Null­ta­rif-Vor­stoß des Bun­des stößt auf brei­te Skep­sis

ANA­LY­SE Noch sind die Über­le­gun­gen der Bun­des­re­gie­rung für un­ent­gelt­li­ches Fah­ren im öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr un­aus­ge­go­ren. Doch Ber­lin meint es durch­aus ernst da­mit.

Rheinische Post - - VORDERSEITE - VON RÜ­DI­GER FRANZ, OLI­VIA KONIECZNY UND BIRGIT MARSCHALL

BER­LIN (RP) Ver­kehrs­ver­bün­de und Kom­mu­nen ha­ben den Vor­stoß der Bun­des­re­gie­rung, mit kos­ten­lo­sen Bus­sen und Bah­nen die Luft­qua­li­tät in den Städ­ten zu ver­bes­sern, als un­taug­lich ver­wor­fen. Sie ver­wie­sen auf ei­ne un­ge­klär­te Fi­nan­zie­rung und ver­lang­ten ei­nen stär­ke­ren Aus­bau des Nah­ver­kehrs-An­ge­bots. Der Deut­sche Städ­te­tag nann­te die Über­le­gun­gen an­ge­sichts an­dau­ern­der Grenz­wert-Über­schrei­tun­gen „et­was hilf­los“. In ei­nem am Di­ens­tag be­kannt ge­wor­de­nen Brief an EU-Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la hat­te die Bun­des­re­gie­rung auch ei­nen kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr ge­nannt, um die Zahl der Au­tos in Städ­ten zu ver­rin­gern.

Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert mach­te ges­tern deut­lich, dass es um „zeit­wei­li­ge“Gra­tis-An­ge­bo­te in Kom­mu­nen ge­he, die un­ter­stützt wer­den könn­ten. Im Brief an die Brüs­se­ler Kom­mis­si­on war aber von tem­po­rä­ren Maß­nah­men nicht die Re­de ge­we­sen.

Sei­bert sag­te, es sol­le al­les da­für ge­tan wer­den, die Luft­qua­li­tät zu ver­bes­sern und Die­sel-Fahr­ver­bo­te zu ver­mei­den. In dem Schrei­ben an die EU-Kom­mis­si­on sei­en zu­sätz­li­che Maß­nah­men für Kom­mu­nen dar­ge­legt wor­den. Nun wer­de ei­ne Bewertung aus Brüs­sel ab­ge­war­tet. Hintergrund ist ei­ne dro­hen­de Kla­ge der Kom­mis­si­on beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) ge­gen Deutsch­land we­gen un­zu­rei­chen­der Be­mü­hun­gen um ei­ne bes­se­re Stadt­luft.

