Ein Braut­kleid von Blau­kraut

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEILE - VON NI­CO­LE KAMPE RP-FO­TO: AN­NE ORTHEN

So­phie Wil­ken und Ri­ke Grütz­ma­cher ver­kau­fen Se­cond­hand-Braut­klei­der. In we­ni­gen Mo­na­ten hat­ten sie die Idee aus­ge­ar­bei­tet.

BILK Un­ter­schied­li­cher könn­ten die Freun­din­nen Ri­ke Grütz­ma­cher (25) und So­phie Wil­ken (28) nicht sein. Die ei­ne ist sen­si­bel und ro­man­tisch, oft ge­rührt. Die an­de­re, ein biss­chen küh­ler – „ich kom­me aus dem Nor­den“, sagt Wil­ken –, mehr Ge­schäfts­frau, die mit Zah­len ganz gut um­ge­hen kann und die schnell prak­tisch denkt. Ein gutes Paar, wie die bei­den fin­den, „wir er­gän­zen uns“, sagt Wil­ken. Nicht nur im Pri­vat­le­ben, seit ein paar Wo­chen auch be­ruf­lich. Vor ei­nem Jahr stan­den sie da, die bei­den Frau­en – Wil­ken mit ih­rem Fri­seur-Meis­ter, Grütz­ma­cher mit ih­rem Uniab­schluss in Sprach­wis­sen­schaf­ten. Bei­de Müt­ter, bei­de ein biss­chen per­spek­tiv­los.

In­spi­riert von der Fern­seh­sen­dung „Zwi­schen Tüll und Trä­nen“dach­ten sich Wil­ken und Grütz­ma­cher: „Braut­klei­der ver­kau­fen kön­nen wir auch.“Konn­ten sie nicht, weil die Fi­nan­zen nicht stimm­ten, und ir­gend­wie woll­ten sie die­se Kom­mer­zia­li­sie­rung von Hoch­zei­ten nicht un­ter­stüt­zen. „So viel Geld für ein Kleid kön­nen wir ein­fach nicht ver­lan­gen“, sagt Ri­ke Grütz­ma­cher. Ein paar Ta­ge gin­gen vor­bei, aus Wo­chen wur­den Mo­na­te. Bis So­phie Wil­ken ei­ne Idee hat­te: näm­lich Se­cond­hand-Braut­klei­der zu ver­kau­fen. Zwi­schen Tür und An­gel fass­te sie ih­re Ge­dan­ken in ei­ne Kurz­nach­richt, schick­te sie an die bes­te Freun­din. Ir­gend­wie hat es So­phie Wil­ken ge­schafft, ih­re zu­nächst mä­ßig be­geis­ter­te Freun­din zu über­zeu­gen.

In­ner­halb von drei Ta­gen stell­ten die bei­den ei­nen Bu­si­ness­plan auf, ob­wohl sie so et­was noch nie ge­macht hat­ten. Zeit, die Un­ter­la­gen noch mal durch­zu­ar­bei­ten, hat­ten die Freun­din­nen nicht. Und trotz­dem war die IHK be­geis­tert. Sie fan­den ein La­den­lo­kal, run­ter­ge­kom- men, mit schreck­li­chen Flie­sen und Ka­cheln an Wän­den und auf Bö­den, di­cken Roh­ren, die durch den Raum ver­lie­fen. „Fünf Jah­re stand es leer, da­vor wa­ren ver­schie­de­ne Im­bis­se drin“, er­zählt Ri­ke Grütz­ma­cher. Nie­mand hat die Frau­en in die­sem Ge­schäft ge­se­hen, El­tern und Freun­de schüt­tel­ten bloß den Kopf. „Aber wir ha­ben die Schön­heit des La­dens er­kannt“, sagt Wil­ken, und schön ist er ge­wor­den mit den hel- len Stuck­de­cken und dem Holz­bo­den.

