Os­si Ober­hof un­ter­hält den gan­zen Block

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEILE - VON HEI­DE-INES WILLNER

Der Mu­si­ker zog vor ei­nem Jahr in den Wohn­park der Dia­ko­nie an der Al­de­kerk­stra­ße. Abend für Abend steht er nun auf dem „Bal­kon“und bie­tet den Se­nio­ren ei­ne „klei­ne Nacht­mu­sik“.

HEERDT Es ist 22 Uhr. Die Se­nio­ren im Wohn­park der Dia­ko­nie Al­de­kerk­stra­ße ste­hen in den Lau­ben­gän­gen ih­rer Ap­par­te­ments und war­ten auf ih­ren Mit­be­woh­ner und Mu­si­ker Os­si Ober­hof. Sie war­ten dar­auf, dass er ih­nen mit sei­ne Cla­vi­et­ta das Ta­ge­sen­de mit ei­nem Schlum­mer­lied ver­süßt. Und wenn dann nach Volks­lie­dern wie „Im küh­len Grun­de“das ein­schmei­cheln­de „Ama­zing Gra­ce“er­klingt, wis­sen al­le, dass nun Schla­fens­zeit ist. Be­vor sie sich aber in ih­re Räu­me zu­rück­zie­hen, dan­ken sie dem Mu­si­kus im­mer auf die glei­che Wei­se für die „klei­ne Nacht­mu­sik“: Sie schwen­ken ih­re leuch­ten­den Ta­schen­lam­pen. „Ein schö­nes Bild“, sagt der Mu­si­ker froh über die Freu­de, die er mit sei­ner Mu­sik aus­löst. „Manch­mal wer­de ich schon am Tag ge­fragt, was ich heu­te Abend denn spie­len wer­de.“

Das Ri­tu­al, das sich Abend für Abend wie­der­holt, fällt Os­si Ober­hof, des­sen Vor­na­me von Os­wald ab­ge­lei­tet ist, nicht schwer, ob­wohl er vor we­ni­gen Wo­chen 91 Jah­re alt ge­wor­den ist. „So kann ich mei­ne Lei­den­schaft für Mu­sik auch im Al­ter noch aus­le­ben“, sagt er bei ei­nem Be­such in sei­ner Woh­nung. Al­ter? Mit fe­dern­der Be­weg­lich­keit, die Haa­re schick zu ei­ner kes­sen Tol­le ge­kämmt, prä­sen­tiert er sein klei­nes, von Mu­sik­in­stru­men­ten und Fa­mi­li­en­fo­tos de­ko­rier­tes Reich. Dann holt er sei­ne Cla­vi­et­ta her­vor und gibt ein paar Tö­ne an. Für ei­ne Kost­pro­be auf dem Ak­kor­de­on scheint der Wohn­raum fast zu klein und die Trom­pe­te zu laut. Da bleibt nur ein Ab­ste­cher ins Dia­ko­nie-Ca­fé im Hof. Denn dort tritt der Mu­si­ker be­reits seit zehn Jah­ren eh­ren­amt­lich auf und un­ter­hält die Be­woh­ner mit Volks­lie­dern und Schla­gern, die sie in ih­re Ju­gend ent­füh­ren. Egal ob See­mann­lie­der wie „Am Golf von Bis­ca­ya ein Mäg­de­lein stand...“, „I’am sai­ling“oder das schmu­si­ge „Tan­ze mit mir in den Mor­gen“er­klin­gen – „Os­si“kann al­les spie­len. „No­ten brau­che ich nicht, ha­be al­le Lie­der im Kopf.“Ge­spielt ha­be er auch schon frei­wil­lig für Kriegs­blin­de, das EVK-Ho­s­piz und den Freun­des­kreis der ehe­ma­li­gen An­ge­hö­ri­gen des NRW-Mi­nis­te­ri­ums für In­ne­res und Kom­mu­na­les. „Ich ha­be dort ab 1970 in der Ver­wal­tung ge­ar­bei­tet.“Der Le­bens­weg des 91-Jäh­ri­gen ist mehr als nur span­nend, denn auch er hat wie die meis­ten äl­te­ren Men­schen viel er­lebt und viel zu sa­gen. Im­mer aber ist es die Mu­sik, die ihn be­glei­tet und sta­bi­li­siert hat, mal als Be­rufs,- mal als Hob­by­mu­si­ker.

Ge­bo­ren 1926 im ober­schle­si­schen Hin­den­burg wur­de er als 19Jäh­ri­ger für ein Jahr Sol­dat und ge­riet 1945 in Ge­fan­gen­schaft „mei­ne schlimms­te Zeit, vie­le sind ge­stor­ben“. Es folg­ten vie­le Sta­tio­nen, sie al­le auf­zu­zäh­len – fast un­mög­lich. „Was der Krieg so mit ei­nem ge­macht hat“, sagt er nach­denk­lich und er­zählt von sei­ner Flucht aus dem rus­sisch-be­setz­ten Os­ten. „Dort ha­be ich als Leh­rer ge­ar­bei­tet.“Als der Druck zu groß wur­de, schlüpf­te er durch ein Loch im Zaun in den Wes­ten. „Ich wol­le kein Kom­mu­nist wer­den.“1949 kam er nach Düsseldorf und hielt sich mit Jobs über Was­ser, war Rei­be­ku­chen­bä­cker und Dach­de­cker. „Ich war sehr nütz­lich, ken­ne fast al­le Düs­sel­dor­fer Dä­cher.“Ne­ben­bei ha­be er Ge­sang und fünf Se­mes­ter Kon­tra­bass an der Mu­sik­hoch­schu­le Düsseldorf stu­diert. „Mein ers­tes Kon­zert gab ich 1956 in der St. An­to­ni­us­kir­che.“Sein Leh­rer sei der Ober­kas­se­ler Ar­thur De­wel ge­we­sen. „Dann bin ich aber in die Tanz­mu­sik ab­ge­schwirrt und ha­be in den Rhein­ter­ras­sen auf­ge­spielt“, gibt er ver­gnügt preis.

Seit ei­nem Jahr lebt der Mu­si­ker im Wohn­park mit sei­ner Frau. Das Paar hat vier ge­mein­sa­me Kin­der und neun En­kel­kin­der. „Sie wa­ren al­le da, kürz­lich bei mei­nem 91. Ge­burts­tag.“Durch die Fa­mi­lie und Freun­de füh­le er sich ge­bor­gen und ge­liebt. Ein be­son­de­res Ver­hält­nis hat er zu ei­nem En­kel­kind, dass er nach dem Tod ei­ner sei­ner Töch­ter groß­ge­zo­gen hat. Die­ser gra­tu­lier­te ihm mit den Wor­ten: „Du bist der bes­te Opa der Welt“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.