Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Al­ler­dings – An­na hat­te ihn mit dem He­li­ko­pter aus dem Kriegs­ge­biet aus­ge­flo­gen. Ein wah­res Wun­der. Die Frau war wirk­lich für ei­ne Über­ra­schung gut. Au­ßer­dem ließ ihr dun­kel­blau­es Kleid kei­nen Zwei­fel da­ran, dass sich un­ter den üb­li­chen Schlot­ter­pull­overn ei­ne hüb­sche Fi­gur ver­barg. Das Haar hat­te sie im Na­cken zu ei­nem lo­cke­ren Pfer­de­schwanz zu­sam­men­ge­fasst und die Ge­sichts­zü­ge mit Ka­jal um die Au­gen und ei­nem dunk­len Lip­pen­stift be­tont.

Er be­ob­ach­te­te, wie sie die Run­de durch den Raum mach­te.

Män­ner ver­schlan­gen sie mit Bli­cken und leg­ten, hef­tig ni­ckend und den welt­ge­wand­ten Aka­de­mi­ker mi­mend, den Zei­ge­fin­ger an den Mund, wenn sie das Wort an sie rich­te­ten. Ja­mes wur­de ei­nen Ge­dan­ken nicht los: ach, An­na, du Lämm­chen. Du glaubst wirk­lich, dass dir al­le we­gen dei­ner wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen für die Aus­stel­lung an den Lip­pen hän­gen. Aber nein. Es liegt an dei­nem Bu­sen.

„Ver­mut­lich er­war­test du jetzt ei­ne von die­sen dif­fe­ren­zier­ten Er­klä­run­gen und Ent­schul­di­gun­gen von mir, die heut­zu­ta­ge so po­pu­lär sind“, mein­te er und nahm zwei Cham­pa­gner­flö­ten von ei­nem vor­bei­schwe­ben­den Ta­blett. Er wür­de sei­nen Charme­schein­wer­fer auf Nu­klear­fre­quenz ein­stel­len müs­sen, um die­sen Aus­rut­scher wett­zu­ma­chen. Am bes­ten ver­ab­reich­te er ihr gleich ei­ne Strah­len­be­hand­lung.

„Wie du ge­hört hast, hat Par­ker da et­was ge­wal­tig miss­ver­stan­den, als er uns zu­sam­men ge­se­hen hat. Er dach­te, du wärst mei­ne neue Freun­din . . . “

„Wird dei­ne tat­säch­li­che Freun­din nicht sau­er sein?“– „Ich ha­be kei­ne Freun­din. Das ha­be ich nur vor­ge­scho­ben, um dem Hor­ror, als Sing­le bei der Fir­men­fei­er auf­zu­kreu­zen, aus dem Weg zu ge­hen. Ich ha­be näm­lich kei­ne Lust auf die stän­di­gen Ver­su­che, mich zu ver­kup­peln.“

„Und wen woll­test du mit­neh­men?“„So weit war ich noch nicht.“Herr­je, An­na hat­te so ei­ne ge­wis­se Art an sich, die ihn da­zu trieb, wag­hal­si­ge Ri­si­ken in Sa­chen Wahr­heit ein­zu­ge­hen.

„Ich ha­be mir über­legt zu sa­gen, dass ich mich von dir ge­trennt ha­be.“

Als An­na der Mund of­fen ste­hen blieb, be­fürch­te­te Ja­mes ei­nen Mo­ment, er ha­be sein Glück über­stra­pa­ziert.

„Nur da­mit du nicht mit­musst!“, füg­te er has­tig hin­zu.

„Und da­mit du wie ein tol­ler Hecht aus­siehst! War­um kann ich mich nicht von dir ge­trennt ha­ben?“

„Das ist ein sehr gu­ter Ein­wand und au­ßer­dem glaub­wür­di­ger. Das Pro­blem ist nur, dass ich de­nen nicht ge­sagt ha­be, dass Eva mit mir Schluss ge­macht hat. Hier wie da woll­te ich nicht wie der Lo­ser da­ste­hen.“

„Wie fas­zi­nie­rend“, mur­mel­te An­na in ihr Glas, schien al­ler­dings nicht ver­är­gert.

„Äh, ich fühl mich wie in der Schu­le, wenn du ver­stehst, was ich mei­ne.“Dies­mal schwieg An­na. „Das fünf­jäh­ri­ge Fir­men­ju­bi­lä­um wird mit ir­gend­ei­ner Über­ra­schungs­ak­ti­on an der South Bank ge­fei­ert. Da­nach geht’s zum Bow­ling. Äh. Da nun schon mal al­le glau­ben, dass du mit­kommst . . . Hät­test du Lust?“Ja­mes war über sei­nen ei­ge­nen Mut er­staunt. „Ich ha­be ab­so­lut Ver­ständ­nis da­für, wenn dir die­ses däm­li­che Thea­ter zu viel ist. Al­so kein Pro­blem, wenn du nicht willst. Wirk­lich nur, wenn du dir im Kla­ren dar­über bist, dass du dich zu To­de lang­wei­len wirst. Wor­auf du wohl kaum Lust ha­ben dürf­test . . .“

Mann, Ja­mes, toll, wie du das machst.

