Die Rou­ti­ne un­ter­bre­chen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KIRCHEN -

Wir sind Rou­ti­niers. Vie­les, was wir in Be­ruf oder Frei­zeit tun, ent­spricht be­stimm­ten Rou­ti­nen. Rou­ti­ne er­leich­tert das Le­ben, weil wir zum Bei­spiel beim Rad­fah­ren nicht je­des Mal über­le­gen müs­sen, wie es funk­tio­niert. Pro­ble­ma­tisch fin­de ich aber, wenn die Rou­ti­ne al­les be­stimmt. Da­her er­lau­be ich mir manch­mal, der Rou­ti­ne nicht zu fol­gen.

Ich hal­te es für selbst­ver­ständ­lich, Müt­tern und Vä­tern mei­ne Hil­fe an­zu­bie­ten, um zum Bei­spiel den Kin­der­wa­gen aus Bus oder Bahn zu hie­ven. Das kos­tet nur ei­nen kur­zen Au­gen­blick. Nur ei­ne klei­ne Un­ter­bre­chung mei­nes We­ges. Viel schwe­rer fällt mir, mei­ne di­gi­ta­le Rou­ti­ne zu un­ter­bre­chen. Das In­ter­net bie­tet so vie­le in­ter­es­san­te In­for­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten, dass ich nicht dar­auf ver­zich­ten will.

Auch wenn ich weiß, dass mein Nut­zer­ver­hal­ten ge­nau ana­ly­siert wird, man­che In­for­ma­ti­on nur schwer über­prüf­bar und man­ches An­ge­bot über­flüs­sig ist, über­wiegt der Nut­zen den mög­li­chen Scha­den. Den­noch will ich manch­mal un­ter­bre­chen.

Wir hat­ten ei­ne Fe­ri­en­woh­nung oh­ne In­ter­net­zu­gang ge­bucht. Es hat die Er­ho­lung sehr ge­för­dert, mal 14 Ta­ge kei­ne Mails zu che­cken. Wie aber kann ich Frei­räu­me au­ßer­halb des Ur­laubs nut­zen?

Der Sonn­tag ist ei­ne heil­sa­me Un­ter­bre­chung des All­tags. Ein­mal wö­chent­lich wird uns ei­ne Un­ter­bre­chung all­täg­li­cher Rou­ti­ne an­ge­bo­ten. Je­sus hat es so auf den Punkt ge­bracht: Der Sab­bat ist um des Men­schen wil­len da und nicht um­ge­kehrt. Da­her nutz­te er den Tag, zum Bei­spiel um Men­schen zu hel­fen. Für Je­sus hat­te der Mensch Vor­rang vor ei­ner buch­stäb­li­chen Er­fül­lung des Ge­bots. Klar, dass er da­mit Kon­flik­te mit den Wäch­tern re­li­giö­ser Rou­ti­ne aus­ge­löst hat. Ich will mei­ne be­grenz­ten Frei­räu­me ein­set­zen, in­dem ich im­mer wie­der aus der Rou­ti­ne aus­bre­che. Ich neh­me mir Zeit für ein spon­ta­nes oder ge­plan­tes Hilfs­an­ge­bot, für ein per­sön­li­ches Nach­fra­gen, ein freund­li­ches Lä­cheln, ein herz­li­ches Dan­ke­schön, ei­ne frei­wil­li­ge Off­line-Pha­se. Frei­räu­me so zu nut­zen, kos­tet meist nicht viel. Aber manch­mal springt ein klei­ner Ge­winn an Le­bens­qua­li­tät her­aus!

RP-FO­TO: HANS-JÜRGEN BAU­ER

Sieg­fried Wolf ist Pas­tor der Evan­ge­lisch-Frei­kirch­li­chen Ge­mein­de.

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