Sto­ner

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG -

Sie grüß­ten ihn stets höf­lich, doch wuss­te Wil­li­am, dass sie ihn mit Be­dau­ern kom­men sa­hen. Nach sei­ner An­kunft blieb Mrs Dar­ley sel­ten län­ger als ei­ni­ge Mi­nu­ten. Er lern­te, ei­ne un­auf­dring­li­che und be­hut­sa­me Rück­sicht für je­ne Welt an den Tag zu le­gen, in der Edith zu le­ben be­gon­nen hat­te.

Im Som­mer des Jah­res 1920 ver­brach­te er ei­ne Wo­che bei sei­nen El­tern, wäh­rend der Edith ih­re Ver­wand­ten in St. Lou­is be­such­te; er hat­te sei­ne Mut­ter und sei­nen Va­ter seit der Hoch­zeit nicht mehr ge­se­hen.

Ein, zwei Ta­ge ar­bei­te­te er auf dem Feld und half sei­nem Va­ter so­wie dem schwar­zen Land­ar­bei­ter. Doch we­der der warm, feucht, un­ter sei­nen Fü­ßen nach­ge­ben­de Acker­bo­den noch der Ge­ruch frisch auf­ge­bro­che­ner Er­de weck­ten in ihm ein Ver­lan­gen nach Rück­kehr oder ein Ge­fühl der Ver­traut­heit. Er fuhr nach Co­lum­bia zu­rück und ver­brach­te den rest­li­chen Som­mer da­mit, ein neu­es Se­mi­nar vor­zu­be­rei­ten, das er im kom­men­den aka­de­mi­schen Jahr hal­ten woll­te. Die meis­te Zeit saß er da­her in der Bi­b­lio­thek und kehr­te manch­mal erst spät­abends zu Edith in die Woh­nung zu­rück, roch den schwe­ren, süß­li­chen Ge­ruch vom Geiß­blatt in der war­men Luft, wenn er an den zar­ten, sich all­mäh­lich ver­fär­ben­den Blät­tern der Har­trie­gel­bäu­me vor­bei­lief, die ge­spens­tisch im Dun­keln ra­schel­ten. Sei­ne Au­gen brann­ten vor lau­ter Kon­zen­tra­ti­on auf nur schumm­rig be­leuch­te­te Tex­te, der Kopf war ihm schwer vom Ge­le­se­nen, und die Fin­ger fühl­ten sich taub an von Papp­de­ckel, Pa­pier und al­tem Le­der, doch war er of­fen für die Welt, an der er sei­ne Freu­de fand.

Bei den Fa­kul­täts­tref­fen tauch­ten ei­ni­ge neue Ge­sich­ter auf, ei­ni­ge ver­trau­te fehl­ten, und Archer Slo­a­nes lang­sa­mer Ver­fall, den Sto­ner be­reits wäh­rend des Krie­ges be­merkt hat­te, setz­te sich un­auf­halt­sam fort. Slo­a­nes Hän­de zit­ter­ten, und er be­gann beim Re­den im­mer öf­ter den Fa­den zu ver­lie­ren. Der Fach­be­reich selbst wur­de eben­so von dem Schwung ge­tra­gen, den ihm die ei­ge­ne Tra­di­ti­on ver­lieh, wie von sei­ner blo­ßen Exis­tenz.

Sto­ner küm­mer­te sich um sei­nen Un­ter­richt mit ei­ner In­ten­si­tät und Lei­den­schaft, die manch neu­em Mit­glied des Fach­be­reichs gro­ßen Re­spekt ab­nö­tig­te, aber auch zu ei­ni­ger Be­sorg­nis un­ter je­nen Kol­le­gen führ­te, die ihn schon län­ger kann­ten. Er sah ver­härmt aus, ver­lor an Ge­wicht, und der krum­me Rü­cken krümm­te sich noch stär­ker. Im zwei­ten Se­mes­ter des Stu­di­en­jah­res er­hielt er Ge­le­gen­heit, ge­gen Be­zah­lung Ex­tra­stun­den zu ge­ben, und er nahm das An­ge­bot an; au­ßer­dem un­ter­rich­te­te er in je­nem Jahr an der neu­en Som­mer­schu­le, eben­falls für ein zu­sätz­li­ches Ge­halt. Er heg­te die va­ge Idee, Geld für ei­ne Rei­se nach Eu­ro­pa zu spa­ren, da­mit er Edith zei­gen konn­te, wor­auf sie sei­net­we­gen ver­zich­tet hat­te.

