Vom Sport­muf­fel zum Kili­man­dscha­ro-Be­zwin­ger

Der Rhein­ber­ger Ste­fan Gru­nert (57) hat lan­ge für sein Aben­teu­er im afri­ka­ni­schen Tan­sa­nia trai­niert.

Rheinische Post Xanten - - RHEINBERG - VON NI­CO­LE MAIBUSCH

RHEIN­BERG Für die meis­ten sind sie eher Aus­druck mo­di­schen Ge­schmacks: T-Shirts mit dem Auf­druck von hip­pen Or­ten die­ser Welt. Doch nur die we­nigs­ten Trä­ger wa­ren selbst bei­spiels­wei­se zum „Shark Fis­hing auf Kau­ai“. Bei Ste­fan Gru­nert ist das an­ders. „Po­le Po­le - Uhu­ru Peak 5895 - Kili­man­ja­ro Tan­za­nia“steht auf sei­nem hell­blau­en T-Shirt. Und ge­nau die­sen mit 5895 Me­tern höchs­ten Gip­fel Afri­kas hat der Rhein­ber­ger vor we­ni­gen Wo­chen be­stie­gen – „po­le po­le“– ganz lang­sam eben.

Noch im­mer scheint er im Trek­king-Mo­dus: Ho­se, Schu­he, Ja­cke – Gru­nert schaut so aus, als wol­le er gleich den nächs­ten Berg er­klim­men. Doch er winkt ab. „Das war ei­ne Grenz­er­fah­rung, das Quä­lends­te, was ich je er­lebt ha­be. Aber ich ha­be es ge­schafft“, be­rich­tet der 57-Jäh­ri­ge stolz und fügt nüch­tern hin­zu: „Das war’s jetzt.“

Da­bei hät­te er sich vor rund zwei Jah­ren wahr­schein­lich nicht mal ins Sau­er­land ge­traut. Ein Pa­ra­de­bei­spiel an Uns­port­lich­keit sei er ge­we­sen, gibt Gru­nert zu. „Oh­ne ver­nünf­ti­ge Trai­nings­vor­be­rei­tung ist ein sol­ches Vor­ha­ben nicht zu pa­cken“, weiß der Kili­man­dscha­roBe­zwin­ger. Vor al­lem die letz­ten sie­ben Mo­na­te im In­joy-Stu­dio mit ge­ziel­tem In­ter­vall-, Mus­kel­län­gen­und Lauf­band­trai­ning ha­ben ihn auf den Punkt fit ge­macht. Wen wun­dert’s, dass das Stu­dio-Team mit­ge­fie­bert hat und ein biss­chen auch den Er­folg für sich ver­bucht.

Aus­gangs­punkt für die straff or­ga­ni­sier­te Berg­tour war das Le­mo­s­ho Ga­te auf 2100 Me­tern. Mit ei­nem wei­te­ren Teil­neh­mer so­wie ei­nem Be­gleit­tross von 15 Per­so­nen hat sich Ste­fan Gru­nert auf sechs schmerz­vol­le Etap­pen zum „Uhu­ru Peak“be­ge­ben. Die Aus­rüs­tung: sehr spar­ta­nisch. Im ei­ge­nen Ruck- sack be­fand sich nur das Al­ler­nö­tigs­te – Ge­trän­ke, ein paar Hy­gie­ne­ar­ti­kel und der Schlaf­sack eben. Das macht am En­de im­mer­hin noch sie­ben bis acht Ki­lo­gramm. „Den Rest – ein WC bei­spiels­wei­se – wur­de vom Tross mit­ge­schleppt“, be­rich­tet der Ein­mal-Berg­stei­ger. Das Wet­ter: mit ge­rin­gen Mi­nus­gra­den ver- gleichs­wei­se gut. „Nachts im Zelt galt es bei -2° Cel­si­us ein­zu­schla­fen, auf dem Gip­fel wa­ren es sie­ben Grad un­ter Null“, er­in­nert sich der Sport­ler. Die kli­ma­ti­schen Be­din­gun­gen hat Gru­nert gut ver­packt.

„Un­ter der Hö­hen­krank­heit ha­be ich bis auf an­fäng­li­ches Kopf­weh kaum ge­lit­ten“, er­zählt er. Schwe­rer zu schaf­fen ge­macht ha­ben ihm zu­nächst die hy­gie­ni­schen Um­stän­de: ein Be­helfs-WC, kei­ne Du­sche, kein Zäh­ne­put­zen, kei­ne Wech­sel­klei­dung. Sie­ben Ta­ge die­sel­be Un­ter­wä­sche, sie­ben Ta­ge die­sel­ben Kla­mot­ten. „Spä­tes­tens nach dem zwei­ten Tag ist ei­nem das völ­lig egal“, sagt der Rhein­ber­ger über­zeu­gend. Man wer­de auf das Exis­ten­zi­el­le zu­rück­ge­wor­fen. „Zwi­schen­durch ha­be ich schon Zwei­fel ge­habt, ob ich durch­hal­te“, be­kennt Ste­fan Gru­nert. Ab­zu­bre­chen war für ihn al­ler­dings kei­ne Op­ti­on.

Das Ge­fühl auf dem höchs­ten Punkt zu ste­hen, hat ihn am En­de für al­le Tor­tu­ren ent­schä­digt. „Die­ser Mo­ment hat bei mir so un­glaub­lich viel Ener­gie frei­ge­setzt, dass ich den Ab­stieg zu­rück auf 3800 Me­ter in nur an­dert­halb St­un­den be­wäl­tigt ha­be“, froh­lockt Gru­nert über un­ge­ahn­te Kraft­re­ser­ven. Doch bis auf dem „Uhu­ru Peak“das Ad­re­na­lin durch sei­ne Adern schoss, muss­te er sich selbst über­win­den. „Wor­te kön­nen das kaum be­schrei­ben“, denkt der 57-Jäh­ri­ge. „Knüp­pel­hart“tref­fe es vi­el­leicht am ehes­ten.

„Der stei­le Gip­fel­auf­stieg be­gann kurz nach Mit­ter­nacht am Camp auf 4600 Me­tern. An Schlaf sei dort zu­vor schon gar nicht mehr zu den­ken ge­we­sen. Punkt 7.18 Uhr – als die Son­ne über dem „Uhu­ru Peak“auf­ging – sei es ge­schafft ge­we­sen. An die sie­ben St­un­den müh­sa­men Auf­stiegs aber ha­be er kaum ei­ne Er­in­ne­rung. Oben an­ge­langt, blieb nur we­nig Zeit, den Tri­umph zu ge­nie­ßen. Schnell folg­te der Ab­stieg ins Ba­sis­camp auf 3.800 Me­ter. „Hier ha­be ich erst­mal ge­schla­fen wie ein St­ein“, ver­rät Gru­nert.

Nach die­ser Grenz­er­fah­rung sind es nun die ba­na­len Din­ge des All­tags, die der Rhein­ber­ger schätzt: ei­ne hei­ße Du­sche, Zäh­ne­put­zen, ein Bier. Und noch ei­nes hat er schät­zen ge­lernt: die Of­fen­heit und Freund­lich­keit der Afri­ka­ner.

FO­TO: PRI­VAT

Ste­fan Gru­nert auf 2100 Me­ter am Aus­gangs­punkt Le­mo­s­ho Ga­te.

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