In 15 Ta­gen mit dem Rad nach Bar­ce­lo­na

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON MARC INGEL

Zwei Brü­der aus Ger­res­heim ha­ben im zwei­ten An­lauf die stra­pa­ziö­se Tour ge­schafft und da­bei ih­re Gren­zen aus­ge­lo­tet.

Sie woll­ten es nicht an die gro­ße Glo­cke hän­gen, ha­ben nur ei­ne Hand­voll Men­schen ein­ge­weiht in ih­ren Plan, mit dem Fahr­rad von Ger­res­heim nach Bar­ce­lo­na zu fah­ren. Beim ers­ten Ver­such vor zwei Jah­ren hat­ten die Brü­der Pi­no und An­dré De­gior­gio kräf­tig die Wer­be­trom­mel ge­rührt, denn es ging ih­nen nicht zu­letzt dar­um, wäh­rend ih­rer Tour Spen­den für das Kin­der­hos­piz Re­gen­bo­gen­land zu sam­meln. Aber die bei­den ge­bür­ti­gen Ger­res­hei­mer mit ita­lie­ni­schen Wur­zeln ka­men nur bis Bonn. Pi­no wur­de in ei­nen Un­fall ver­wi­ckelt, er­litt ei­nen dop­pel­ten Arm­bruch. Aus der Traum von Bar­ce­lo­na.

„Jetzt wa­ren wir bes­ser vor­be­rei­tet“, sagt An­dré, der nach der Rück­kehr aus Spa­ni­en noch ein paar Tage Ur­laub ge­nießt, wäh­rend Pi­no be­reits wie­der sei­nen Job als Er­zie­her an­ge­tre­ten hat. Wich­tigs­te Neu­an­schaf­fung vor dem Start: „Ich ha­be mir ein ver­nünf­ti­ges Rad ge­kauft und ge­gen mein 30 Jah­re al­tes Renn­rad ein­ge­tauscht“, er­zählt An­dré. Trai­niert ha­ben die Brü­der im Vor­feld reich­lich und auch mit mehr Ver­stand ge­packt. „Es soll­te im­mer­hin die Rei­se un­se­res Le­bens wer­den. Und zwar die­ses Mal wirk­lich“, be­tont der Sin­ger/Song­wri­ter.

Es hat ge­klappt, in 15 Ta­gen ha­ben Pi­no und An­dré De­gior­gio die knapp 1600 Ki­lo­me­ter zu­rück­ge­legt. „Aber es war bis­wei­len ei­ne Qu­al, wir ha­ben mehr­fach dar­an ge­dacht, auf­zu­ge­ben“, sagt An­dré. Auf Face­book ha­ben die Ger­res­hei­mer ei­ne Art Ta­ge­buch ge­führt und auch wie­der zu Spen­den für das Kin­der­hos­piz auf­ge­ru­fen. „Aus an­fangs rund 50 Leu­ten, die das ver­folg­ten und uns auch Mut zu­spra­chen, wur­den schnell mehr als 300. Und die konn­ten wir ja schlecht ent­täu­schen“, sagt der 30-Jäh­ri­ge. Al­so bis­sen sie auf die Zäh­ne, igno­rier­ten die an­fäng­li­chen Mus­kel­schmer­zen, ab­sol­vier­ten im Schnitt mehr als 100 Ki­lo­me­ter am Tag, lie­ßen sich auch nicht da­von aus der Ru­he brin­gen, dass in Frank­reich kei­ner et­was an­de­res au­ßer Fran­zö­sisch sprach. Und sie kauf­ten sich ein­fach ein neu­es Na­vi, als das al­te ziem­lich schnell sei­nen Geist auf­gab.

„Die Py­re­nä­en wa­ren na­tür­lich hard­core, aber auch sonst gab es vie­le Er­leb­nis­se, von de­nen nor­ma­ler­wei­se ei­nes aus­rei­chen wür­de, um zu sa­gen: Komm’, wir neh­men den Zug“, be­rich­tet An­dré De­gior­gio. Da­zu zähl­te ein wil­der bis­si­ger Hund, dem Pi­no nur haar­scharf aus­wei­chen konn­te, eben­so wie Durst und Hun­ger in ei­nem fran­zö­si­schen Kaff, in dem stun­den­lang Sies­ta ge­macht wur­de und al­le Ge­schäf­te ge­schlos­sen hat­ten. Es gab qua­si un­pas­sier­ba­re Schot­ter­we­ge und Stra­ßen, auf de­nen es für Rad­fah­rer kaum Mög­lich­kei­ten gab, un­fall­frei zu fah­ren. „Ein­mal sind wir über ei­nen un­be­fes­tig­ten Weg auf ein Feld ge­ra­ten, dort stand ein Schild: Heu­te Jagd! Wir ha­ben uns mit er­ho­be­nen Hän­den zu­rück in die Zi­vi­li­sa­ti­on ge­kämpft.“

Die Brü­der schlie­fen in preis­güns­ti­gen Ho­tels und lern­ten schnell aus ih­ren Feh­lern. „Wir stan­den plötz­lich vor ei­nem Ho­tel, das in den Som­mer­fe­ri­en ge­schlos­sen hat­te. Das fasst man doch nicht. Al­so ha­ben wir im­mer schon mit­tags un­ser Quar­tier für die Nacht te­le­fo­nisch ge­bucht.“Hit­ze, Käl­te und Sturz­re­gen wech­sel­ten sich ab, „doch dann hat­ten wir auf ein­mal den Duft des Mee­res in der Na­se, am Him­mel tauch­te die ers­te Mö­we auf“, er­in­nert sich An­dré. „Da ist bei uns ei­ne enor­me Last ab­ge­fal­len, ich glau­be, ich ha­be so­gar ein paar Trä­nen ver­gos­sen. Ganz ehr­lich: Ich ha­be zwi­schen­durch nicht ge­glaubt, dass wir es schaf­fen“, sagt der 30-Jäh­ri­ge, für den die nächs­ten fünf Jah­re Schluss ist mit Mam­mut-Rad­tou­ren.

FO­TOS: PRI­VAT

Tri­umph: Der 29-jäh­ri­ge Pi­no De­gior­gio sieht bei Port-La-Nou­vel­le kurz vor der spa­ni­schen Gren­ze zum ers­ten Mal das Meer.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.