LÜPERTZ „Wir al­le sind gött­li­che Ge­sel­len“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WISSEN - FO­TOS: DA­VID YOUNG

Der 75-jäh­ri­ge Ma­ler und Bild­hau­er fürch­tet die Rück­kehr ei­ner Kriegs­lüs­tern­heit, hält die Mit­tel­mä­ßig­keit für das Ge­fähr­lichs­te von al­lem und be­singt in sei­nem neu­en Buch Ar­ka­di­en.

LÜPERTZ ... mit den Han­dys kom­me ich ein­fach nicht zu­recht. Das ist al­so kei­ne Kri­tik an den Din­gern, ob­wohl sie mir fürch­ter­lich auf den We­cker ge­hen. Wenn ich Leu­te mit ih­ren Han­dys per­ma­nent agie­ren se­he, den­ke ich im­mer: Ha­ben die sonst nichts zu tun? Han­dys kom­men ein­fach in mei­nem Le­ben nicht vor, weil ich sie nicht mag. Aber ich bin kein Mensch, der sich be­müht, dau­ernd die Welt zu kri­ti­sie­ren. Ich will ein­fach kein Mi­s­an­throp wer­den und rum­lau­fen wie al­le al­ten Män­ner, die sa­gen: Frü­her war al­les bes­ser – was üb­ri­gens nicht stimmt. Man konn­te frü­her al­len­falls bes­ser da­mit fer­tig wer­den. Wann wa­ren Sie zu zu­letzt in die­sem my­thi­schen Ar­ka­di­en? LÜPERTZ Ich kom­me ge­ra­de da­her. Ich ha­be näm­lich ei­ne wun­der­schö­ne Skulp­tur fer­tig be­kom­men. Des­we­gen bin heu­te ein we­nig über­mü­tig, leicht­sin­nig und fröh­lich. Die­se Skulp­tur ha­be ich schon ein­mal ganz zu­sam­men­ge­schla­gen. Wenn Sie mich an dem Abend er­wischt hät­ten, wä­re un­ser Ge­spräch si­cher­lich an­ders ver­lau­fen. Heu­te aber bin ich leicht­sin­nigs­ter Ar­ka­dier. Füh­len Sie dann so et­was wie Me­lan­cho­lie, wenn ein Werk nach ei­ner in­ten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung fer­tig ist? LÜPERTZ Me­lan­cho­lie ist oh­ne­hin in mei­ner sla­wi­schen See­le be­grün­det. Aber das ist ei­ne Me­lan­cho­lie, die durch ei­ne un­bän­di­ge Sehn­sucht nach Hei­ter­keit im­mer wie­der auf­ge­ris­sen wird. Ich will den Leu­ten nicht mit schlech­ter Lau­ne auf den We­cker ge­hen. Das ist mei­ne Höf­lich­keit an die Welt. Wenn ich in der Öf­fent­lich­keit bin, las­se ich mich nicht ge­hen. Muss ein Dich­ter im Mo­ment des Schrei­bens auch ei­ne Art Gott sein? LÜPERTZ Das ist ei­ne grund­sätz­li­che Fra­ge nach dem Künst­ler über­haupt. Wir al­le sind gött­li­che Ge­sel­len und den En­geln na­he. Die Künst­ler ha­ben Gott ge­hol­fen, die Welt zu schaf­fen, wir sind als Ma­ler be­auf­tragt, den Men­schen die Welt zu zei­gen oder zu er­klä­ren. Oh­ne ei­nen Son­nen­un­ter­gang von Tur­ner wür­den die Men­schen Son­nen­un­ter­gän­ge in ih­rer Fül­le nie er­le­ben kön­nen. Mit dem Bild ent­de­cken sie als Be­trach­ter an­de­re Mög­lich­kei­ten, der Welt zu be­geg­nen. Emp­fin­den Sie sich dann im Au­gen­blick des Schaf­fens als ein­zi­gen Künst­ler? LÜPERTZ Nein, aber ich ha­be, wenn ich ma­le, das Ge­fühl, die Welt hält den Atem an – weil der Meis­ter ar­bei­tet. Das ist ei­ne Hy­bris, die mich mein gan­zes Le­ben be­glei­tet. Ich kann es nicht än­dern. Gibt es auch ein Ar­ka­di­en für Flücht­lin­ge?

