Stadt des Krie­ges und der Ver­söh­nung

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER WIRTSCHAFT - VON LE­NA LAN­GE

Kaum ei­ne Stadt wur­de in ih­rer Ge­schich­te so oft zer­stört und wie­der auf­ge­baut wie Je­ru­sa­lem.

Dort, wo sonst Frau­en in wei­ten Klei­dern bit­ter­lich schluch­zen, weh­kla­gen oder still auf ei­nem Plas­tik­stuhl sit­zend auf den wei­ßen Sand­stein star­ren und be­ten, wo die Men­schen ih­re Zet­tel in die Ni­schen des Mau­er­werks ste­cken und auf die Er­fül­lung ih­rer Wün­sche hof­fen, herrscht an ei­nem Abend der Wo­che aus­ge­las­se­ne Le­bens­freu­de. Frei­tag­abends, am Sab­bat, ist an der west­li­chen Mau­er des Tem­pel­bergs, der Kla­ge­mau­er, al­les an­ders. Dann wird ge­fei­ert.

Ei­ne wei­ße Tau­be be­ob­ach­tet von ei­nem Vor­sprung in der Sand­stein­mau­er das Spek­ta­kel un­ten: Hun­der­te Mäd­chen sin­gen, klat­schen und tan­zen in gro­ßen Rei­gen, ih­re lan­gen Rö­cke schwin­gen bei je­der Be­we­gung mit. Ne­ben­an, im ab­ge­trenn­ten Män­ner-Be­reich, geht es noch et­was tur­bu­len­ter zu, es wird ge­trom­melt, ein zap­peln­der Rab­bi in die Hö­he ge­wor­fen und wie­der auf­ge­fan­gen, wäh­rend die Men­ge ju­belt und lacht.

Ne­ben den Tou­ris­ten in kur­zen Ho­sen, den ul­tra­or­tho­do­xen Ju­den, die auch bei fast 30 Grad auf ih­re schwar­zen Fell­hü­te nicht ver­zich­ten mö­gen, und den vie­len Wehr­dienst­leis­ten­den kom­men jü­di­sche Ju­gend­li­che aus der gan­zen Welt zu­sam­men, um ih­ren Glau­ben zu fei­ern. Und um ne­ben­bei das Ur­sprungs­land ih­rer Re­li­gi­on zu ent­de­cken. Das Ein­wan­de­rungs­land Is­ra­el fi­nan­ziert jü­di­schen Col­le­ge-Kin­dern die­se Er­leb­nis­rei­sen zwi­schen Klas­sen­fahrt, Par­ty-Ur­laub und Iden­ti­täts­su­che – in der Hoff­nung, dass ei­ni­ge ir­gend­wann zu­rück­keh­ren und ih­re Staats­bür­ger­schaft ge­gen die is­rae­li­sche ein­tau­schen. Es sind ge­ra­de die­se Frei­tag­aben­de, die mit ih­rer ein­zig­ar­ti­gen Stim­mung un­ter Be­weis stel­len, dass auch in der seit Jahr­tau­sen­den um­kämpf­ten Hei­li­gen Stadt Le­bens­lust und Auf­bruchs­wil­len zu fin­den sind.

Seit der Staats­grün­dung vor fast 70 Jah­ren konn­te das klei­ne Land, das in der Flä­che nur halb so groß ist wie Nie­der­sach­sen, sei­ne Be­völ­ke­rung auf sie­ben Mil­lio­nen Ein­woh­ner ver­viel­fa­chen. Ja­na Mar­cus-Na­ta­no­va kam vor 20 Jah­ren nach Is­ra­el, nach­dem sie lan­ge in Tsche­chi­en, En­g­land und in der Schweiz ge­lebt hat­te. „Ich woll­te end­lich als Jü­din frei le­ben, oh­ne mich da­für an­dau­ernd ent­schul­di­gen oder recht­fer­ti­gen zu müs­sen.“Seit ih­rer Pen­sio­nie­rung führt die en­er­gi­sche klei­ne Frau deut­sche Tou­ris­ten durch die Ho­lo­caust-Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem. „Es ist nicht ein­fach für mich, aber die Füh­run­gen sind wich­tig“, sagt sie mit Nach­druck. Un­be­dingt will sie an die Op­fer er­in­nern, an ih­re Na­men, Schick­sa­le und Ge­sich­ter.