Schließ­lich fehl­ten nur noch ein Na­me und die Klei­der, als Sprach­wis­sen­schaft­le­rin spiel­te Ri­ke Grütz­ma­cher mit den Buch­sta­ben, dreh­te Re­de­wen­dun­gen und Sprich­wör­ter. „Und dann kam sie auf Blau­kraut“, sagt die 28-Jäh­ri­ge. Vom Zun­gen­bre­cher, „und es passt so gut zu uns“, fin­det Grütz­ma­cher. Weil Kraut durch­ein­an­der wächst, im­mer ein biss­chen chao­tisch, „so wie wir auch ein biss­chen chao­tisch sind“. Da­mit der La­den bei der Er­öff­nung nicht leer steht, be­stell­ten Wil­ken und Grütz­ma­cher im In­ter­net ein paar Klei­der. Als das ers­te Päck­chen kam, war es vor al­lem für Ri­ke Grütz­ma­cher, als wür­de sie ihr ei­ge­nes Kleid er­war­ten. Den gan­zen Morgen nerv­te sie ih­re Ge­schäfts­part­ne­rin mit An­ru­fen und SMS – so auf­ge­regt ist sie ge­we­sen. Als So­phie Wil­ken end­lich mit dem Pa­ket bei ihr war, kul­ler­ten zu­min­dest bei der 25-Jäh­ri­gen die Trä­nen, „das Kleid war so schön“, sagt sie.

In­zwi­schen hän­gen 35 Mo­del­le an den Klei­der­stan­gen – lan­ge, kur­ze, mit Tüll oder Spit­ze. Wenn ei­ne Braut ihr Kleid ver­kau­fen will, bringt sie es in den La­den. „Vor­aus­set­zung ist, dass die Klei­der ein­wand­frei sind“, sagt Wil­ken. Kein Fleck darf auf dem Stoff sein, auch das kleins­te Loch ist ta­bu. „Kei­ne Braut will ein ka­put­tes Kleid tra­gen, auch wenn es se­cond­hand ist“, sagt Wil­ken. 600 bis 1000 Eu­ro kos­ten die Klei­der im Blau­kraut, ma­xi­mal 1200 Eu­ro. „Das muss dann un­ge­tra­gen sein.“

Und nicht nur das Kleid gibt es bei den Freun­din­nen, die Fri­seur-Meis­te­rin fri­siert und schminkt die Bräu­te auch. „Mei­ne Fa­mi­lie hat ei­ne Gärt­ne­rei“, er­zählt die 28-Jäh­ri­ge – Blu­men für die Hoch­zeit kön­nen al­so auch or­ga­ni­siert wer­den. In­zwi­schen wer­den die bei­den Frau­en von wei­te­ren Di­enst­leis­tern un­ter­stützt – „sie al­le sind Freun­de“, er­zählt Ri­ke Grütz­ma­cher. Den Kon­takt zu ei­nem Fo­to- und ei­nem Vi­deo­gra­fen ha­ben sie, und auch für die Hoch­zeits­tor­te gibt es den rich­ti­gen An­sprech­part­ner. „Ob­wohl wir ei­gent­lich nicht viel mit Hoch­zei­ten zu tun hat­ten bis­her“, sagt Grütz­ma­cher. Ver­hei­ra­tet ist näm­lich noch kei­ne der bei­den. Soll­ten sie aber ir­gend­wann un­ter die Hau­be kom­men, dann freu­en sie sich jetzt schon auf den Brief, den sie be­kom­men, von der frü­he­ren Be­sit­ze­rin des Klei­des. „Wir bit­ten die Ver­käu­fe­rin, ei­nen Wunsch zu hin­ter­las­sen für die neue Braut“, er­zählt Ri­ke Grütz­ma­cher.

So­phie Wil­ken und Ri­ke Grütz­ma­cher ha­ben ei­nen Se­cond­hand-La­den für Braut­klei­der er­öff­net.

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