Lüpertz Das ist ei­ne Fra­ge, die liegt nicht in mei­ner Kunst, son­dern in mei­nem staats­bür­ger­li­chen Ver­ständ­nis. Ich bin ein Bür­ger die­ses Lan­des und füh­le die Ver­pflich­tung, die­sen Leu­ten nicht als Künst­ler, son­dern als Mensch ge­gen­über­zu­tre­ten. Ich ver­su­che zu hel­fen, wo es geht – oh­ne die Ent­wick­lung jetzt blau­äu­gig zu se­hen. In der Kunst dürf­te die­ses Thema viel­leicht erst in 100 Jah­ren ver­ar­bei­tet wer­den. In der Ma­le­rei und der bil­den­den Kunst geht es dar­um, in der Zeit zeit­los zu sein. Die ein­zi­ge mo­ra­li­sche Ver­ant­wor­tung der Kunst liegt in ih­rer Qua­li­tät. Das ist als Ma­ler LÜPERTZ Nein, das nicht. Es ist noch sehr un­wahr­schein­lich, von ei­nem Ter­ro­ris­ten wirk­lich er­mor­det zu wer­den. Noch. Aber ich glau­be, dass ei­ne all­ge­mei­ne Kriegs­lüs­tern­heit be­steht. Und vor der ha­be ich Angst. Ich glau­be, die Leu­te sind wie­der so weit. Nach 70 Jah­ren Frie­den in Eu­ro­pa dre­hen die Men­schen völ­lig durch. Die Men­schen wol­len doch nur noch Fe­ri­en und Un­ter­hal­tung. Sie amü­sie­ren sich nicht, sie grö­len. Das Phä­no­men un­se­rer Zeit ist: Die Leu­te wis­sen den Frie­den nicht wirk­lich mit Le­ben zu er­fül­len. Wir sind ja die ers­te Ge­ne­ra­ti­on, die nicht in den Krieg zie­hen und nicht die furcht­ba­ren Er­fah­run­gen ma­chen muss­te. Und es ver­langt ei­ne au­ßer­or­dent­li­che In­tel­li­genz und den Drang zur Selbst­ver­wirk­li­chung, um fried­lich zu blei­ben. Ak­tu­ell wol­len die Leu­te un­ter­hal­ten wer­den, sie gie­ren ge­ra­de­zu nach Ani­ma­ti­on und den Pro­duk­ten der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie. Das ist übel. Das ist kei­ne Ge­sell­schaft mehr, die et­was for­dert – et­wa von den Künst­lern, gro­ße Kunst zu be­kom­men. Statt­des­sen wün­schen sie sich ir­gend­ei­nen Schnick­schnack. Und das tö­tet je­den Sinn. Den Frie­den muss man le­ben. Ich glau­be aber, die Leu­te wol­len heu­te welt­weit den Kon­flikt. Wir ha­ben die De­mo­kra­tie er­lernt, aber wir ha­ben es nicht ge­schafft, sie auch zu le­ben und mit ihr um­zu­ge­hen. Ich bil­de mir ein, dass da­zu die Bil­dung das Ent­schei­den­de ist: die Lei­den­schaft für Wis­sen, die Lei­den­schaft für Bü­cher, die Lei­den­schaft für Zeit, die nicht kom­mer­zi­el­len In­ter­es­sen dient. Das hat mit Er­fül­lung zu tun. Ge­hört da­zu auch die Sor­ge oder Angst vor dem US-Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Do­nald Trump? LÜPERTZ Ei­ne sol­che Beur­tei­lung steht mir nicht zu. Trump ist si­cher­lich ein Po­panz – jetzt im Wahl­kampf. Aber soll­te er Prä­si­dent wer­den, kann er doch gar nichts an­de­res ma­chen als das, was al­le an­de­ren Prä­si­den­ten vor ihm auch ge­macht ha­ben. Vor Trump ha­be ich je­den­falls nicht die ge­rings­te Angst. Aber wenn in der Politik sol­che Fi­gu­ren nicht mehr auf­tau­chen, dann wird sie selbst frag­wür­dig. Je schrä­ger die Fi­gu­ren sind, des­to we­ni­ger ge­fähr­lich sind sie. Das Ge­fähr­lichs­te von al­lem ist die Mit­tel­mä­ßig­keit.

Mar­kus Lüpertz: „Wenn ich ma­le, ha­be das Ge­fühl, die Welt hält den Atem an – weil der Meis­ter ar­bei­tet.“

Mar­kus Lüpertz sagt von sich, er sei ein be­gna­de­ter Bo­hè­me.

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