Mu­sik ist nicht mehr so ihr Ding

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Su­per­star Ri­han­na trat im Rhei­n­ener­gie-Sta­di­on in Köln vor 31.000 Fans auf. Die rund 90-mi­nü­ti­ge Show ge­riet in­des dürf­tig. Die 28-Jäh­ri­ge ge­hört zu je­nem Ty­pus Pop­star, der sich nicht mehr in ers­ter Li­nie über die Mu­sik de­fi­niert.

KÖLN Ir­gend­wann wäh­rend die­ses in je­der Hin­sicht ma­ge­ren Auf­tritts frag­te man sich, ob Mu­sik viel­leicht ein­fach nicht mehr so ihr Ding ist. Ri­han­na wirk­te stel­len­wei­se wie die Par­odie ei­ner Sän­ge­rin, den Hit „Work“et­wa sang sie nur ge­le­gent­lich mit, „Ru­de Boy“gar nicht, was das Stück wie ei­ne In­stru­men­tal­ver­si­on wir­ken ließ, und an­sons­ten be­schränk­te sie sich größ­ten­teils dar­auf, Play­back mit Laut­ma­le­rei zu ver­zie­ren. Für Hei­ter­keit un­ter Zy­ni­kern sorg­te dann die Stel­le, als sie „Co­me On!“rief, wäh­rend ihr Ge­sang vom Band kam: Sie feu­er­te tat­säch­lich ihr ei­ge­nes Play­back an.

Ri­han­na trat im Rhei­n­ener­gie­Sta­di­on in Köln vor 31.000 Fans auf, und man kann nicht ge­nau sa­gen, ob die­se Künst­le­rin nun für das En­de ei­ner Ent­wick­lung steht oder ob mit ihr ei­ne neue be­ginnt. Je­den­falls ist sie die Rein­form je­nes Ty­pus von Pop­star, der sei­ne Pro­fes­si­on als Zehn­kampf be­tracht, bei dem das Sin­gen an sich nicht so wich­tig ist. Je­des Al­bum ist in die­ser Hin­sicht nur noch Sta­tus­mel­dung und hat kaum mehr Be­deu­tung als ein Post bei Face­book. Ri­han­na ist in ers­ter Li­nie Na­me und Kör­per. Man kann ih­ren Na­men auf CD-Hül­len dru­cken, aber auch auf Son­nen­bril­len, Na­gel­lack-Fläsch­chen, Schu­he und Film­pla­ka­te. Man kann ih­ren Kör­per mit Kla­mot­ten be­hän­gen und mit Fir­men­lo­gos aus­staf­fie­ren, und man kann Bil­der da­von im In­ter­net tei­len, das in­zwi­schen oh­ne­hin ihr na­tür­li­cher Le­bens­raum ist. Sie ist ih­re ei­ge­ne Markt­wirt­schaft. Rihannas Job ist es, un­ter al­len Zu­schrei- bun­gen und Pro­jek­tio­nen Ri­han­na zu blei­ben, al­so al­les lo­gisch und mög­lich er­schei­nen zu las­sen. Ja, ihr Job ist es im Grun­de nur noch, an­we­send zu sein.

Selbst die­se Auf­ga­be er­füll­te sie in­des nicht voll be­frie­di­gend. Sie ließ ei­ne St­un­de auf sich war­ten, sie spiel­te kaum 90 Mi­nu­ten oh­ne Zu­ga­be, und ih­re Show, die man bit­te nicht Kon­zert nen­nen mö­ge, war ein Rät­sel. Ri­han­na be­gann mit ei­ner Bal­la­de, mit dem schö­nen „Stay“, das war noch ver­hei­ßungs­voll, so ein ru­hi­ger Be­ginn ist un­ge­wöhn­lich in der Cham­pi­ons League des Pop. In ei­nem wei­ßen Bo­xer­man­tel schritt sie durchs Pu­bli­kum zu ei­ner klei­nen Büh­ne mit­ten im Au­di­to­ri­um. Sie trug ei­nen An­zug, der vor­ne lang und hin­ten gar nichts war, und als sie ei­nen Ple­xi­glas-Steg über den Köp­fen der Zu­schau­er be­trat und sich bück­te, konn­te je­der bis nach Je­ri­cho se­hen. So sieht Las­zi­vi­tät aus, wenn man sie vor ei­nem Wer­be­ban­ner von Gaf­fel Kölsch aus­pro­biert. Man­cher Kom­men­ta­tor hält das für weib­li­che Selbst­er­mäch­ti­gung, in Wirk­lich­keit ist es bil­lig und – Ver­zei­hung – echt asi.

