SCHUH „Wir sind ge­gen Ein­heits­schu­len, El­tern müs­sen wäh­len kön­nen“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF -

Seit ei­nem hal­ben Jahr ist Antje Schuh (53) Vor­sit­zen­de der El­tern­schaft Düs­sel­dor­fer Schu­len (EDS). Zum Volks­be­geh­ren „G 9 jetzt“geht sie auf Dis­tanz, für den Schul­bau wür­de sie Kre­di­te auf­neh­men.

Frau Schuh, die von der EDS und an­de­ren El­tern-Ver­bän­den im Land hef­tig kri­ti­sier­te Schul­mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann wur­de wie die rot­grü­ne Lan­des­re­gie­rung ins­ge­samt ab­ge­wählt. Ha­ben Sie am Wahl­abend vor dem Fern­se­her die Sekt­kor­ken knal­len las­sen? SCHUH (lacht) Als In­ter­es­sen­ver­tre­tung für al­le Düs­sel­dor­fer El­tern, de­ren Kin­der ei­ne Schu­le be­su­chen, sind wir par­tei­po­li­tisch neu­tral. Auch un­ter ei­ner nun wahr­schein­li­chen schwarz-gel­ben Lan­des­re­gie­rung wird das The­ma des acht- oder neun­jäh­ri­gen Gym­na­si­ums, al­so G 8/G 9, ein Dau­er­bren­ner blei­ben. Ha­ben Sie das Volks­be­geh­ren „G 9 jetzt“be­reits un­ter­schrie­ben? SCHUH Nein. War­um nicht? SCHUH Als EDS se­hen wir den Text des Be­geh­rens kri­tisch. Er ist ja als künf­ti­ger Ge­set­zes­text aus­for­mu­liert und wür­de in der vor­ge­leg­ten Fas­sung an­de­re Schul­for­men be­nach­tei­li­gen. Das leh­nen wir ab. War­um wür­den denn an­de­re be­nach­tei­ligt? SCHUH Bei­spiels­wei­se wür­den St­un­den­zah­len an den Ge­samt­schu­len re­du­ziert. Schei­tert das Be­geh­ren, bleibt die Ent­schei­dung über G8/G9 wahr­schein­lich an den Schu­len hän­gen. SCHUH Und das möch­ten wir auf kei­nen Fall, weil es an den ein­zel­nen Schu­len zu Cha­os füh­ren wür­de. Es muss ei­ne durch­dach­te Lö­sung auf Lan­des­ebe­ne für ganz Nord­rheinWest­fa­len ge­ben – für die Bal­lungs­zen­tren Köln, Bonn, Dort­mund, Müns­ter, Düs­sel­dorf auf der ei­nen und für die länd­li­che­ren Be­rei­che auf der an­de­ren Sei­te. Ih­re äl­te­re Toch­ter Char­lot­te (17) macht ge­ra­de Abitur, und Fran­zi, die Jün­ge­re, geht in die ach­te Klas­se ei­nes Gym­na­si­ums. Was sa­gen die bei­den? SCHUH Die wol­len auf kei­nen Fall noch ein Jahr län­ger zur Schu­le ge­hen und sind un­ter dem Strich mit der ver­kürz­ten Schul­zeit klar ge­kom­men. Aber da spre­che ich jetzt wirk­lich über un­se­re per­sön­li­chen Er­fah­run­gen. Die künf­ti­ge NRW-Re­gie­rung muss nun beim mit wahl­ent­schei­den­den The­ma Schu­le und Bil­dung lie­fern. Was for­dert die EDS? SCHUH Mehr Geld für das Bil­dungs­sys­tem, die Er­ar­bei­tung an­stän­di­ger Lehr­plä­ne und vor al­lem darf nicht mehr so viel Un­ter­richt aus­fal­len. Mehr Geld klingt ja im­mer gut. Aber wo­hin sol­len die zu­sätz­li­chen Mit­tel denn flie­ßen? SCHUH Es ist ha­ne­bü­chen, wie viel Un­ter­richt aus­fällt. Statt von G 8 soll­ten wir lie­ber von G 6 oder G 7 spre­chen. Denn wenn man die aus­ge­fal­le­nen St­un­den zu­sam­men­rech­net, ge­hen un­se­re Kin­der net­to ei­gent­lich ein bis zwei Jah­re we­ni­ger zur Schu­le. Wie kom­men Sie auf ei­ne sol­che Rech­nung? SCHUH Ehr­li­che Sta­tis­ti­ken des Lan­des gibt es ja nicht. Da wird an ir­gend­ei­nem Stich­tag et­was nach nicht ganz kla­ren Kri­te­ri­en er­fasst, und plötz­lich steht ei­ne Zahl wie 1,8 Pro­zent im Raum. Da­ge­gen spricht die All­tags­er­fah­rung vie­ler El­tern. Ha­ben Sie Da­ten er­ho­ben? SCHUH Es gab ver­ein­zelt El­tern, die für die Klas­se ih­res Kin­des ein paar Wo­chen oder Mo­na­te lang Ex­cel-Ta­bel­len ge­führt ha­ben. Und die ka­men auf bis zu 20 Pro­zent Aus­fall. Aber ei­ni­ge Schu­len ver­fü­gen doch an­geb­lich über 120 Pro­zent Per­so­nal­de­ckung... SCHUH Das mag auf dem Lan­de vi­el­leicht so sein, aber ich ken­ne im Bal­lungs­raum Düs­sel­dorf kei­ne Schu­le, die die Hän­de hoch reißt und sagt: Wow, wir ha­ben zu vie­le Leh­rer. Düs­sel­dorf steht