Sto­ner

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG -

Zu Sto­ner sag­te sie et­wa: „Wil­ly soll­te jetzt lie­ber sei­nen Kaf­fee aus­trin­ken; es ist schon fast neun Uhr, und er will doch nicht zu spät zur Uni­ver­si­tät kom­men.“Oder sie re­de­te auf ih­re Toch­ter ein: „Gra­ce übt wirk­lich nicht oft ge­nug. Min­des­tens ei­ne St­un­de Kla­vier am Tag, zwei wä­ren bes­ser. Was wird denn sonst nur aus dei­nem Ta­lent? Ei­ne Schan­de ist das, ei­ne Schan­de.“

Sto­ner wuss­te nicht, was die­ser Rück­zug für Gra­ce be­deu­te­te. Auf ih­re Wei­se gab sie sich eben­so dis­tan­ziert und ver­schlos­sen wie ih­re Mut­ter. Das Schwei­gen war ihr zur Ge­wohn­heit ge­wor­den, und auch wenn sie für ih­ren Va­ter stets ein scheu­es, sanf­tes Lä­cheln üb­rig hat­te, re­de­te sie doch kaum ein Wort mit ihm. Im Som­mer sei­ner Krank­heit war sie, wenn sie sich un­be­ob­ach­tet glaub­te, in sein klei­nes Zim­mer ge­schli­chen, hat­te sich zu ihm ge­setzt und mit ihm aus dem Fens­ter ge­se­hen, of­fen­bar ganz zu­frie­den da­mit, nur bei ihm zu sein, aber selbst dann blieb sie schweig­sam und wur­de un­ru­hig, wenn er ver­such­te, sie aus sich her­aus­zu­lo­cken.

