Für im­mer Flin­gern

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEILE - VON ALEX­AN­DRA WEHRMANN

Karl-Heinz Len­ders ar­bei­tet seit 1972 fast un­un­ter­bro­chen im Hin­ter­hof an der Bir­ken­stra­ße 47. Vie­le Jah­re war er bei Glas Len­n­arz tä­tig. Nach dem En­de der Gla­se­rei blieb er und ar­bei­tet nun als Haus­meis­ter in der Samm­lung Phil­ara.

FLIN­GERN Auf den ers­ten Blick gibt Len­ders kei­nen klas­si­schen Haus­meis­ter ab. Zu lei­se, zu be­schei­den und kein biss­chen hemds­är­me­lig. Er sei et­was ner­vös, er­klärt er. „An­sons­ten ar­bei­te ich ja eher im Hin­ter­grund.“Da ist er al­ler­dings so un­ver­zicht­bar, dass Samm­lungs­di­rek­to­rin Kat­ha­ri­na Klang ihn als „Herz der Phil­ara“be­zeich­ne­te. Len­ders sind der­lei Kom­pli­men­te eher un­an­ge­nehm. „Ich bin nicht per­fekt, aber ich bin im­mer da, wenn was ist“, sagt er. Da­bei en­det sein Wir­kungs­kreis kei­nes­falls mit den Au­ßen­wän­den des Kunst­hau­ses. Wenn in der be­nach­bar­ten Film­werk­statt die Lein­wand fürs Open Air Ki­no auf­ge­baut wird, hilft die gu­te See­le eben­so, wie wenn in der Gast­stät­te Schmal­bauch die Da­men­toi­let­ten ver­grö­ßert wer­den. „Oh­ne ihn wä­re die Bir­ken­stra­ße ver­lo­ren“, sagt Klang. Wie zum Be­weis klin­gelt das Mo­bil­te­le­fon des Haus­meis­ters. Len­ders ent­schul­digt sich höf­lich, be­vor er das Ge­spräch ent­ge­gen­nimmt. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Wim-Wen­ders-Stif­tung ist dran. Es gibt ein Pro­blem mit der Alarm­an­la­ge. „Ich komm‘ gleich mal rauf“, ver­spricht Len­ders.

Nach Flin­gern ge­kom­men ist Karl-Heinz Len­ders 1969. Da­mals wur­den die Kn­ei­pen im Stadt­teil noch mit Kut­schen be­lie­fert. „Flin­gern war zu der Zeit ein Ar­bei­ter­vier­tel mit ho­hem Aus­län­der­an­teil“, er­in­nert sich der mitt­ler­wei­le 62Jäh­ri­ge. Len­ders moch­te die Ge­gend auf An­hieb. 1972 fing er im Al­ter von 17 Jah­ren bei Glas Len­n­arz an. „Das war noch vor der Öl­kri­se, da wur­den stän­dig Leu­te ge­sucht“, er­in­nert er sich. „So bin ich hier rein­ge­rutscht.“Bis heu­te zeu­gen Nar­ben an sei­nen Ar­men von den Schnitt­wun­den, die er sich bei der Ar­beit zu­zog. „Ge­näht wor­den bin ich aber sel­ten“, so Len­ders. In der Gla­se­rei ar­bei­te­te er zu­nächst im Zu­schnitt. Die un­ge­fähr sechs mal drei Me­ter gro­ßen Glas- plat­ten wur­den noch über­wie­gend auf der Schie­ne an­ge­lie­fert. „Es gab ei­nen di­rek­ten Gleis­an­schluss an die Ger­res­hei­mer Glas­hüt­te“, er­zählt Len­ders. Die Zü­ge konn­ten von der Pro­duk­ti­ons­stät­te bis in die Hal­le an der Bir­ken­stra­ße fah­ren. Noch heu­te, da Glas Len­n­arz längst Ge­schich­te ist, spricht Len­ders im „wir“von sei­nem lang­jäh­ri­gen Ar­beit­ge­ber. Dar­auf an­ge­spro­chen, zuckt er die Schul­tern: „Das war ja fast mein gan­zes Le­ben.“Ur­laub hat er in all den Jah­ren sel­ten ge­macht, das sei ihm ein­fach zu weit weg von Flin­gern. „Ans Meer zu fah­ren ist ja ganz schön, aber nach zwei, drei Ta­gen be­kom­me ich Heim­weh.“