we­gen sehr dy­na­misch wach­sen­der Schü­ler­zah­len beim Aus­bau der Schu­len vor ge­wal­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen. 600 Mil- lio­nen Eu­ro wer­den bis 2023 in den Aus- und Neu­bau von Schu­len in­ves­tiert. Gibt es trotz­dem Kri­tik­punk­te? SCHUH Man soll­te nicht das Haar in der Sup­pe su­chen. Die Din­ge ge­hen vor­an, das sieht je­der, der mit of­fe­nen Au­gen durch die Stadt geht. Was al­ler­dings nicht geht, ist, dass die Kos­ten von mehr als ei­ner hal­ben Mil­li­ar­de Eu­ro bei­na­he kom­plett an Düs­sel­dorf hän­gen­blei­ben. Das da­für mit­ver­ant­wort­li­che Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bot zwi­schen Bund und Län- dern muss auf­ge­ho­ben wer­den. Wir for­dern in die­sem ele­men­ta­ren Be­reich der Da­seins­vor­sor­ge ei­ne Form der Fi­nan­zie­rung, an der auch der Bund be­tei­ligt ist. Ge­ra­de weil es um so viel Geld geht, tobt ein hef­ti­ger Streit um die Fi­nan­zie­rung. Die Ent­schei­dung, ob die Stadt die Im­mo­bi­li­en nach Fer­tig­stel­lung kauft oder doch lang­fris­tig von ih­ren Töch­tern mie­tet, wur­de erst ein­mal ver­scho­ben. Um zu kau­fen, müs­sen Ein­nah­men er­zielt wer­den, die es noch nicht gibt, bei­spiels­wei­se aus dem Ver­kauf des Ka­nal­net­zes oder des Flug­ha­fen­grund­stücks. SCHUH Oder man nimmt Kre­di­te auf. Aber das will doch nie­mand. SCHUH Vor al­lem will es die FDP nicht und des­halb fol­gen die an­de­ren in der Am­pel-Ko­ope­ra­ti­on. Ich hal­te die­se Dis­kus­si­on für un­ehr­lich. Düs­sel­dorf war schon frü­her nicht schul­den­frei, man hat­te die Schul­den ge­schickt bei den Stadt­töch­tern ver­steckt. Um es klar zu sa­gen: Schu­len müs­sen ge­baut und sie müs­sen fi­nan­ziert wer­den. Und ich hal­te es öko­no­misch und po­li­tisch für ver­tret­bar, da­für Kre­di­te mit fast null Pro­zent Zin­sen auf­zu­neh­men. Wird es in zehn Jah­ren in Düs­sel­dorf noch För­der­schu­len ge­ben? SCHUH Ja. Denn wir ha­ben ei­ne Rei­he von Kin­dern mit mul­ti­plen Be­hin­de­run­gen oder star­kem geis­ti­gen Han­di­cap, die ei­nen be­son­de­ren Ort brau­chen, um op­ti­mal ge­för­dert zu wer­den. Grund­sätz­lich sind wir al­ler­dings ge­gen die Ex­klu­si­on von Kin­dern aus dem Re­gel­schul­sys­tem. Wie hat Richard von Weiz­sä­cker ge­sagt: Es ist nor­mal, ver­schie­den zu sein. Ich ha­be als EDS-Vor­sit­zen­de auch noch nie ge­hört, dass sich ein Schul­lei­ter über In­klu­si­ons­kin­der be­schwert. Wohl aber über feh­len­de Aus­stat­tung und Son­der­päd­ago­gen. Apro­pos. Wie vie­le Schul­for­men wer­den in Düs­sel­dorf Be­stand ha­ben? SCHUH Ich hof­fe al­le. Von ei­nem Zwei-Säu­len-Mo­dell mit Gym­na­si­en auf der ei­nen und Ge­mein­schafts­schu­le auf der an­de­ren Sei­te hal­ten wir als EDS nichts. Neh­men wir als Bei­spiel un­se­re Re­al­schu­len. Die leis­ten her­vor­ra­gen­de Ar­beit und es ist be­dau­er­lich, dass es sie in vie­len Städ­ten und Krei­sen gar nicht mehr gibt. Wir set­zen klar auf Wahl­frei­heit und nicht auf ei­ne mög­li­che An­nä­he­rung an die Ein­heits­schu­le. An­ge­nom­men, sie wä­ren plötz­lich Schul­de­zer­nen­tin im Rat­haus. Was stün­de auf ih­rer Agen­da weit oben? SCHUH Die Neu­aus­rich­tung des Mas­ter­plan Schu­len mit sei­nem Jah­res­etat von rund 30 Mil­lio­nen Eu­ro für rei­ne Sa­nie­rungs­ar­bei­ten stün­de da. Es muss end­lich trans­pa­ren­te Lis­ten mit Prio­ri­tä­ten für die ein­zel­nen Pro­jek­te und ei­ne dar­an ge­kop­pel­te zu­ver­läs­si­ge Zeit­pla­nung ge­ben. Für die Schul­ge­mein­den ist so et­was enorm wich­tig.

JÖRG JANSSEN FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH

RP-FO­TO: ANDRE­AS ENDERMANN

Antje Schuh sagt: „Ad­diert man den Un­ter­richts­aus­fall, ge­hen un­se­re Schü­ler ei­gent­lich nur sechs oder sie­ben Jah­re aufs Gym­na­si­um.“

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