ANA­LY­SE

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS -

Po­li­ti­sche Mei­nungs­bil­dung ist kurz­fris­ti­ger ge­wor­den. Wäh­ler blei­ben bis zur Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber un­be­re­chen­bar. Fa­ke News könn­ten am En­de ei­ne Rol­le spie­len, wie die jün­ge­re Ver­gan­gen­heit zeigt.

Die­ses Phä­no­men sei als „Slee­per-Ef­fekt“be­kannt.

Dass Wahr­neh­mung von Mei­nung zu­neh­mend ver­quer ist, wird sicht­bar, wenn et­wa Pe­gi­da-De­mons­tran­ten „Wir sind das Volk“skan­die­ren und glau­ben, für die an­geb­lich schwei­gen­de Mehr­heit der Men­schen zu spre­chen.

SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz meint, Wäh­ler­stim­men könn­ten vor al­lem in der letz­ten Wo­che vor der Bun­des­tags­wahl ge­won­nen oder ver­lo­ren wer­den. Die­se Ein­schät­zung teilt das Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zungs­bü­ro des Bun­des­ta­ges. Die Ex­per­ten sa­gen, dass Fal­sch­nach­rich­ten ei­nen Ef­fekt auf die Wahl ha­ben könn­ten. Was al­so tun, da­mit der Blick nicht ver­ne­belt wird? Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um hat in Berlin das „Ab­wehr­zen­trum ge­gen Des­in­for­ma­ti­on“er­öff­net – ein ers­ter wich­ti­ger Schritt. Aber nur ein ers­ter.

Nach­rich­ten, Um­fra­gen und das ei­ge­ne Be­fin­den wir­ken schnel­ler denn je. Die Lust, sich zu be­kla­gen, exis­tiert. Der ein­zi­ge Impf­stoff, der ge­gen Fal­sch­nach­rich­ten im­mu­ni­siert, ist po­li­ti­sche Bil­dung. Die aber braucht Zeit, um zu wir­ken. Zeit, die kaum mehr da ist: Bei der Wahl wird es auf Hand­lungs­schnel­lig­keit an­kom­men. Auch auf die je­der Par­tei. Das Res­t­ri­si­ko bleibt: der Nut­zer.

Dass Fal­sch­nach­rich­ten oder Ha­cker­an­grif­fe nicht im­mer fa­ta­le Fol­gen ha­ben, zeig­te im Üb­ri­gen die Prä­si­dent­schafts­wahl in Frank­reich. Kurz vor­her wa­ren in­ter­ne E-Mails der Be­we­gung Em­ma­nu­el Ma­crons durch Ha­cker im In­ter­net ver­öf­fent­licht wor­den – Ma­cron ge­wann die Wahl trotz­dem.

Trotz­dem: Es gilt zu be­den­ken, dass ein Kreuz auf dem Stimm­zet­tel ähn­lich schnell ge­setzt ist, wie ein Hass-Kom­men­tar ge­tippt. Nur ist das Kreuz weit­aus fol­gen­rei­cher. Was, wenn am Sams­tag, 23. Sep­tem­ber, ei­ne heik­le Nach­richt über Mer­kel oder Schulz kur­sier­te? Und spä­ter stell­te sie sich als falsch her­aus?

Vie­le Deut­sche ha­ben Fal­sch­nach­rich­ten ge­le­sen, ge­glaubt und ge­teilt. Kur­zund lang­fris­tig hel­fen nur Fak­ten­check und po­li­ti­sche wie di­gi­ta­le Bil­dungs­ar­beit – auf Me­di­en- und Nut­zer­sei­te. Der Nut­zer muss wie­der ei­nes wer­den: ein mün­di­ger Bür­ger.

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