An­na nipp­te an ih­rem Glas und neig­te den Kopf zur Sei­te. „Du meinst . . . mit dir?“Ja­mes wand sich vor Ver­le­gen­heit. „Ja. Ich bit­te dich nicht nur dar­um, um ei­ne schwach­sin­ni­ge Tar­nung auf­recht­zu­er­hal­ten. Der Abend wird mit ei­ner in­tel­li­gen­ten Be­glei­tung be­stimmt span­nen­der. Aber wie ich schon sag­te, tu dir kei­nen Zwang an und schütt mir dei­nen Cham­pa­gner ins Ge­sicht. Das wür­de ich we­nigs­tens an dei­ner Stel­le ma­chen.“

„Al­so sind wir nicht ge­trennt? Ich kann dich nicht in die Wüs­te schi­cken?“

Ja­mes zuck­te zu­sam­men. „Klar kannst du. Ich kann mich na­tür­lich auch vor den an­de­ren als ab­so­lu­te Turbof­la­sche ou­ten.“

Sie zog ei­ne Au­gen­braue hoch. „Und wo­her wüss­te ich, dass du das auch in die Tat um­setzt?“

„In­dem ich je­man­den bit­te, es mit mei­ner Han­dy­ka­me­ra zu fil­men?“

„Ha. Das glaubst du doch selbst nicht!“

„Du hast al­le Trümp­fe in der Hand“, er­wi­der­te Ja­mes. „Ich könn­te da­zu auch Frau­en­klei­der an­zie­hen, wenn du dar­auf be­stehst.“

„Hmmm. So ein ver­lo­ge­nes Pseu­do­da­te macht ver­mut­lich mehr Spaß als die ech­ten, die ich in letz­ter Zeit hat­te.“„Tat­säch­lich?“An­na zuck­te die Ach­seln. „Ja.“Mann. Nun stand er wirk­lich in ih­rer Schuld.

Er stieß mit ihr an. „Su­per. Und ich gra­tu­lie­re dir zur Aus­stel­lung. Es freut mich, dass un­se­re Ar­beit nach ei­nem leicht miss­glück­ten Start, nun doch Gna­de vor dei­nen Au­gen ge­fun­den hat.“

„Du brauchst mein Lob doch gar nicht. Das Mu­se­um war be­geis­tert.“

„Dei­ne An­er­ken­nung zu ge­win­nen war am schwie­rigs­ten. Des­halb be­deu­tet sie mir am meis­ten.“

Sie mach­te ein er­staun­tes Ge­sicht.

„Oh, nein“, sag­te sie im nächs­ten Mo­ment mit ei­nem klei­nen Aus­fall­schritt, so dass sie di­rekt vor Ja­mes stand. „Ich glau­be, Tim McGo­vern hat be­merkt, dass ich ihn an­se­he.“„Wer ist das?“„Tim McGo­vern? Aus dem Fern­se­hen? Ich schwär­me schreck­lich für ihn.“

Ja­mes warf ei­nen Blick auf den gro­ßen, ha­ge­ren, schau­der­haft ge­klei­de­ten seh­ni­gen Mann, der ei­ne Ja­cke mit psy­che­de­li­schem Mus­ter von Paul Smith trug. Er hat­te ei­nen völ­lig kah­len, glän­zen­den Schä­del. Auf sei­ner Na­se thron­te ei­ne De­si­gner­bril­le mit schwar­zem Ge­stell im Stil der sech­zi­ger Jah­re. Er schau­te hin­über zu Ja­mes und An­na und trank läs­sig ei­nen Schluck aus sei­nem Glas. Ja­mes de­chif­frier­te die Bot­schaft des ra­schen, for­schen­den und zugleich lüs­ter­nen Blicks so­fort als: Und wie wer­de ich dich los, da­mit ich sie für mich ha­be?

Das Ge­sicht kam ihm be­kannt vor.

„Ach, das ist doch der His­to­ri­ker, der die Do­ku­men­ta­tio­nen für BBC4 dreht?“, mein­te er. „Rich­tig.“„Of­fen­bar un­ter­schei­den sich Schwär­me­rei­en un­ter ge­lehr­ten Men­schen von de­nen in der wirk­li­chen Welt. (Fort­set­zung folgt)

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