Sto­ner

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG -

Er rief ih­ren Na­men, ging hin­über, aber die Ba­de­zim­mer­tür war ver­schlos­sen. Er rief er­neut, sie gab kei­ne Ant­wort. Er ging zu­rück ins Bett und war­te­te. Nach meh­re­ren Mi­nu­ten Stil­le er­losch das Licht im Bad, die Tür ging auf. Edith kam her­aus und trat steif ans Bett. „Es war der Cham­pa­gner“, sag­te sie. „Das zwei­te Glas hät­te ich nicht trin­ken sol­len.“

Sie zog die De­cke über sich und wand­te ihm den Rü­cken zu; gleich dar­auf ging ihr Atem fest und re­gel­mä­ßig; sie war ein­ge­schla­fen.

Zwei Ta­ge frü­her als ge­plant kehr­ten sie nach Co­lum­bia zu­rück, von ih­rer Iso­la­ti­on er­schöpft und so ru­he­los, als leb­ten sie ge­mein­sam in ei­nem Ge­fäng­nis. Edith sag­te, sie soll­ten nach Co­lum­bia fah­ren, da­mit Wil­li­am sei­nen Un­ter­richt vor­be­rei­ten und sie da­mit an­fan­gen kön­ne, es in ih­rer neu­en Woh­nung ge­müt­lich zu ma­chen. Sto­ner wil­lig­te so­fort ein – und sag­te sich, dass es ge­wiss bes­ser wer­den wür­de, wenn sie erst in ih­ren ei­ge­nen Räu­men leb­ten und un­ter Men­schen wa­ren, die sie kann­ten, in ei­ner ver­trau­ten Um­ge­bung. Am Nach­mit­tag pack­ten sie und sa­ßen noch am sel­ben Abend im Zug nach Co­lum­bia.

In den hek­ti­schen, chao­ti­schen Ta­gen vor der Hoch­zeit hat­te Sto­ner nur fünf Häu­ser­blocks von der Uni­ver­si­tät ent­fernt ei­ne freie Woh­nung im ers­ten Stock ei­nes al­ten, scheu­ne­n­ähn­li­chen Ge­bäu­des ge­fun­den. Sie war leer und düs­ter und be­stand aus ei­nem klei­nen Schlaf­zim­mer, ei­ner win­zi­gen Kü­che und ei­nem gro­ßen Wohn­zim­mer mit ho­hen Fens­tern. Zu­vor hat­te ein Künst­ler dar­in ge­wohnt, ein Do­zent, der nicht all­zu sau­ber ge­we­sen war; die dun­k­len, brei­ten Die­len wa­ren über­sät mit leuch­tend gel­ben, blau- en und ro­ten Fle­cken, die Wän­de mit Dreck und Farb­sprit­zern ver­schmiert. Sto­ner fand die Woh­nung ro­man­tisch und ge­räu­mig und hielt sie für ei­nen gu­ten Ort, um ein neu­es Le­ben an­zu­fan­gen.

Edith zog in die neue Woh­nung, als wä­re sie ein Feind, den es zu er­obern galt. Ob­wohl sie kör­per­li­che Ar­beit nicht ge­wohnt war, scheu­er­te sie die Farb­kleck­se von Bo­den und Wän­den und fiel grim­mig über den Dreck her, den sie über­all ver­bor­gen glaub­te. Ih­re Hän­de be­ka­men Bla­sen, und sie sah mü­de aus, hat­te dunk­le Rin­ge um die Au­gen. Als Sto­ner zu hel­fen ver­such­te, wur­de sie stör­risch, press­te die Lip­pen zu­sam­men und schüt­tel­te den Kopf; er brau­che die Zeit für sei­ne Stu­di­en, sag­te sie; dies hier sei ih­re Auf­ga­be. Als er ihr sei­ne Hil­fe auf­dräng­te, re­agier­te sie mür­risch und be­lei­digt. Ver­wirrt und rat­los zog er sich zu­rück und sah ver­dros­sen zu, wie Edith un­be­hol­fen fort­fuhr, den glän­zen­den Bo­den und die Wän­de zu schrub­ben, an den ho­hen Fens­tern un­gleich lang ge­näh­te Vor­hän­ge auf­zu­hän­gen und die ge­brauch­ten Mö­bel, die sich all­mäh­lich an­sam­mel­ten, zu re­pa­rie­ren, zu strei­chen und er­neut zu über­ma­len. Ih­rer Un­ge­schickt­heit zum Trotz ar­bei­te­te sie mit ei­ner stum­men, wil­den Ent­schlos­sen­heit und war meist völ­lig er­schöpft, wenn Wil­li­am am Nach­mit­tag von der Uni­ver­si­tät nach Hau­se kam. Mit letz­ter Kraft mach­te sie ihm dann das Abend­es­sen, aß selbst nur we­ni­ge Bis­sen und ver­schwand schließ­lich mit ei­nem Mur­meln im Schlaf­zim­mer, um wie be­täubt im Bett zu lie­gen, bis Wil­li­am am nächs­ten Mor­gen wie­der zum Un­ter­richt aus dem Haus ge­gan­gen war.