Als Ri­han­na auf der Haupt­büh­ne an­ge­kom­men war, frag­te man sich, was die Zel­lo­phan­fo­lie da soll, die über­all he- rum­lag. Sie wur­de im Ver­lauf des Abends zu häss­li­chen, En­ger­ling-ar­ti­gen Ge­bil­den zu­sam­men­ge­scho

ben und spä­ter zu ei­ner Bahn ge­strafft, über die Schaum auf die Büh­ne rutsch­te. Sinn: un­klar. Mehr De­ko war nicht. Ri­han­na tanz­te vor die­ser Land­schaft des Un­ge­fäh­ren, das heißt, sie ging mit­un­ter in die Knie und ließ die rech­te Hand über dem Groß­raum Ve­nus­hü­gel krei­sen. Manch­mal pack­te sie auch zu, da­zu streck­te sie ih­re Zun­ge raus, und di­rekt da­nach lach­te sie auf spar­sa­mer Flam­me, als wol­le sie sa­gen: Ist nur Spaß.

Das Pu­bli­kum war in der Mehr­heit weib­lich, man­che hat­ten sich schick ge­macht, Kleid und ho­he Ha­cken, biss­chen Pail­let­ten. In der Bahn zum Sta­di­on wur­de fla­schen­wei­se „Hu­go Ro­sé“ge­trun­ken, und ei­ni­ge männ­li­che Ge­sich­ter mein­te man aus dem „Ak­tu­el­len Sport­stu­dio“zu ken­nen. Die Stim­mung war ge­die­gen, Eu­pho­rie kam nicht auf. Ri­han­na wirk­te auf ho­hem Ni­veau ab­we­send, ein chrom­ver­spie­gel­ter Kör­per im Irr­licht. Ih­ren Welt­hit „Um­brel­la“, auf den sich vie­le ge­freut hat­ten, spiel­te sie in ei­ner ver­stüm­mel­ten Ver­si­on, die nach dem zwei­ten Re­frain ab­brach und in das Lied „All Of The Lights“über­ging, das wie­der­um nach dem ers­ten Re­frain ab­brach. Das Pu­bli­kum war­tet auf sol­che Hits, an die­sen Lie­dern hän­gen Er­in­ne­run­gen, aber

Man kann Rihannas Na­men auf CD-Hül­len dru­cken, aber auch auf Son­nen­bril­len, Na­gel­lackFläsch­chen und Schu­he

Ri­han­na ist das of­fen­bar egal, viel­leicht weil sie selbst nicht an ihr Werk glaubt. Sie war zu­min­dest an die­sem Abend weit weg von der Läs­sig­keit, die man ihr zu­schreibt, das do­ku­men­tiert auch die Auf­la­ge, dass kei­ne Pres­se­fo­to­gra­fen kom­men durf­ten. Of­fen­bar will sie nicht, dass man die Wahr­heit ab­bil­det.

Ihr Lied „Dia­monds“wid­me­te sie dann den Op­fern des Ter­ror­an­schlags in Mün­chen. Die 28-Jäh­ri­ge streu­te ein paar Be­griffs­krü­mel von der Ethikthe­ke ein, „Lo­ve“und „Pe­ace“, und auch die Deutsch­lan­dFah­ne ließ sie flat­tern. Wie ernst und echt die­ser Mo­ment der And­acht war, merk­te man, als er vor­bei war. Da frag­te sie un­ge­rührt: „Seid ihr gut drauf? Ja? Lau­ter!“.

Ir­gend­wie trau­rig war man al­so beim Ver­las­sen des Sta­di­ons. Man wuss­te nicht, ob da ge­ra­de die Wirk­lich­keit zer­hau­en wor­den oder ein Traum zer­platzt war. Am Aus­gang gab es dann noch Ri­han­na-T-Shirts. Dar­auf stand das Wort „Ro­le Mo­del“, al­so Vor­bild. Es war durch­ge­stri­chen. Preis: 35 Eu­ro.

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