Was die Rhein­bahn meint, wenn sie „zwei Mi­nu­ten“an­kün­digt

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON SU­SAN­NE HA­MANN

Die elek­tro­ni­schen An­zei­ge­ta­feln an den Hal­te­stel­len ir­ri­tie­ren vie­le Bahn- und Bus-Nut­zer. Das In­fo­sys­tem ist neu und kann nicht er­ken­nen, wenn auf der Stre­cke et­was pas­siert.

Wer auf et­was war­tet, der hat ein an­de­res Zeit­ge­fühl. Das be­stä­tigt auch die Wis­sen­schaft. „Das liegt an ei­nem Wahr­neh­mungsphä­no­men, das Zeit-Pa­ra­do­xon ge­nannt wird“, sagt Zeit­for­scher Jo­nas Geiß­ler. „In Si­tua­tio­nen, in de­nen we­nig ge­schieht, we­nig Rei­ze auf uns ein­wir­ken, kommt uns die Zeit in der Re­gel län­ger vor, sie ver­geht sub­jek­tiv emp­fun­den lang­sa­mer.“

Dass ei­nem fünf Mi­nu­ten am Bahn­steig mal wie 15 Mi­nu­ten vor­kom­men kön­nen, ist al­so voll­kom­men nor­mal. Und doch wird der Nut­zer öf­fent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel in Düs­sel­dorf schnell mer­ken, dass ir­gend­et­was mit den elek­tro­ni­schen Hal­te­stel­len­schil­dern nicht stim­men kann. „Die Bahn kommt in zwei Mi­nu­ten“– das ist dort schon mal für fünf Mi­nu­ten oder noch län­ger zu le­sen. Manch­mal wird dann spon­tan ei­ne an­de­re Bahn­li­nie vor­ge­zo­gen oder man muss plötz­lich los­ren­nen, weil der Zug schon nach 30 Se­kun­den ein­fährt.

Ist das al­les Ein­bil­dung? Nein. „Die zwei Mi­nu­ten auf der An­zei­gen­ta­fel kön­nen bis zu zehn Mi­nu­ten dau­ern“, sagt Ge­org Schu­ma­cher, Spre­cher der Rhein­bahn. „Das liegt an dem neu­en Be­triebs­leit­sys­tem.“Die 830 Li­ni­en­fahr­zeu­ge der Rhein­bahn sind da­für mit ei­nem Funk­sys­tem aus­ge­stat­tet wor­den, das per­ma­nent den Stand­ort je­der ein­zel­nen Bahn durch­gibt. Aus die­sen Da­ten be­rech­net das 32 Mil­lio­nen Eu­ro teu­re Sys­tem, wie lan­ge die Bahn noch bis zu den fol­gen­den Hal­te­stel­len braucht, und gibt die­se In­for­ma­ti­on an die An­zei­gen wei­ter.

„Wenn aber ein Un­fall pas­siert oder je­mand mit dem Au­to die Stre­cke blo­ckiert, er­kennt das Sys­tem das na­tür­lich nicht“, sagt Schu­ma­cher wei­ter. Statt­des­sen funkt die Bahn in sol­chen Fäl­len wei­ter­hin ih­ren ak­tu­el­len Stand­ort und gibt ent­spre­chend auch wei­ter­hin zwei Mi­nu­ten bis zur An­kunft an die An­zei- ge durch. „Das kann un­ge­fähr zehn Mi­nu­ten lang so ge­hen. Wenn sich die Bahn dann noch im­mer nicht be­wegt hat, springt das Sys­tem au­to­ma­tisch auf den nächs­ten fahr­plan­mä­ßi­gen Stopp um.“

Kann die­ser eben­falls nicht ein­ge­hal­ten wer­den, nimmt das Be­triebs­leit­sys­tem die Bahn­li­nie vor­erst kom­plett aus der An­zei­ge her­aus. „Des­halb kann es sein, dass ei­ne Bahn, die in zwei Mi­nu­ten an­ge­kün­digt war, plötz­lich voll­kom­men ver­schwin­det“, er­läu­tert der Rhein­bahn-Spre­cher. Häu­fig pas­sie­re das nicht. Aber, so räumt Schu­ma­cher ein, das Sys­tem sei noch neu und Düs­sel­dorf die ers­te Stadt in NRW, in der es zum Ein­satz kom­me. „Ent­spre­chend kommt es im­mer noch häu­fi­ger zu Feh­lern und Aus­fäl­len, und wir müs­sen noch viel nach­jus­tie­ren.“

Das Wört­chen „so­fort“ist bei der Rhein­bahn üb­ri­gens ent­spre­chend ähn­lich re­la­tiv zu se­hen. „Ei­gent­lich heißt das, dass die Bahn in un­ter ei­ner Mi­nu­te kommt“, sagt Schu­ma­cher. Re­cher­chen un­se­rer Re­dak­ti­on zei­gen je­doch: Die An­zei­ge „So­fort“be­deu­tet ei­ne Span­ne zwi­schen 15 Se­kun­den und 1 Mi­nu­te und 23 Se­kun­den.

RP-FO­TO: LAU­RA IHME

Die An­zei­gen an der Uh­land­stra­ße zei­gen die nächs­ten Bah­nen der Wehr­hahn-Li­nie.

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