Schat­ten­da­sein

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON PATRICK SCHE­RER

Di­mi­trij Ovt­cha­rov ist Deutsch­lands bes­ter Tisch­ten­nis­spie­ler. In der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung ran­giert die Num­mer fünf der Welt trotz­dem klar hin­ter Ti­mo Boll. Das stört den 28-Jäh­ri­gen aber nicht. Er will nur spie­len.

DÜS­SEL­DORF Di­mi­trij Ovt­cha­rov sitzt im Deut­schen Tisch­ten­nis Zen­trum in Düs­sel­dorf. Ihm knurrt der Ma­gen. „Kann ich vor un­se­rem Ge­spräch kurz et­was zu es­sen be­stel­len?“„Klar, kein The­ma!“Se­kun­den spä­ter klin­gelt es bei ei­nem ja­pa­ni­schen Re­stau­rant. „Hi, Di­ma hier, habt ihr was mit Fisch auf der Ta­ges­kar­te?“Pau­se. „Risot­to?! Nein, das ist zu schwer.“Am En­de be­stellt er doch Fisch – aber oh­ne Risot­to – und vom Ita­lie­ner. Ovt­cha­rov gilt als über­aus ehr­gei­zig. Rich­ti­ge Er­näh­rung ist für ihn der Grund­bau­stein für sport­li­chen Er­folg. Ein paar Me­ter ne­ben ihm hängt im Schau­kas­ten das Zeug­nis sei­ner Hin­ga­be für den Sport. Die Tisch­ten­nis-Welt­rang­lis­te, Stand Mai 2017. Platz fünf: Di­mi­trij Ovt­cha­rov, GER. Bes­ter Deut­scher, bes­ter Eu­ro­pä­er hin­ter vier Grö­ßen aus der Tisch­ten­nisMacht Chi­na. Und doch ist es nicht der Na­me Ovt­cha­rov, den man in Deutsch­land mit Tisch­ten­nis ver­bin­det. Der 28-Jäh­ri­ge steht in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung klar im Schat­ten von Ti­mo Boll.

Ovt­cha­rov be­rei­tet sich in Düs­sel­dorf auf die be­vor­ste­hen­de Welt­meis­ter­schaft (29. Mai bis 5. Ju­ni) vor. Na­tür­lich will er min­des­tens un­ter die Top acht, ins Vier­tel­fi­na­le. Die Vor­aus­set­zun­gen, die der Deut­sche Tisch­ten­nis-Bund (DTTB) ge­schaf­fen hat, sei­en gut, sagt Ovt­cha­rov. Geld für Spar­rings­part­ner ist da. Al­ler­dings greift er da­für auch zu­sätz­lich selbst in die Ta­sche. „Vor al­lem für ehe­ma­li­ge chi­ne­si­sche Na­tio­nal­spie­ler“, sagt Ovt­cha­rov. „Mit de­nen kann ich aus der Trai­nings­zeit mehr her­aus­zie­hen. Die spie­len mir dann zu und ar­bei­ten nicht an ih­rem ei­ge­nen Spiel.“Das lässt sich Ovt­cha­rov ger­ne ein paar Flug­ti­ckets und ein paar Eu­ro Ta­schen­geld kos­ten. Es ist ein Ver­such, mit den un­be­grenz­ten Mit­teln der über­le­ge­nen Chi­ne­sen und Ja­pa­ner mit­zu­hal­ten.

An­sons­ten trai­niert Ovt­cha­rov am liebs­ten ge­gen die Bes­ten der Welt. Vor al­lem ge­gen den Ja­pa­ner Jun Mi­zu­ta­ni (Welt­rang­lis­ten-Sechs­ter), der mit Ovt­cha­rov für den rus­si­schen Klub Fa­kel Gaz­prom Oren­burg spielt. Oder eben ge­gen Ti­mo Boll. Ge­gen die Num­mer acht der Welt von Bo­rus­sia Düs­sel­dorf hat Ovt­cha­rov zu­letzt im Cham­pi­ons­Le­ague-Fi­na­le mit 3:2 ge­won­nen. „Ti­mo ist et­was äl­ter ge­wor­den und kann viel­leicht nicht mehr die kon­stan­ten Leis­tun­gen ab­ru­fen wie vor zehn Jah­ren“, sagt Ovt­cha­rov. „Aber ak­tu­ell ist er noch mal im zwei­ten Früh­ling sei­ner Kar­rie­re. Er hat viel Selbst­ver­trau­en, ein gu­tes Ge­fühl. Da­von lebt Ti­mo. In die­sen Pha­sen ist er sehr schwer zu schla­gen. Wir ha­ben bei­de am Li­mit ge­spielt und wa­ren bei­de enorm zu­frie­den mit dem Spiel. Mir gibt das gro­ßes Selbst­ver­trau­en für die WM.“

