Har­ry Pot­ter kehrt end­lich zu­rück

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON JES­SI­CA BALLEER

Am Sonn­tag fei­ert die Fort­set­zung „Har­ry Pot­ter and the Cur­sed Child“ih­re Büh­nen­pre­mie­re in Lon­don. Zum Glück!

Sel­ten steck­te in dem letz­ten Satz ei­ner Buch­rei­he so viel Trost und Trau­er zugleich: „All was well“, al­so „Al­les war gut“, schrieb Jo­an­ne K. Row­ling in die letz­te Zei­le von „Har­ry Pot­ter und die Hei­lig­tü­mer des To­des“. Doch ei­gent­lich war über­haupt nichts gut. Für Mil­lio­nen Fans welt­weit war das ei­ner die­ser Mo­men­te, in de­nen man ein Buch zu­klappt, sich um­sieht und plötz­lich fremd fühlt. Weil al­le wei­ter­ma­chen, als sei nichts ge­we­sen, wäh­rend ei­nem selbst ge­ra­de nicht nur ei­ne treue Freund­schaft ge­nom­men wur­de, son­dern ei­ne gan­ze ma­gi­sche Welt un­ter­ge­gan­gen ist.

Am 24. Sep­tem­ber er­scheint die deut­sche Fas­sung des Thea­ter

stücks als Buch

Das Be­son­de­re der Har­ry-Pot­terBuch­rei­he lag im­mer da­rin, dass sie nicht bloß von ei­nem Zau­ber­lehr­ling han­del­te, der ge­gen das Bö­se kämpf­te. Je­des Wort ver­moch­te es, den Le­ser in ei­ne an­de­re Welt ent­füh­ren. Und des­we­gen scheint es so rich­tig, dass die Ära mit dem Thea­ter­stück „Har­ry Pot­ter and the Cur­sed Child“fort­ge­führt wird. Am Sonn­tag ist Pre­mie­re im Lon­do­ner Pa­lace Thea­t­re – sämt­li­che Vor­stel­lun­gen bis März 2017 sind längst aus­ver­kauft. Es zeigt, dass die Lust auf Fan­ta­sie noch heu­te lebt.

1997 lernt die Welt Har­ry Pot­ter ken­nen. Im Li­gus­ter­weg wächst der Wai­se als un­ge­lieb­ter Nef­fe bei den Durs­leys auf. Sein Zim­mer – die Ab­stell­kam­mer un­ter der Trep­pe. Die Er­lö­sung flat­tert per Brief­tau­be ein: Es ist die Ein­la­dung nach Hog­warts, der Schu­le für He­xe­rei und Zau­be­rei, die aus dem Au­ßen­sei­ter den Au­ser­wähl­ten mach­te. „Har­ry Pot­ter und der St­ein der Wei­sen“war nicht nur der Be­ginn ei­ner fik­ti­ven li­te­ra­ri­schen Rei­se. Auch für die Au­to­rin Jo­an­ne K. Row­ling ver­än­der­te sich al­les.

Ih­re sie­ben Ro­ma­ne wur­den in 80 Spra­chen über­setzt und mehr als 450 Mil­lio­nen Mal auf der gan­zen Welt ver­kauft. Al­le Bü­cher wur­den ver­filmt. Har­ry Pot­ter steht in der Tra­di­ti­on die­ser groß­ar­ti­gen bri­ti­schen Kin­der­li­te­ra­tur, et­wa von Ja­mes Mat­t­hew Bar­rie („Pe­ter Pan“) oder Enid Bly­ton („Fünf Freun­de“). Bei Har­ry Pot­ter möch­te man das Wort Welt­kul­tur­er­be zu­las­sen. Weil die Zau­ber­welt so fan­tas­tisch, die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren Har­ry, Ron und Her­mi­ne so echt, die Ro­ma­ne von eins bis sie­ben so dicht und schlüs­sig sind, schwingt für vie­le Fans im­mer auch die tie­fe Be­wun­de­rung für die Schöp­fe­rin mit.