BER­LIN/BONN Ein schlich­ter Satz in ei­nem drei­sei­ti­gen Brief der Bun­des­re­gie­rung an die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on in Brüs­sel hat in Deutsch­land ei­ne kon­tro­ver­se und hef­ti­ge De­bat­te über die Ein­füh­rung von Gra­tis-An­ge­bo­ten im öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr (ÖPNV) aus­ge­löst. „Zu­sam­men mit Län­dern und der ört­li­chen Ebe­ne er­ör­tern wir ei­nen kos­ten­lo­sen ÖPNV, um die Zahl pri­va­ter Au­tos zu re­du­zie­ren“, hieß es in dem Schrei­ben der Mi­nis­ter für Um­welt, Ver­kehr und des Kanz­ler­amts, Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD), Chris­ti­an Schmidt (CSU) und Pe­ter Alt­mai­er (CDU), an EU-Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la. Hintergrund: In 70 deut­schen Städ­ten wer­den die zu­läs­si­gen EU-Grenz­wer­te für Stick­oxid und Fe­in­staub teil­wei­se seit Jah­ren über­schrit­ten, oh­ne dass ir­gend­ei­ne Bes­se­rung ein­tritt. Dem EU-Kom­mis­sar aus Mal­ta platz­te des­halb der Kra­gen: Im März will er ent­schei­den, ob er ei­ne Kla­ge ge­gen Deutsch­land und acht wei­te­re EUStaa­ten vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof ein­reicht. Der Brief der ge­schäfts­füh­ren­den Res­sort­chefs, ab­ge­sandt am ver­gan­ge­nen Sonn­tag, soll­te da­zu die­nen, Kom­mis­sar Vel­la zu be­sänf­ti­gen und die Kla­ge doch noch ab­zu­wen­den. Ein für Deutsch­land ne­ga­ti­ves Ur­teil in ein bis zwei Jah­ren wä­re durch­aus wahr­schein­lich – mit der Fol­ge ei­ner Geld­bu­ße von 400.000 Eu­ro für je­den Tag ab der Ur­teils­ver­kün­dung, an dem das Luft-Pro­blem in den Groß­städ­ten fort­be­stün­de. Wie ernst ist der Vor­schlag kos­ten­lo­ser ÖPNV-An­ge­bo­te ge­meint? Tat­säch­lich han­delt es sich um ei­ne un­aus­ge­go­re­ne Idee. We­der hat die ge­schäfts­füh­ren­de Re­gie­rung dar­über zu­vor mit Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den ge­spro­chen noch hat sie ei­ne Vor­stel­lung von der Fi­nan­zie­rung oder der lo­gis­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on. Die Idee fin­det sich auch nicht im Ko­ali­ti­ons­ver­trag von Uni­on und SPD. Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert woll­te ges­tern aber auch nicht zu­rück­ru­dern. Es ge­he durch­aus um „ernst­haf­te“Über­le­gun­gen, wie die Luft in den Städ­ten bes­ser wer­de. „Wir sind be­reit, Schrit­te zu un­ter­neh­men“, sag­te der Re­gie­rungs­spre­cher. Da­zu kön­ne auch ge­hö­ren, dass der Bund „tem­po­rä­re“Gra­tis-An­ge­bo­te im ÖPNV för­de­re, wenn sich ein­zel­ne Städ­te da­für ent­schie­den. Für wel­che Städ­te gilt die­se Idee? Der Spre­cher des Um­welt­mi­nis­te­ri­ums stell­te klar, dass sich die Idee des ent­gelt­frei­en Nah­ver­kehrs theo­re­tisch auf al­le Kom­mu­nen mit schlech­ter Luft­qua­li­tät be­zieht – nicht nur auf die fünf Mo­dell­städ­te Bonn, Es­sen (bei­de NRW) so­wie Reut­lin­gen, Her­ren­berg und Mann­heim (al­le Ba­den-Würt­tem­berg), die im Schrei­ben der Mi­nis­ter eben­falls ge­nannt wor­den sind. „Wir ha­ben mit die­sem Vor­schlag ei­ne Dis­kus­si­on an­ge­sto­ßen“, sag­te er. Man sei be­reit, die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten der Kom­mu­nen zu er­wei­tern. Wie – das müs­se die nächs­te Bun­des­re­gie­rung er­ör­tern. Ber­lin ste­he un­ter Zeit­druck, des­halb ha­be die