delt wird, muss das IOC, das sich im­mer auch als mo­ra­li­sche Macht sieht, eben ent­schie­den han­deln. Ha­ben Sie über­haupt Hoff­nung, dass sich et­was än­dern kann? GÄB Auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne bin ich der­zeit nicht sehr op­ti­mis­tisch. Jetzt wird aber erst­mal die kom­plet­te Auf­merk­sam­keit auf den Som­mer­spie­len lie­gen. Die Sport­ler, die hart für die­sen Mo­ment ge­ar­bei­tet ha­ben, soll­ten jetzt in Rio im Mit­tel­punkt ste­hen. Da­nach wird sich zei­gen, wie viel Kraft und Mut der Sport und sei­ne Funk­tio­nä­re für ei­ne Rück­be­sin­nung auf­brin­gen. Der Sport muss sich von der Kri­mi­na­li­tät be­frei­en. Füh­len Sie sich denn we­nigs­tens vom Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund (DOSB) an­ge­mes­sen ver­tre­ten? GÄB Es hat mich de­pri­miert, als DOSB-Prä­si­dent Al­fons Hör­mann er­klär­te, die Ent­schei­dun­gen des IOC ge­gen­über der rus­si­schen Do­ping-Kri­mi­na­li­tät sei­en „fair und ge­recht“... Soll­te das Prä­si­di­um des DOSB die Er­klä­rung sei­nes Prä­si­den­ten als Er­klä­rung des deut­schen Sports über­neh­men, dann wer­de ich auch die Eh­ren­na­del des DOSB zu­rück­schi­cken. Wel­che Rol­le kann künf­tig noch die Welt-An­ti­do­ping­agen­tur Wa­da spie­len, wenn man auf ih­re Hin­wei­se nicht hört? GÄB Das ist ei­ne be­rech­tig­te Fra­ge, denn man muss sich das mal vor­stel­len: Die Wa­da emp­fiehlt Sank­tio­nen ge­gen das rus­si­sche NOK ins­ge­samt. Un­se­re na­tio­na­le An­ti­do­ping­agen­tur Na­da schließt sich an. Die Ath­le­ten­ko­mis­si­on des DOSB kommt zum glei­chen Schluss. Aber die Spit­zen von IOC und DOSB las­sen ih­re ei­ge­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen bei ih­ren Be­mü­hun­gen um Sau­ber­keit im Re­gen ste­hen. Das ist doch ab­surd, denn Do­ping ist Be­trug, Do­ping ist Kri­mi­na­li­tät, Do­ping ist ein Ver­bre­chen an den sau­be­ren Ath­le­ten.

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