Es ist auch die Er­folgs­ge­schich­te der Jo­an­ne Kath­le­en Row­ling, in de­ren Fan­ta­sie von Be­ginn an ge­nü­gend Platz für das Sto­ry­board ei­ner sie­ben­tei­li­gen Ro­m­an­rei­he war. Ih­re ei­ge­ne Vi­ta hat sie ver­ar­bei­tet, die Ent­frem­dung vom ei­ge­nen Va­ter. Und dann, nach Tau­sen­den Sei­ten fin­det sie ih­re Ant­wort auf Un­glück und auch auf Ter­ror, Ty­ran­nei und Un­ge­rech­tig­keit. Ei­ne Ant­wort, wie sie zeit­ge­mä­ßer kaum sein könn­te. Sie ist schein­bar ganz ein­fach, lau­tet: Lie­be und Freund­schaft. Die we­nigs­ten Fans nah­men es ihr des­halb übel, dass Ver­fil­mun­gen in­halt­lich ge­kürzt und in zwei Tei­le ge­split­tet er­schie­nen sind, dass sie die Rech­te für ei­nen rie­sen Mer­chan­di­se-Markt ver­kauf­te, und dass nun der ach­te Teil als Thea­ter­stück und des­sen Skript als Buch „Har­ry Pot­ter und das ver­wun­sche­ne Kind“(ab 24. Sep­tem­ber, Carl­sen Ver­lag) er­schei­nen wird.

Im Ge­gen­teil. Der Hy­pe scheint gren­zen­los. Doch es sind die Mil­lio­nen von Fans, die seit Jah­ren ver­su­chen die Zau­ber­welt zu er­hal­ten, wie Lie­ben­de, die an ei­ner brü­chi­gen Be­zie­hung fest­hal­ten. So et­was hört nicht ein­fach auf, zu­mal es an Al­ter­na­ti­ven fehlt: Der Buch­rei­he „Die Tri­bu­te von Pa­nem“fehlt die Wär­me. In der Dys­to­pie kämpft Kat­niss Aber­de­en al­lei­ne ge­gen Ob­rig­keit, wäh­rend in Har­ry Pot­ter vie­le für das ge­mein­sa­me Ziel kämp­fen. In der Vam­pir­ge­schich­te „Twi­light“fin­det sich Lie­be, da­ne­ben aber we­der Be­lang noch Tie­fe.

Das Thea­ter­stück „Har­ry Pot­ter and the Cur­sed Child“setzt in­halt­lich nach dem Epi­log des sieb­ten Ban­des ein. 19 Jah­re nach­dem der dunk­le Zau­be­rer Lord Vol­de­mort be­siegt ist, steht Har­ry Pot­ter mit sei­ner Fa­mi­lie am Gleis Neundrei­vier­tel des King’s-Cross-Bahn­hofs. Er ver­ab­schie­det sei­ne Kin­der, die den Zug nach Hog­warts neh­men. Her­mi­ne ist zur Zau­be­rei­mi­nis­te­rin auf­ge­stie­gen, auch Har­ry ar­bei­tet in der Be­hör­de. Wäh­rend ihn die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der ein­holt, kämpft auch Sohn Al­bus mit dem Ver­mächt­nis sei­ner Fa­mi­lie, das er ei­gent­lich ab­lehnt. Ei­ni­ge be­kann­te Ge­sich­ter sind in dem fünf­stün­di­gen Stück zu se­hen, das So­nia Fried­man und Co­lin Cal­len­der in­sze­niert ha­ben. Mit gro­ßen Licht­ef­fek­ten und ei­ner se­hens­wer­ten Klang- und Büh­nen­welt mit Spe­zi­al­ef­fek­ten über­zeug­te die Vor­pre­mie­re. „Ma­gisch“sei die At­mo­sphä­re. Viel mehr aber weiß man nicht. Die­sen ei­nen Clou hat sich „JKR“vor­be­hal­ten. Sie­ben Jah­re nach Er­schei­nen des letz­ten Ro­mans macht sie Fans im Thea­ter­pu­bli­kum nun doch zu „Au­ser­wähl­ten“. Kei­ne Eu­len­post, son­dern ei­nen Hash­tag hat Row­ling ver­schickt: Mit #Kee­pTheSe­crets for­dert sie al­le Zu­schau­er auf, die Ge­heim­nis­se für sich zu be­hal­ten.

FO­TO: DPA

Har­ry Pot­ter (Ja­mie Par­ker, M.) ist er­wach­sen ge­wor­den: Das neue Thea­ter­stück be­ginnt am Gleis Neundrei­vier­tel von King’s Cross.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.