Die Welt in Flin­gern hat sich um 180 Grad ge­dreht, seit Len­ders vor 48 Jah­ren ins Vier­tel kam. In den 80er-Jah­ren be­zahl­te er für sei­ne 82Qua­drat­me­ter-Woh­nung an der Ger­res­hei­mer Stra­ße 540 Mark Warm­mie­te. Heu­te ver­kehrt im Hin­ter­hof an der Bir­ken­stra­ße die in­ter­na­tio­na­le Kunst­sze­ne. Es wer­de viel Eng­lisch ge­spro­chen, so Len­ders, der be­dau­ert, dass er die Spra­che nicht be­herrscht. Da­von ab­ge­se­hen kommt er mit der neu­en Kli­en­tel sehr gut zu­recht. Das Ver­hält­nis zu den Künst­lern be­schreibt Kal­le oder Kal­la, wie ihn vie­le hier nen­nen, als nett und herz­lich. Mit den Kol­le­gen der Phil­ara ist er per du. Ein­zi­ge Aus­nah­me: Gil Bron­ner. „Den sie­ze ich. Er ist ja mein Chef.“Zu den Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen wird der Haus­meis­ter selbst­ver­ständ­lich ein­ge­la­den. An­läss­lich der Ver­nis­sa­gen tauscht er dann die grü­ne Latz­ho­se ge­gen An­zug und Flie­ge.

Bei dem Ge­spräch mit der RP hat er den Ar­beits­dress mit ei­nem Stroh­hut und ei­ner sty­li­schen Bril­le kom­bi­niert. Auf sei­nen Ar­men pran­gen vier Tat­toos, dar­un­ter die Sto­nes-Zun­ge und ein Meat­lo­afMo­tiv. „Ich war frü­her viel auf Kon­zer­ten“, so Len­ders. Im rei­fen Al­ter von 50 ent­deck­te er sein Herz für Tech­no: „Da­mals wohn­te ich in ei­ner WG mit drei 18-jäh­ri­gen Mä­dels, so kam ich auf die Mu­sik.“Ei­ne Wei­le lang ließ Len­ders kaum ein Ra­ve aus, tanz­te bis in den frü­hen Mor­gen. Er steht auf, dreht sich um und zieht den Aus­schnitt sei­nes wei­ßes T-Shirts nach un­ten: Auf dem Na­cken prangt das Lo­go der May­day.

Von bil­den­der Kunst ver­ste­he er noch nicht viel, sagt der Haus­meis­ter. „Ich kann nur sa­gen, was mir ge­fällt und was nicht.“Aber er ler­ne stän­dig da­zu. Sein Blick auf die Kunst hat sich ver­än­dert, seit er in der Phil­ara ar­bei­tet. „Erst ges­tern Abend ha­be ich vier Nach­barn im Rah­men ei­ner pri­va­ten Füh­rung die Samm­lung ge­zeigt“, er­zählt er. Na­tür­lich hat er sie bei der Ge­le­gen­heit auf „Ar­ti­cho­ke Un­der­ground“hin­ge­wie­sen. Die Ar­beit der New Yor­ker Künst­ler Jo­nah Free­man und Jus­tin Lo­we ist ei­ne ir­re, mehr­ge­schos­si­ge Rau­m­in­stal­la­ti­on – ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Im­biss, Druck­werk­statt, War­te­raum mit Por­no­ki­no. „Das Werk lie­be ich über al­les“, sagt Len­ders. Manch­mal, wenn er bei Ver­nis­sa­gen dort Auf­sicht führt, in sei­nem schi­cken An­zug und mit Flie­ge, wird er für den Künst­ler ge­hal­ten. Wenn die Be­su­cher ihm Fra­gen zum Werk stel­len, tritt Len­ders in­stink­tiv ei­nen Schritt zu­rück. Dort­hin, wo er sich am wohls­ten fühlt: in die zwei­te Rei­he. Und sagt: „Ich bin nicht der Künst­ler. Ich bin der, der abends die Si­che­run­gen raus­dreht.“

RP-FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Karl-Heinz Len­ders in Ar­beits­klei­dung in der Samm­lung Phil­ara. Für Ver­nis­sa­gen tauscht er die Latz­ho­se ge­gen An­zug und Flie­ge.

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