Vie­le Ju­den ret­te­ten sich zur Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs auch nach Je­ru­sa­lem, in­zwi- schen sind drei Vier­tel der Ein­woh­ner jü­disch. Sie tei­len sich die Hei­li­ge Stadt mit Mos­lems und ge­ra­de mal zwei Pro­zent Chris­ten. Im All­tag le­ben die Grup­pen fried­lich zu­sam­men, den­noch ist es ei­ne Ge­men­ge­la­ge, die Kon­flikt­po­ten­zi­al birgt. An zen­tra­len Plät­zen pa­trouil­lie­ren Sol­da­ten mit Ma­schi­nen­ge­weh­ren, um die ver­letz­li­che Si­cher­heit auf­recht­zu­er­hal­ten. Nur 50 Ki­lo­me­ter sind es bis zum um­kämpf­ten Ga­za-Strei­fen. Für die Men­schen ge­hört die Nä­he zum Kri­sen­ge­biet zum All­tag. „Das ist Is­ra­el“, sagt Amoz Ba­ron, der als Rei­se­lei­ter Grup­pen durchs Land führt. Ver­drän­gen und Ver­ge­ben sei­en schon im­mer zen­tra­le Ei­gen­schaf­ten der Be­woh­ner Je­ru­sa­lems ge­we­sen.

Kaum ei­ne an­de­re Stadt wur­de in ih­rer Ge­schich­te so oft zer­stört und wie­der auf­ge­baut. Ju­den, Rö­mer, Ara­ber, Kreuz­rit­ter, Os­ma­nen – sie al­le hin­ter­lie­ßen ih­re Spu­ren und Ge­schich­ten. In der Alt­stadt wer­den sie le­ben­dig: wenn der ein­ge­drück­te St­ein zu se­hen ist, an dem Je­sus bei sei­ner Kreu­zi­gung ei­nen Hand­ab­druck hin­ter­las­sen ha­ben soll; wenn Grup­pen von Pil­gern mit manns­ho­hen Holz­kreu­zen die Sta­tio­nen der Via Do­lo­ro­sa ab­schrei­ten; wenn Kin­der in fei­nen An­zü­gen sich ge­gen­sei­tig beim Rau­fen vor der Hur­va-Sy­nago­ge die Kip­pa vom Kopf schla­gen und has­tig wie­der zu­recht­rü­cken; oder wenn man durch die dunk­len un­ter­ir­di­schen Lau­ben­gän­ge läuft, in de­nen man an man­chen Aus­gra­bungs­stel­len stu­fen­wei­se in die ge­schicht­li­chen Tie­fen der Stadt hin­ab­stei­gen kann. 20 Trep­pen­stu­fen tie­fer ist man 2000 Jah­re in der Zeit zu­rück. Denn im­mer wie­der wur­de auf den Über­res­ten der zu­letzt zer­stör­ten Stadt ei­ne neue er­rich­tet.

Auf kleins­tem Raum, ge­ra­de­mal ei­nem Qua­drat­ki­lo­me­ter, tei­len sich in der Je­ru­sa­le­mer Alt­stadt Ju­den, Mos­lems, Ar­me­ni­er und Chris­ten ih­re hei­li- gen Or­te, wenn­gleich in ei­ge­nen Vier­teln. Vom äl­tes­ten jü­di­schen Fried­hof der Welt aus ge­nießt man ei­nen Post­kar­ten­blick auf den Tem­pel­berg mit dem Fel­sen­dom, der al-Aq­saMo­schee, der Sy­nago­ge und der Gr­a­bes­kir­che, die von sechs ver­schie­de­nen christ­li­chen Grup­pen be­an­sprucht wird, die ganz ge­nau fest­ge­legt ha­ben, wer wo wie lan­ge be­ten darf.

Aus der Fer­ne be­trach­tet wird deut­lich, wie sehr al­les in der ehe­mals ge­teil­ten Stadt mit­ein­an­der ver­wo­ben ist: die ver­schie­de­nen Vier­tel, Ge­denk­stät­ten, Re­li­gio­nen, Kul­tu­ren. Wie kein an­de­rer Ort steht die­se Stadt für Krieg und Ver­söh­nung. Dort kann man Ge­schich­te at­men, Ver­gan­gen­heit er­le­ben, die Ge­gen­wart ver­ste­hen und für die Zu­kunft hof­fen.

Für die Men­schen

in Je­ru­sa­lem ge­hört die Nä­he zum Kri­sen­ge­biet

zum All­tag

Die Re­dak­ti­on wur­de vom Mi­nis­te­ri­um für Tou­ris­mus des Staa­tes Is­ra­el zu die­ser Rei­se ein­ge­la­den.

FO­TO: STAATLICHES ISRAELISCHES REI­SE­BÜ­RO

Je­den Frei­tag­abend kom­men an der west­li­chen Mau­er des Tem­pel­bergs jü­di­sche Ju­gend­li­che aus der gan­zen Welt zu­sam­men, um ih­ren Glau­ben zu fei­ern. Und um das Ur­sprungs­land ih­rer Re­li­gi­on ken­nen­zu­ler­nen.

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