Ein stil­les Ört­chen für die Kunst

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Was pas­siert, wenn man ei­gent­lich et­was trin­ken möch­te, aber zu­fäl­lig in den Kunst-Un­ter­grund ge­rät: ein un­ver­hoff­ter Be­such in der Ga­le­rie „Rein­raum“.

Es war so schwül an die­sem Abend, schla­fen kön­nen hät­te ich oh­ne­hin nicht, al­so frag­te ich ei­nen Freund, ob er Lust auf ei­nen Drink ha­be. Wir woll­ten uns im „Ro­sie’s“tref­fen, das liegt am An­fang der Aders­stra­ße, aber dort ka­men wir nie an, denn wir bo­gen vor­her ab und gin­gen in den Un­ter­grund.

Auf dem Platz vor dem Re­stau­rant hör­ten wir Mu­sik, Leu­te stan­den da und tran­ken Beck’s Le­mon, und ir­gend­wie hat­te die Sze­ne­rie et­was Ver­hei­ßungs­vol­les: Man hör­te je­man­den „Komm!“ru­fen, oh­ne dass ei­ner et­was ge­sagt hät­te. Dann stie­gen wir die Trep­pe hin­ab, die un­ter die Stra­ße führ­te. Wir be­ka­men ei- nen Stem­pel mit To­ten­kopf-Mo­tiv auf den Arm ge­drückt und er­hiel­ten da­mit Zu­tritt zu ei­nem lang­ge­streck­ten Raum, der vol­ler Leu­te und Kör­per­hit­ze war. Ei­ne Frau trug Ba­de­lat­schen, auf der rech­ten stand „Sun“, auf der lin­ken „Bum“. Ih­re Freun­din trug ein T-Shirt der Band Hüs­ker Dü, die ja lei­der häu­fi­ger zi­tiert als ge­spielt wird. Ein DJ mix­te Bäs­se und Beats, am Tre­sen gab es Vod­ka-Cr­an­ber­ry für fünf Eu­ro, und al­le aßen ro­sa Mäu­se­speck, der war näm­lich um­sonst.

Das sei hier mal ei­ne öf­fent­li­che Toi­let­te ge­we­sen, er­zähl­ten sie und die Be­cken hin­gen da hin­ten tat­säch­lich noch, aber jetzt hei­ße der Ort „Rein­raum“und prä­sen­tie­re Kunst – heu­te un­ter an­de­rem die von Jen­ny­fer. Jen­ny­fer selbst war auch da, sie trug Bril­le und den Nach­na­men Four­berg, sie ar­bei­tet im Fo­to­la­bor, aber sie lebt als Künst­le­rin, und hier un­ter der Stadt stell­te sie ih­re iPho­ne-Auf­nah­men aus: char­man­te An­sich­ten von graf­fit­ti­ver­sehr­ten Kau­gum­mi­au­to­ma­ten, von Fens­tern, hin­ter de­nen viel ge­seufzt wird, und Steck­do­sen, die wie je­ne Emo­jis aus­se­hen, die man ver­schickt, wenn man to­tal trau­rig ist. Four­berg fo­to­gra­fiert, wenn sie Freun­de be­sucht und von Par­tys heim­kehrt. Ein Fo­to hat sie „Be­trun­ken durchs Ge­län­de“ge­nannt. Ein an­de­res zeigt ei­nen Brief­kas­ten. Da ge­hö­ren Brie­fe hin­ein, steht dar­un­ter, Brie­fe mit ei­ner Brief­mar­ke: „Ma­gic!“Four­berg ist 32 Jah­re alt.

Wir un­ter­hiel­ten uns über gro­ße Städ­te, manch­mal frag­te je­mand, ob er was zu trin­ken ho­len sol­le, und meis­tens sag­te dann ei­ner: „Nee, jetzt bin ich mal dran.“Es wa­ren nur Frem­de da, aber es wirk­te nicht so, und wenn das kein Toi­let­ten­raum ge­we­sen wä­re, hät­te man vi­el­leicht so­gar ge­tanzt.

So ging man zu­rück nach oben, wo es längst dunk­ler war als un­ten, und weil es un­ten so heiß ge­we­sen war, fühl­te sich die Hit­ze oben gar nicht mehr so schlimm an. Ich konn­te dann gut ein­schla­fen. Es ist ja auch be­ru­hi­gend, in ei­ner Stadt zu le­ben, in der man zu­fäl­lig so et­was Net­tes er­le­ben kann.

www.rein­raum-ev.de

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