Nach ei­nem Mo­nat wuss­te er, dass sei­ne Ehe schei­tern wür­de, nach ei­nem Jahr hoff­te er nicht mehr dar­auf, dass es je bes­ser wer­den wür­de. Er lern­te, mit der Stil­le zu le­ben und nicht auf sei­ner Lie­be zu be­har­ren. Wenn er zärt­lich mit ihr re­de­te oder sie be­rühr­te, wand­te sie sich von ihm ab, kehr­te sich nach in­nen und wur­de wort­los, er­dul­de­te ihn und trieb sich noch Ta­ge spä­ter zu äu­ßers­ter Er­schöp­fung. Aus ei­ner un­aus­ge­spro­che­nen Stur­heit, die ih­nen bei­den ei­gen war, teil­ten sie wei­ter­hin das­sel­be Bett, und manch­mal rück­te sie im Schlaf un­wis­sent­lich an ihn her­an. Und manch­mal dann zer­bra­chen Ent­schlos­sen­heit und bes­se­res Wis­sen vor sei­ner Lie­be, und er leg­te sich auf sie. War sie wach, ver­krampf­te und ver­steif­te sie sich, wand­te den Kopf in ver­trau­ter Ges­te ab und ver­grub das Ge­sicht im Kis­sen, er­dul­de­te die Schmach; und Sto­ner ent­le­dig­te sich sei­ner Lie­be bei die­sen Ge­le­gen­hei­ten so rasch er nur konn­te, hass­te sich für sei­ne Hast und be­dau­er­te die Lei­den­schaft. Manch­mal aber war sie noch halb be­täubt vom Schlaf, blieb pas­siv und mur­mel­te schläf­rig vor sich hin, ob aus Pro­test oder Über­ra­schung, hät­te er nicht sa­gen kön­nen. Auf die­se sel­te­nen und un­vor­her­seh­ba­ren Mo­men­te freu­te er sich, er­laub­te ihm ih­re schlaf­be­täub­te Nach­gie­big­keit doch, sich ein­zu­re­den, sie kä­me ihm ir­gend­wie ent­ge­gen.

Er konn­te mit ihr auch nicht über das re­den, was er für ih­re Un­zu­frie­den­heit hielt. Wenn er es ver­such­te, hielt sie das von ihm Vor­ge­brach­te für Über­le­gun­gen zu ih­rer Per­son, ih­rem Un­ge­nü­gen, wes­halb sie sich ihm so ge­reizt ent­zog, wie sie es auch oft tat, wenn er sie ge­liebt hat­te. Er schrieb es sei­ner Un­be­hol­fen­heit zu, wenn sie sich der­art dis­tan­zier­te, und über­nahm die Ver­ant­wor­tung für das, was sie emp­fand.

Mit ei­ner stil­len, sei­ner Ver­zweif­lung ent­sprin­gen­den Skru­pel­lo­sig­keit ver­such­te er, ihr auf un­ter­schied­li­che Wei­se ei­ne Freu­de zu ma­chen. Er brach­te ihr Ge­schen­ke mit, die sie gleich­gül­tig an­nahm und da­bei nur manch­mal zag­haft auf die Kos­ten hin­wies; er nahm sie auf Spa­zier­gän­ge und zu Pick­nicks in den Wäl­dern rund um Co­lum­bia mit, doch wur­de sie rasch mü­de und manch­mal auch krank; er re­de­te mit ihr über sei­ne Ar­beit so wie da­mals, als er noch um sie ge­wor­ben hat­te, al­ler­dings zeig­te sie da­für nur noch ein ober­fläch­li­ches, nach­sich­ti­ges In­ter­es­se.

Ob­wohl er wuss­te, wie schüch­tern sie war, be­stand er schließ­lich doch so be­hut­sam wie nur mög­lich dar­auf, dass sie ge­le­gent­lich Gäs­te emp­fin­gen. Al­so ver­an­stal­te­ten sie ei­nen zwang­lo­sen Tee­nach­mit­tag, zu dem ei­ni­ge der jün­ge­ren Do­zen­ten und As­sis­tenz­pro­fes­so­ren aus dem Fach­be­reich ein­ge­la­den wur­den; au­ßer­dem ga­ben sie meh­re­re klei­ne Din­ner­par­tys. Edith ließ sich auf kei­ne Wei­se an­mer­ken, ob sie da­mit zu­frie­den oder un­zu­frie­den war, doch be­rei­te­te sie die­se Tref­fen der­ma­ßen fie­ber­haft und gründ­lich vor, dass sie beim Ein­tref­fen der Gäs­te halb ver­rückt vor Er­schöp­fung und Ent­kräf­tung war, auch wenn dies au­ßer Wil­li­am nie­mand be­merk­te.

Sie war ei­ne gu­te Gast­ge­be­rin. Mit ih­ren Gäs­ten un­ter­hielt sie sich so ent­spannt und an­ge­regt, dass Wil­li­am sie wie ei­ne Frem­de fand, und mit ihm selbst sprach sie bei die­sen Ge­le­gen­hei­ten mit ei­ner Ver­traut­heit und Zärt­lich­keit, die ihn stets aufs Neue über­rasch­te. Sie nann­te ihn Willy, was ihn selt­sam rühr­te.

(Fort­set­zung folgt)

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