Nächs­ter Halt Klein­forst

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON ALEX­AN­DRA WEHRMANN

Wäh­rend der ICE bis zu 300 km/h er­reicht, geht es beim Mo­dell­bahn­club Düs­sel­dorf ge­müt­lich zu.

„Gleis 3“steht über dem Ein­gang. Das Schild stammt genau­so aus dem Be­sitz der DB wie die gro­ße Bahn­hofs­uhr und die Andre­as­kreu­ze. Hin­ter der rot-wei­ßen Schran­ke war­tet Jo­chen Korth. Der 75-Jäh­ri­ge ist 1. Vor­sit­zen­der des Mo­dell­bahn­clubs, Lok­füh­rer, Schaff­ner, Fahr­kar­ten­ver­käu­fer und vie­les mehr in ei­ner Per­son. Das 6000 Qua­drat­me­ter mes­sen­de Ge­län­de ist zu ei­nem Groß­teil sein Werk. Un­zäh­li­ge Ar­beits­stun­den hat er in die Gestal­tung in­ves­tiert. „Und nicht zu ver­ges­sen ei­ne Sum­me im fünf­tel­li­gen Be­reich.“

2008 hat der Rent­ner das Are­al am Ran­de der A46 von der Deut­schen Bahn ge­pach­tet. Da­mals war es ei­ne Bra­che, un­ge­nutzt und kom­plett zu­ge­wu­chert. „Die Brenn­nes­seln stan­den hier zwei Me­ter hoch“, er­in­nert sich Korth. Heu­te könn­te man auf dem frisch ge­stutz­ten Ra­sen Wim­ble­don aus­tra­gen. Zwi­schen Wei­den, Bam­bus, Wild­kir­schen und Ap­fel­bäu­men schlän­geln sich 1300 Me­ter Schie­nen in meh­re­ren Schlei­fen über die 6000 Qua­drat­me­ter Ge­län­de. Ei­ne Deutsch­land­fah­ne flat­tert über dem Are­al. Oben auf der Au­to­bahn rauscht Lkw um Lkw vor­bei.

Am Bahn­hof Klein­forst star­tet un­se­re Pro­be­fahrt mit ei­nem der ins­ge­samt drei Per­so­nen-Zü­ge. „Wir ma­chen die Fern­stre­cke“, ent­schei­det Korth. Die Fern­stre­cke misst 600 Me­ter. Im Ge­gen­satz zu an­de­ren Mo­dell­bahn­loks, die mit Die­sel oder Koh­le fah­ren, wird un­ser Zug über ei­ne Gel-Bat­te­rie be­trie­ben. Rei­se­ge­schwin­dig­keit: stol­ze sechs km/h. Zu Fuß wä­re man kaum lang­sa­mer. Wie in Zeit­lu­pe rat­tert un­ser Zug kurz dar­auf über Brü­cken, vor­bei an Wolf und Wild­schwein aus Plas­tik, durch­quert ei­nen Wald und taucht nicht oh­ne das ob­li­ga­to­ri­sche Pfei­fen in ei­nen 30 Me­ter lan­gen Tun­nel ein. Es ist, als füh­re man zu­rück in die ei­ge­ne Kind­heit.

Die per­fek­te Mi­schung aus Nost­al­gie und Ent­schleu­ni­gung. „Seit der of­fi­zi­el­len Er­öff­nung im Jahr 2011 ha­ben wir die Stre­cke peu à peu er­wei­tert“, er­klärt Korth, als wir wie­der im Bahn­hof ein­ge­fah­ren sind. 23 Mit­glie­der zählt der Ver­ein der­zeit, der über­wie­gen­de Teil da­von männ­lich. Mo­dell­ei­sen­bahn ist und bleibt ein Her­ren-Hob­by. „Wir ha­ben aber auch ein Mä­del da­bei“, lacht Korth. Die „Quo­ten­frau“sei gera­de mal um die 30 und da­mit un­ge­fähr halb so alt wie das durch­schnitt­li­che männ­li­che Ver­eins­mit­glied.

Vie­le Mit­glie­der des Mo­dell­bahn­clubs be­sit­zen ei­ge­ne Zü­ge und kom­men auf das Ge­län­de, um sie dort fah­ren zu las­sen. Aber auch „Gast­fah­rer“rei­sen zum Teil von weit her an. Wie der Be­sit­zer des „Kro­ko­dils“. Das „Kro­ko­dil“ist ei­ne Schwei­zer Lok, die am 12. und 13. Au­gust auf dem Mo­dell­bahn­club­A­re­al ih­re Run­den dre­hen wird. Ein Fest für je­den Mo­dell­ei­sen­bahn- Fan, schließ­lich ist das „Kro­ko­dil“so­zu­sa­gen der Por­sche un­ter den Mo­dell­ei­sen­bahn­loks. Län­ge: drei Me­ter. Ge­wicht: ei­ne Ton­ne. Preis: 200.000 Eu­ro. „Trans­por­tiert wird sie mit ei­nem Spe­zi­al­an­hän­ger, von dem aus man sie di­rekt aufs Gleis ab­sen­ken kann“, weiß Korth. Er sel­ber freut sich je­den­falls die­bisch dar­auf.

Von 365 Ta­gen im Jahr ver­bringt der ge­bür­ti­ge Leip­zi­ger „be­stimmt 280“auf dem Mo­dell­bahn­club-Ge­län­de. Er kommt bei Re­gen, Sturm und Schnee – zu tun ist ja im­mer was. Frü­her hat er manch­mal sei­ne Frau mit­ge­bracht. Heu­te bleibt sie lie­ber zu­hau­se und schaut fern. Es sei gar nicht un­be­dingt das Fah­ren, das den Reiz des Gan­zen aus­ma­che, er­klärt der 75-Jäh­ri­ge, „son­dern das Gestal­ten“.

Der ehe­ma­li­ge Kür­sch­ner hat Bahn­hö­fe und vie­le Brü­cken ge­baut, Schie­nen ge­schweißt und Loks re­pa­riert. Die Fahr­gäs­te dan­ken es ihm je­des Mal. Für Kin­der­ge­burts­ta­ge wird das Are­al ger­ne ge­nutzt, schließ­lich ver­fügt es ne­ben der ei­gent­li­chen Haupt­at­trak­ti­on auch über Grill­hüt­ten, Fuß­ball­platz und Tram­po­lin. „Manch­mal stel­len wir auch ei­ne Hüpf­burg auf“, sagt Korth.

Von En­de März bis En­de Ok­to­ber sind zu­dem an je­dem zwei­ten und vier­ten Wo­che­n­en­de of­fi­zi­ell Fahr­tage. Dann ist das Ge­län­de auch Nicht-Mit­glie­dern zu­gäng­lich. Aber auch sonst sa­gen Jo­chen Korth und sei­ne Mit­strei­ter sel­ten nein, wenn je­mand Lust auf ei­ne ein­ma­li­ge Zug­fahrt in Zeit­lu­pe hat. Ge­teil­te Freu­de ist schließ­lich dop­pel­te Freu­de.

Kul­tu­rell liegt in Düs­sel­dorf ei­ni­ges im Ar­gen. Da­bei wä­re das Po­ten­zi­al vor­han­den: Ide­en, hel­le Köp­fe und Ku­lis­sen, dar­an ha­pert es nicht. Nur am wah­ren Wil­len der Stadt?

RP-FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Jo­chen Kurth auf gro­ßer Fahrt in klei­ner Bahn.

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