Als er im Som­mer des Jah­res 1921 nach ei­nem Ver­weis auf ein la­tei­ni­sches Ge­dicht such­te, das er ver­ges­sen hat­te, nahm er zum ers­ten Mal wie­der sei­ne drei Jah­re zu­vor ein­ge­reich­te Dis­ser­ta­ti­on zur Hand und las dar­in. Da sie sei­nem Ur­teil stand­hielt, über­leg­te er, den Text zu re­di­gie­ren und als Buch her­aus­zu­brin­gen, auch wenn er sich ein we­nig vor der ei­ge­nen Ver­mes­sen­heit fürch­te­te. Und ob­wohl er die­sen Som­mer wie­der durch­ge­hend un­ter­rich­te­te, las er noch ein­mal al­le sach­be­zo­ge­nen Qu­el­len und be- gann an­schlie­ßend, sei­ne For­schun­gen aus­zu­deh­nen. En­de Ja­nu­ar ent­schied er, dass ein Buch durch­aus mög­lich sei; zu Be­ginn des Früh­jahrs war er so weit, dass er sich die ers­ten Sei­ten zu schrei­ben trau­te.

Es ge­schah im Früh­ling des­sel­ben Jah­res, dass Edith ihm ru­hig, bei­na­he gleich­gül­tig er­zähl­te, sie ha­be sich ent­schie­den, sie wol­le ein Kind.

Der Ent­schluss kam plötz­lich und oh­ne er­kenn­ba­ren Aus­lö­ser, wes­halb Edith, als sie ei­nes Mor­gens beim Früh­stück, nur we­ni­ge Mi­nu­ten ehe Wil­li­am zum ers­ten Un­ter­richt muss­te, ih­re An­kün­di­gung mach­te, selbst ein we­nig über­rascht zu sein schien, bei­na­he, als hät­te sie ge­ra­de ei­ne Ent­de­ckung ge­macht.

„Was?“, frag­te Wil­li­am. „Was hast du ge­sagt?“

„Ich will ein Ba­by“, sag­te Edith. „Ich glau­be, ich will ein Ba­by.“

Sie knab­ber­te an ei­nem Stück To­ast, wisch­te sich die Lip­pen mit ei­nem Zip­fel ih­rer Ser­vi­et­te ab und lä­chel­te starr.

„Fin­dest du nicht, dass wir ei­nes ha­ben soll­ten?“, frag­te sie. „Wir sind jetzt schon fast drei Jah­re ver­hei­ra­tet.“

„Na­tür­lich“, er­wi­der­te Wil­li­am und stell­te äu­ßerst be­hut­sam die Tas­se auf dem Un­ter­tel­ler ab. Er sah sie nicht an. „Bist du dir si­cher? Wir ha­ben nie dar­über ge­re­det. Ich möch­te nur nicht, dass du . . .“

„O ja“, sag­te sie. „Ich bin mir sehr si­cher. Ich fin­de, wir soll­ten ein Kind ha­ben.“

Wil­li­am schau­te auf die Uhr. „Ich bin spät dran. Scha­de, dass wir nicht mehr Zeit zum Re­den ha­ben. Ich möch­te, dass du dir wirk­lich ganz si­cher bist.“

Zwi­schen ih­ren Au­gen zeig­te sich ei­ne klei­ne Fal­te. „Ich ha­be dir doch ge­sagt, dass ich mir si­cher bin. Willst du et­wa kein Kind? War­um fragst du im­mer wei­ter? Ich will nicht mehr dar­über re­den.“

„Na gut.“Ei­nen Mo­ment blieb Wil­li­am noch sit­zen, schau­te sie an und sag­te schließ­lich: „Ich muss los.“Doch er rühr­te sich nicht. Dann leg­te er un­be­hol­fen ei­ne Hand über ih­re auf dem Tisch­tuch ru­hen­den lan­gen Fin­ger, die er hielt, bis sie ih­re Hand fort­zog. Er stand auf, be­weg­te sich fast schüch­tern um sie her­um und sam­mel­te sei­ne Bü­cher und Pa­pie­re ein. Wie stets kam Edith ins Wohn­zim­mer, um zu war­ten, bis er ging. Er küss­te sie auf die Wan­ge – et­was, was er schon lan­ge nicht mehr ge­tan hat­te.

An der Tür dreh­te er sich um und sag­te: „Es . . . es freut mich, dass du ein Kind willst, Edith. Ich weiß, un­se­re Ehe ist in man­cher Hin­sicht ei­ne Ent­täu­schung für dich, aber ich hof­fe, ein Kind wird et­was zwi­schen uns än­dern.“

„Ja“, sag­te Edith. „Du kommst zu spät zum Un­ter­richt. Beeil dich lie­ber.“

Nach­dem er ge­gan­gen war, blieb Edith noch ei­ne Wei­le mit­ten im Zim­mer ste­hen und starr­te auf die ge­schlos­se­ne Tür, als ver­such­te sie, sich an et­was zu er­in­nern. Dann durch­quer­te sie ru­he­los den Raum, ging von Zim­mer zu Zim­mer und be­weg­te sich in ih­ren Klei­dern, als er­trü­ge sie den Stoff nicht län­ger, der ra­schelnd über ih­re Haut glitt. Al­so knöpf­te sie den stei­fen grau­en Taft­mor­gen­man­tel auf, ließ ihn zu Bo­den fal­len, kreuz­te die Ar­me vor der Brust, um­arm­te sich und kne­te­te durch das dün­ne Fla­nell­nacht­hemd die Haut ih­rer Ober­ar­me.

(Fort­set­zung folgt)

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