ge­schäfts­füh­ren­de Re­gie­rung mit dem Schrei­ben an die Kom­mis­si­on nicht war­ten kön­nen. Was hat es mit den fünf Mo­dell­städ­ten auf sich? Bonn, Es­sen, Reut­lin­gen, Her­ren­berg und Mann­heim gel­ten im Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um als Städ­te, die sich be­son­ders en­ga­giert für ei­ne Luft­ver­bes­se­rung ein­set­zen. In dem Schrei­ben der Mi­nis­ter wer­den sie des­halb als „Le­ad Ci­ties“ge­nannt, in de­nen neue Maß­nah­men zur Luf­t­rein­hal­tung ge­tes­tet wer­den könn­ten. Da­bei geht es ne­ben dem Gra­tis-ÖPNV et­wa auch um die Ein­füh­rung von Durch­fahr­ver­bo­ten für den Schwer­last­ver­kehr in Um­welt­zo­nen oder ei­ne schnel­le­re Um­rüs­tung der ÖPNV-Bus­se und der Ta­xis auf Elek­tro-An­trie­be. Was sagt zum Bei­spiel die Stadt Bonn zum Gra­tis-ÖPNV? Bonns Ober­bür­ger­meis­ter As­hok Sridha­ran (CDU) warn­te eben­so wie an­de­re Kom­mu­nal­chefs da­vor, die Vor­aus­set­zun­gen für den Gra­tis-Ver­kehr zu un­ter­schät­zen. Die In­fra­struk­tur für ei­ne mög­li­che Mehr­nach­fra­ge müs­se erst ein­mal stim­men. Da­zu ge­hör­ten zu­sätz­li­che Stra­ßen­bah­nen und Elek­tro­bus­se so­wie für die Pend­ler ei­ne Er­wei­te­rung des Bahn­net­zes im ge­sam­ten Re­gio­nal­ver­kehr, um die dann stei­gen­den Fahr­gast­zah­len zu be­wäl­ti­gen. Kon­kret nann­te der Ober­bür­ger­meis­ter die Stär­kung der ge­sam­ten Bahn­stre­cke zwi­schen Köln und Ko­blenz und ei­ne Wei­ter­füh­rung der Ahr­tal­bahn bis Duis­dorf (RB 30) so­wie der Vo­rei­fel­bahn (S 23) von Eus­kir­chen bis Meh­lem. Wie müss­te der Gra­tis-Ver­kehr fi­nan­ziert wer­den? Bun­des­weit kos­tet der ÖPNV der­zeit jähr­lich et­wa 24 Mil­li­ar­den Eu­ro, da­von wird die Hälf­te durch den Ti­cket­ver­kauf fi­nan­ziert, der Rest durch kom­mu­na­le Zu­schüs­se und Wer­be­ein­nah­men der Ver­kehrs­be­trie­be. Soll­ten sich Kom­mu­nen für den (zeit­wei­sen) Gra­tis-ÖPNV ent­schei­den, müss­te ih­nen das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um kräf­tig un­ter die Ar­me grei­fen. Da­für gibt es die Ge­mein­de­ver­kehrs­fi­nan­zie­rungs­mit­tel des Bun­des. Die Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Gre­en­peace for­der­te statt ei­ner sol­chen klei­nen Lö­sung gleich die ganz gro­ße Vi­si­on: „Gra­tis-Ti­ckets für Bus und Bahn dür­fen nicht auf we­ni­ge Klein­städ­te und be­stimm­te Tage be­schränkt blei­ben – wir brau­chen sie in ganz Deutsch­land, durch­ge­hend“, sag­te ein Spre­cher. Der da­zu nö­ti­ge Aus­bau der städ­ti­schen Bus- und Bahn­net­ze müs­se über den Mo­bi­li­täts­fonds maß­geb­lich von der Au­to­in­dus­trie mit­fi­nan­ziert wer­den. Wür­de Ber­lin den Steu­er­vor­teil für Die­sel ab­schaf­fen, wür­den wei­te­re sie­ben Mil­li­ar­den Eu­ro frei. Wie wür­den die Kos­ten um­ver­teilt? Müss­ten künf­tig die Steu­er­zah­ler für den ÖPNV auf­kom­men, wür­den auch die­je­ni­gen mit­be­zah­len, die den Nah­ver­kehr an­sons­ten nicht nut­zen. Ent­las­tet wür­den Fahr­gäs­te und vor al­lem Pend­ler. Zu­dem wür­de ein wei­te­rer Schritt un­ter­nom­men, die Kos­ten für Um­welt­schä­den zu ver­ge­sell­schaf­ten. Die Au­to­in­dus­trie, die mit­ver­ant­wort­lich für die schlech­te Luft ist, weil sie zu lan­ge auf Die­sel­fahr­zeu­ge ge­setzt hat­te, wür­de da­ge­gen ver­schont.

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