Tür­kei deu­tet Frei­las­sung Yücels an

Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim ist heu­te zu Ge­sprä­chen in Ber­lin.

Rheinische Post - - VORDERSEITE - VON MAR­TIN KESS­LER

ISTANBUL (rtr) Die Tür­kei hat am Jah­res­tag der In­haf­tie­rung des deut­schen Jour­na­lis­ten De­niz Yücel Be­we­gung si­gna­li­siert. „Ich hof­fe, dass er in kur­zer Zeit frei­ge­las­sen wird“, sag­te in ei­nem ARD-In­ter­view der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim, der heu­te in Ber­lin er­war­tet wird. Es rech­ne in Kür­ze mit ei­ner Ent­wick­lung. Auch Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el zeig­te sich op­ti­mis­tisch. Er hof­fe auf ei­ne bal­di­ge po­si­ti­ve Ge­richts­ent­schei­dung, sag­te er ges­tern. Die deut­sche Jour­na­lis­tin Me­sa­le To­lu, die selbst in­haf­tiert war, for­der­te ei­nen här­te­ren Kurs ge­gen­über der Tür­kei. „Die­se mil­den Tö­ne brin­gen ein­fach nichts“, sag­te sie dem ZDF: „Wenn es et­was ge­bracht hät­te, dann wä­re jetzt nicht ein Jahr ver­gan­gen.“

Ga­b­ri­el nann­te die In­haf­tie­rung Yücels ei­nes der größ­ten Pro­ble­me im Ver­hält­nis zur Tür­kei. „Ein Jahr Haft für De­niz Yücel ist wei­ter­hin ei­ne der gro­ßen Hür­den in den bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei“, sag­te er: „Wir drän­gen nach wie vor in un­se­ren Ge­sprä­chen auf ein schnel­les rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren.“Ziel kön­ne aus Sicht der Bun­des­re­gie­rung al­ler­dings nur die Frei­las­sung Yücels sein. Der „Welt“-Kor­re­spon­dent, der die deut­sche und die tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit be­sitzt, ist seit ei­nem Jahr oh­ne An­kla­ge­schrift in­haf­tiert. Die Staats­an­walt­schaft wirft ihm Ter­ror­pro­pa­gan­da vor. Ne­ben Yücel sit­zen nach An­ga­ben des Aus­wär­ti­gen Am­tes wei­te­re fünf Deut­sche aus po­li­ti­schen Grün­den in tür­ki­schen Ge­fäng­nis­sen ein, dar­un­ter vier Dop­pel­staat­ler. Zu ei­nem der In­haf­tier­ten ge­be es wei­ter kei­nen kon­su­la­ri­schen Zu­gang, sag­te ei­ne Mi­nis­te­ri­ums­spre­che­rin. To­lu for­der­te die Bun­des­re­gie­rung auf, der Tür­kei kei­ne An­ge­bo­te im Ge­gen­zug für die Frei­las­sung Yücels zu ma­chen. Yücel ha­be selbst ge­sagt, er sei für „schmut­zi­ge De­als“nicht zu ha­ben.

„Wir drän­gen auf ein schnel­les rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren“Sig­mar Ga­b­ri­el Au­ßen­mi­nis­ter

Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal hat lan­ge Jah­re je­den Mo­nat ei­nen po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen vor­ge­stellt – um auf ein per­sön­li­ches Schick­sal auf­merk­sam zu ma­chen und den Op­fern von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein Ge­sicht zu ge­ben. Der Jour­na­list De­niz Yücel, den die tür­ki­sche Jus­tiz seit zwölf Mo­na­ten in Haft hält, ist zum Ge­fan­ge­nen des Jah­res ge­wor­den.

Er ist das Sym­bol für die vie­len Ver­folg­ten des tür­ki­schen Re­gimes un­ter Re­cep Tay­yip Er­do­gan ge­wor­den. Sei­ne Haft zeigt das rechts­staat­li­che De­fi­zit des Lan­des. Lei­der sind wir po­li­tisch macht­los, den nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand zu Un­recht In­haf­tier­ten frei­zu­be­kom­men. In der ex­plo­si­ven Si­tua­ti­on der Re­gi­on ver­bie­ten sich Sank­tio­nen ge­gen ei­nen Na­to-Part­ner.

Dass der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Yil­di­rim ei­ne Frei­las­sung si­gna­li­siert, ist gleich­wohl ein gu­tes Zei­chen. Öf­fent­li­cher Druck hilft. Die Bun­des­re­gie­rung darf aber mit Er­do­gans Re­gime kei­nen schmut­zi­gen De­al ein­ge­hen. Et­wa, dass sie den blu­ti­gen Feld­zug ge­gen die Kur­den to­le­riert. Das ist laut des­sen ei­ge­ner Aus­sa­ge auch nicht im In­ter­es­se Yücels.

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