American Dream

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON ALEX­AN­DRA WEHRMANN

Seit 2012 be­sitzt Mat­thi­as Eck ei­ne Green­card, die es ihm er­laubt, in den USA zu le­ben und zu ar­bei­ten. Jetzt will er den Schritt wa­gen.

Eck ist mit dem Radl da. Ob­wohl es den gan­zen Tag wie aus Kü­beln schüt­tet. In der „Schi­cken Müt­ze“, der Zwei­rad-Werk­statt mit an­ge­schlos­se­nem Ca­fé, muss er sich al­so erst mal aus sei­ner Re­gen­kluft schä­len. „Da hät­ten wir schon den ers­ten Grund aus­zu­wan­dern“, scherzt er – und be­stellt ei­nen Lun­go. Den Traum vom Land der an­geb­lich so un­be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten träumt der 36-Jäh­ri­ge schon seit ei­ni­gen Jah­ren. „Da­mals ha­be ich rea­li­siert, dass mir die Welt of­fen­steht“, so Eck. Wenn er das sagt, klingt das nicht nach un­bän­di­ger Be­geis­te­rung, eher nüch­tern und sach­lich.

Die ers­ten knapp 30 Jah­re sei­nes Le­bens war Mat­thi­as Eck sess­haft. Nach der Schu­le blieb er in sei­nem Hei­mat­ort Wip­per­fürth im Ber­gi­schen Land. Eck ab­sol­vier­te ei­ne Aus­bil­dung zum Ma­ler. „Zehn Jah­re ha­be ich in dem Be­ruf ge­ar­bei­tet, die Hälf­te der Zeit war ich ar­beits­los“, er­zählt er. Ir­gend­wann woll­te er an sei­ner Si­tua­ti­on et­was än­dern. Er be­gann ein Ar­chi­tek­tur-Stu­di­um an der Hoch­schu­le Düsseldorf, zog in ein Bil­ker Stu­den­ten­wohn­heim. Im Rah­men des Stu­di­ums ab­sol­vier­te er 2015 ein Aus­lands­se­mes­ter in Los An­ge­les. L.A. ge­fiel ihm, ob­wohl er pas­sio­nier­ter Rad­fah­rer ist und Los An­ge­les ei­ne Au­to-Stadt.

Den Plan aus­zu­wan­dern hat­te er schon vor­her im Kopf. We­ni­ger kon­kret, mehr als fi­xe Idee. Ins eng­lisch­spra­chi­ge Aus­land soll­te es auf je­den Fall ge­hen. War­um aus­ge­rech­net die USA? „We­gen der Na­tur“, sagt er. Zu dem Zeit­punkt kann­te er das Land nur aus der Fer­ne. Trotz­dem ver­such­te er sein Glück, be­warb sich 2012 für die of­fi­zi­el­le Green­card-Lotterie. 50.000 Ar­beits­und Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gun­gen wer­den jähr­lich ver­lost. Un­ter Mil­lio­nen von Be­wer­bern. Man­che pro­bie­ren es ihr gan­zes Le­ben lang – und ge­hen im­mer leer aus. Mat­thi­as Eck hat­te gleich im ers­ten Ver­such Glück. „Als die Be­nach­rich­ti­gung aus den USA kam, war ich erst mal ge­schockt“, sagt er. Aus der ur­sprüng­lich fi­xen Idee wur­de lang­sam Ernst. Eck war al­ler­dings zu dem Zeit­punkt noch mit­ten im Stu­di­um. Pro­blem: „Von dem Mo­ment an, da man die Green­card hat, darf man sich of­fi­zi­ell nicht län­ger als ein Jahr am Stück au­ßer­halb der USA auf­hal­ten.“Eck reis­te al­so re­gel­mä­ßig über den gro­ßen Teich, mal nach New York, mal nach Mia­mi, Chi­ca­go oder San Fran­cis­co, um den An­spruch nicht zu ver­lie­ren. Ein teu­res Ver­gnü­gen für ei­nen Stu­den­ten. 15.000 Eu­ro, so schätzt Eck heu­te, hat er wohl im Lau­fe der Jah­re für die Rei­sen aus­ge­ge­ben.

In den kom­men­den „ein bis zwei Mo­na­ten“will er den gro­ßen Schritt nun end­gül­tig wa­gen. Vor an­dert­halb Jah­ren hat er an der HS Düsseldorf sei­nen Mas­ter in Ar­chi­tek­tur ge­macht. In dem Be­ruf ge­ar­bei­tet hat er seit­dem al­ler­dings nicht. Mo­men­tan ver­dient er sein Geld beim Lie­fer­dienst Foo­do­ra. Für ihn als Fahr­rad­ver­rück­ten sei das ein Traum­job, auch wenn die Be­zah­lung nur knapp über dem Min­dest­lohn lie­ge.

Mat­thi­as Eck stellt kei­ne gro­ßen An­sprü­che an das Le­ben. Der­zeit auch na­iv. Wo an­de­re ei­nen zwei­wö­chi­gen Ur­laub ge­ne­ral­stabs­mä­ßig durch­pla­nen, lässt Eck die Din­ge eher auf sich zu­kom­men. Mo­men­tan ist er da­mit be­schäf­tigt, sein Hab und Gut über Ebay zu ver­kau­fen. In die neue Hei­mat mit­neh­men wird er fast nichts. „Zwei Fahr­rä­der und zwei Kof­fer.“Ei­nen Lap­top wird er im Ge­päck ha­ben, die Uten­si­li­en, die er zum Zeich­nen braucht, Fach­bü­cher, ein paar Mo­del­le, Fahr­rad­sa­chen und na­tür­lich Klei­dung. „Aber ich ha­be ja so­wie­so in L.A. kei­nen Platz“, sagt er. Das win­zi­ge Apart­ment wird ei­ner ehe­ma­li­gen Kom­mi­li­to­nin und ihm gleich­zei­tig als Ar­beits­platz die­nen. Lang­fris­tig möch­te Eck näm­lich in den USA als selb­stän­di­ger Ar­chi­tekt ar­bei­ten. Schwer­punkt: Vi­sua­li­sie­rung.

Bleibt die Prä­si­den­ten­fra­ge. Als Trump ins Amt ge­wählt wur­de, weil­te Eck ge­ra­de in Los An­ge­les. Sei­ne ka­li­for­ni­schen Be­kann­ten sei­en vom Aus­gang der Wahl ge­nau­so ge­schockt ge­we­sen wie die meis­ten in Deutsch­land. Auch Eck sieht den mitt­ler­wei­le am­tie­ren­den Prä­si­den­ten kri­tisch, den­noch will er den lang­ge­heg­ten Plan jetzt durch­zie­hen. Oder es zu­min­dest ver­su­chen. Auf­grund der lan­gen Zeit, die er seit sei­nem letz­ten USA-Be­such au­ßer Lan­des ver­bracht hat, sei es näm­lich durch­aus mög­lich, dass er gar nicht erst ein­rei­sen dür­fe. Das lie­ge im Er­mes­sen des je­wei­li­gen US-Grenz­be­am­ten. Wenn der „no“sagt, ha­be das al­ler­dings auch was für sich, fin­det Eck. „Dann hat das gan­ze Hin und Her ein En­de.“Ei­nen Plan B hat er nicht. Er lässt die Din­ge auf sich zu­kom­men. Wie im­mer.

RP-FO­TO: ANDREAS BRETZ

Mat­thi­as Eck vor dem Ca­fé „Schi­cke Müt­ze“. Wenn er in die USA aus­wan­dert, will der lei­den­schaft­li­che Rad­fah­rer zwei Fahr­rä­der mit­neh­men.

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