Wenn Ovt­cha­rov über Ti­mo Boll (36) spricht, schwingt im­mer gro­ßer Re­spekt mit. Bei­de ken­nen sich seit Jah­ren, sind gut be­freun­det. „Ti­mo war frü­her wie ein gro­ßer Bru­der für mich“, er­klärt der in Kiew ge­bo­re­ne Rechts­hän­der. „In der Pha­se zwi­schen 2007 und 2011 bin ich fast mo­nat­lich nach Hau­se zu ihm in Höchst im Oden­wald ge­fah­ren. Sei­ne Fa­mi­lie hat mich ganz herz­lich auf­ge­nom­men. Ich ha­be mich be­ko­chen las­sen. Es war wie mein Zu­hau­se.“Des­halb ist es für Ovt­cha­rov auch kein Pro­blem, dass er nicht im Fo­kus steht, ob­wohl er Boll sport­lich den Rang ab­ge­lau­fen hat. „Bei Ti­mo war das frü­her ähn­lich mit Jörg Roß­kopf. Dann wur­de Ti­mo 2002 die Num­mer eins der Welt. Dar­auf baut er 15 Jah­re lang auf. Die Leu­te ha­ben sei­nen Na­men ein­fach im Kopf. Er hat so vie­le Er­fol­ge ge­fei­ert, hat für Fairplay ge­kämpft und war Fah­nen­trä­ger bei Olym­pia. Da bin ich auch stolz auf ihn und gön­ne ihm al­les“, be­tont Ovt­cha­rov. „Ich bin glück­lich, dass die Leu­te mich mitt­ler­wei­le mehr und mehr ken­nen. Wenn ich noch zehn Jah­re auf dem Ni­veau spie­le und die Num­mer eins der Welt wer- de, wer­den die Leu­te auch mehr über mich spre­chen.“

Da­für spielt Ovt­cha­rov aber nicht Tisch­ten­nis – auch nicht fürs Geld. Er ist ver­bis­se­ner Sport­ler, will im­mer bes­ser wer­den, will ei­nen Er­folg nach dem an­de­ren. Im­mer wie­der ei­nen drauf­le­gen. „Ich war mal nah dran an der Num­mer drei der Welt“, sagt Ovt­cha­rov. „Das ist mein Ziel. Da­nach die Num­mer zwei. Aber die Num­mer eins ist mit der Über­le­gen­heit von Ma Long der­zeit zu weit weg.“Die­se völ­li­ge Fo­kus­sie­rung auf den Sport ist auch ein Grund, war­um Ovt­cha­rov eben nicht so sehr in die öf­fent­li­che Wahr­neh­mung drängt. „Ich ge­be lie­ber 110 Pro­zent fürs Tisch­ten­nis und wer­de nicht zu 100 Pro­zent den Din­gen da­ne­ben ge­recht“, sagt er.

Ovt­cha­rovs Ehr­geiz führt da­bei durch­aus zu Dis­pu­ten – auch mit dem Bun­des­trai­ner. Dass Jörg Roß­kopf das lang­jäh­rig mit­ein­an­der spie­len­de Duo Ru­wen Fi­lus (Welt­rang­lis­ten­platz 32) und Ri­car­do Walt­her (Platz 50) Ovt­cha­rov bei der Dop­pel-No­mi­nie­rung vor­zieht, sorgt bei ihm für Un­ver­ständ­nis. Und das tut er kund – laut. „Ich hät­te schon er­war­tet, dass er mir, als ei­nem der Le­a­der der Na­tio­nal­mann­schaft ent­ge­gen­ge­kom­men wä­re. Auch als Dank für al­le Er­fol­ge und Leis­tun­gen, die ich er­zielt und er­bracht ha­be. Da­von lebt ja auch der Ver­band“, sagt er. „Wenn hier bei der Heim-WM ein Dop­pel Ovt­cha­rov/Mi­zu­ta­ni an den Start ge­gan­gen wä­re, wä­ren wir bei je­dem Spiel in Ja­pan li­ve im TV ge­we­sen. Das wä­re für den Sport Tisch­ten­nis in Deutsch­land wich­tig ge­we­sen.“

Ovt­cha­rov gibt ger­ne zu, dass ihm die Nicht­no­mi­nie­rung weh­ge­tan hat. Er hät­te es nicht sa­gen müs­sen. Ges­tik und Sub­text ha­ben es längst ver­ra­ten. Schließ­lich steht Ovt­cha­rov auf. „Das war es schon? Oder gibt’s noch Fra­gen? Nein? Wun­der­bar, dann ist das Es­sen noch warm, wenn ich es jetzt ab­ho­le.“

„Ti­mo war frü­her wie ein gro­ßer Bru­der für mich“

Di­mi­trij Ovt­cha­rov

Tisch­ten­nis­spie­ler beim rus­si­schen Klub

Fa­kel Gaz­prom Oren­burg

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