Im Som­mer sei­ner Krank­heit war sie zwölf Jah­re alt, ein groß ge­wach­se­nes, dün­nes Mäd­chen mit sanf­tem Ge­sicht und wei­chem, eher blon­dem als ro­tem Haar. Im Herbst, wäh­rend Ediths letz­ter hef­ti­ger Atta­cke auf ih­ren Mann, ih­re Ehe, auf sie selbst und das, was sie ge­wor­den zu sein glaub­te, ver­hielt sich Gra­ce bei­na­he reg­los, so als spür­te sie, dass sie bei der ge­rings­ten Be­we­gung in ei­nen Ab­grund fal­len könn­te, aus dem sie es nie wie­der her­aus­schaf­fen wür­de. Als die Hef­tig­keit der Aus­ein­an­der­set­zun­gen nach­ließ, be­schloss Edith mit der für sie ty­pi­schen selbst­ge­wis­sen Rück­sichts­lo­sig­keit, dass Gra­ce sich nur so still ver­hielt, weil sie sich un­glück­lich fühl­te, und dass sie sich un­glück­lich fühl­te, weil sie bei ih­ren Klas­sen­ka­me­ra­den nicht be­son­ders be­liebt war. Die ver­sie­gen­de Ener­gie ih­res An­griffs auf Sto­ner über­trug sie nun auf ei­nen An­griff, der sich ge­gen Gra­ce’ ,ge­sell­schaft­li­ches Le­ben’ rich­te­te. Wie­der ein­mal fand sie ,In­ter­es­se’ an et­was, zog ih­rer Toch­ter knal­li­ge, mo­di­sche Klei­der an, die mit ih­ren Rü­schen nur Gra­ce’ Ma­ger­keit be­ton­ten, gab Par­tys, spiel­te Kla­vier und be­stand mit strah­len­der Mie­ne dar­auf, dass al­le Kin­der tanz­ten; au­ßer­dem for­der­te sie Gra­ce un­ab­läs­sig auf, doch je­den an­zu­lä­cheln, zu re­den, zu scher­zen und zu la­chen. Die­se Atta­cke dau­er­te nicht ein­mal ei­nen Mo­nat, dann gab Edith ih­ren Feld­zug auf und trat die lan­ge, lang­sa­me Rei­se dort­hin an, wo­hin auch im­mer sie ging.Die Wir­kun­gen ih­rer Atta­cke auf Gra­ce stan­den je­doch in kei­ner­lei Ver­hält­nis zu ih­rer Dau­er. So­bald ih­re Mut­ter sie wie­der in Ru­he ließ, ver­brach­te Gra­ce na­he­zu die ge­sam­te Frei­zeit al­lein auf ih­rem Zim­mer und hör­te Mu­sik aus je­nem klei­nen Ra­dio, das ihr vom Va­ter zum zwölf­ten Ge­burts­tag ge­schenkt wor­den war. Reg­los lag sie auf dem un­ge­mach­ten Bett oder saß eben­so be­we­gungs­los an ih­rem Tisch und hör­te den Klän­gen zu, die ble­chern aus dem ver­schnör­kel­ten Laut­spre­cher des ge­drun­ge­nen, häss­li­chen Ge­räts auf ih­rem Nacht­tisch­chen dran­gen, als wä­ren Stim­men, Mu­sik und Ge­läch­ter al­les, was von ih­rer Iden­ti­tät ge­blie­ben war, und als wür­de selbst dies weit fort in ei­nem Schwei­gen aus­klin­gen, in dem es auf im­mer ver­lo­ren ging. Und sie wur­de dick. Zwi­schen je­nem Win­ter und ih­rem drei­zehn­ten Ge­burts­tag nahm sie fast fünf­zig Pfund zu, das Ge­sicht so tro­cken und auf­ge­dun­sen wie auf­ge­quol­le­ner Teig; ih­re Glie­der wur­den schwab­be­lig, trä­ge und un­be­hol­fen. Da­bei aß sie kaum mehr als frü­her, ent­wi­ckel­te aber ei­ne Vor­lie­be für Sü­ßig­kei­ten und hat­te stets ei­ne Schach­tel mit Bon­bons auf ih­rem Zim­mer; es war, als hät­te sich in ihr et­was ge­lo­ckert, wä­re weich und hoff­nungs­los ge­wor­den, als hät­te sich ei­ne letz­te Gestalt­lo­sig­keit in ihr ge­wehrt, hät­te sich frei­ge­macht und dann ihr Fleisch über­re­det, sei­ner dunk­len, ge­hei­men Exis­tenz äu­ße­re Form zu ver­lei­hen. Sto­ner be­ob­ach­te­te die­se Ver­wand­lung mit ei­ner Trau­er, die das gleich­gül­ti­ge Ge­sicht, das er der Welt zeig­te, Lü­gen straf­te. Er ver­bot sich den all­zu leich­ten Lu­xus ei­nes schlech­ten Ge­wis­sens, denn in An­be­tracht sei­nes ei­ge­nen We­sens und der Um­stän­de sei­nes Le­bens mit Edith gab es nichts, was er hät­te tun kön­nen. Die­ses Wis­sen ver­viel­fach­te sei­ne Trau­er, wie es kein schlech­tes Ge­wis­sen je ver­mocht hät­te, und ließ die Lie­be, die er für sei­ne Toch­ter emp­fand, noch su­chen­der, noch tie­fer wer­den. Sie ge­hör­te, das wuss­te er – und hat­te es, nahm er an, auch schon sehr früh ge­wusst –, zu je­nen sel­te­nen, stets lie­bens­wer­ten Men­schen mit ei­ner de­li­ka­ten mo­ra­li­schen Na­tur, die stän­dig ge­nährt und um­sorgt wer­den muss­te, da­mit sie sich er­fül­len konn­te. Ob­wohl sei­ne Toch­ter der Welt fremd war, muss­te sie dort le­ben, wo sie sich nicht da­heim fühl­te; nach Zärt­lich­keit und Ru­he ver­lan­gend, hat­te sie mit Gleich­gül­tig­keit, Herz­lo­sig­keit und Lärm aus­zu­kom­men. Sie war von ei­nem We­sen, das an die­sem ihm ab­we­gi­gen, feind­li­chen Ort, an dem es zu le­ben hat­te, nicht über die nö­ti­ge Bru­ta­li- tät ver­füg­te, sich ge­gen je­ne grau­sa­men Kräf­te weh­ren zu kön­nen, die sich ihm wi­der­setz­ten, wes­halb Gra­ce sich bloß in ei­ne Stil­le zu­rück­zu­zie­hen ver­moch­te, in der al­les ein­sam, klein und auf be­sänf­ti­gen­de Wei­se ru­hig war. Sie war sieb­zehn und mach­te in der ers­ten Hälf­te ih­res letz­ten Jah­res an der High­school ei­ne wei­te­re Ver­wand­lung durch. Es war, als hät­te sie für ihr We­sen ein Ver­steck ge­fun­den und könn­te sich nun end­lich der Welt of­fen­ba­ren. So rasch, wie sie zu­ge­nom­men hat­te, ver­lor sie das drei Jah­re zu­vor ge­won­ne­ne Ge­wicht auch wie­der, und für je­ne, die sie kann­ten, schien es ei­ne fast ma­gi­sche Ver­wand­lung zu sein, so als schlüpf­te sie aus ei­nem Ko­kon in ei­ne Welt, für die sie wie ge­schaf­fen schien. Sie war bei­na­he schön; sie, die zu ma­ger und dann plötz­lich zu dick ge­we­sen war, hat­te nun ei­ne zar­te, ge­fäl­li­ge Fi­gur und be­weg­te sich mit leich­ter An­mut. Ih­re Schön­heit war von ei­ner pas­si­ven, fast be­schau­li­chen Art, das Ge­sicht na­he­zu aus­drucks­los, ei­ne Mas­ke, aus der hell­blaue Au­gen di­rekt her­vor­schau­ten, oh­ne Neu­gier­de und oh­ne die Be­fürch­tung, dass je­mand tie­fer in sie hin­ein­bli­cken könn­te; ih­re Stim­me war weich, ein we­nig ton­los, doch re­de­te sie nur sel­ten. Recht un­ver­mit­telt wur­de sie – um es mit Edith zu sa­gen – ,po­pu­lär’. Oft klin­gel­te das Te­le­fon, und dann saß sie im Wohn­zim­mer, nick­te ab und zu, ant­wor­te­te lei­se und kurz; Au­tos fuh­ren an dämm­ri­gen Nach­mit­ta­gen vor und nah­men sie mit sich fort, an­onym im Ge­läch­ter und Stim­men­ge­wirr.

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