Andrea Nah­les und der „Schwur von Schwer­te“

Im tiefs­ten West­fa­len tritt die de­si­gnier­te SPD-Che­fin erst­mals nach dem Cha­os in Ber­lin auf.

Rheinische Post - - POLITIK - VON GE­ORG IS­MAR

SCHWER­TE (dpa) Sie hat fast kei­ne Stim­me mehr. Andrea Nah­les könn­te nun bei ih­rer klei­nen Toch­ter in der Ei­fel sein. Statt­des­sen be­ginnt ih­re neue Zeit als de­si­gnier­te SPDVor­sit­zen­de hier in ei­nem Wald­ge­biet bei Schwer­te süd­lich von Dortmund. Dort steht der „Frei­schütz“, ein Aus­flugs­lo­kal. Lan­ge vor dem Ko­ali­ti­ons- und SPD-Dra­ma in Ber­lin hat­te Nah­les den Ge­nos­sen in West­fa­len zu­ge­sagt zum po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch. Und so ist sie da.

Tag eins oh­ne Mar­tin Schulz, der ist nun Ge­schich­te. Die Big Band spielt, der stell­ver­tre­ten­de SPD-Vor­sit­zen­de Olaf Scholz über­nimmt kom­mis­sa­risch bis April, doch Nah­les ist jetzt schon die Che­fin in spe. Das Pu­bli­kum, vie­le wei­ße Haa­re, von den Tau­sen­den neu ein­ge­tre­te­nen jun­gen Mit­glie­dern sind kaum wel­che zu fin­den. Met­ti­gel, Fri­ka­del­len, Pils, viel al­te SPD.

Nah­les will ab so­fort eins: ei­ne Fas­ten­zeit für den Per­so­nal­streit, neu­es Selbst­be­wusst­sein. Als ers­te Frau an der Spit­ze der fast 155 Jah­re al­ten Par­tei soll die SPD da sein, wenn Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ab­dankt. In der Abi­zei­tung hat­te Nah­les als Be­rufs­wunsch ge­nannt: „Haus­frau oder Bun­des­kanz­le­rin“. Sie krächzt, sie kommt auf ih­re schwe­ren Hüft­pro­ble­me mit 16 zu spre­chen. Sie nutzt das Bei­spiel, um über das Pfle­ge­ka­pi­tel im von ihr mit CDU und CSU aus­ge­han­del­ten Ko­ali­ti­ons­ver­trag zu spre­chen. Wie wich­tig es sei, 8000 neue Pfle­ger ein­zu­stel­len. Das al­lein sei ein Grund zu­zu­stim­men. Das kommt an bei der Ba­sis hier.

Es ist ein ers­ter Stim­mungs­test für die 47-Jäh­ri­ge auf dem Weg bis zum 22. April, wo ein Son­der­par­tei­tag in Wies­ba­den sie zur neu­en SPD-Vor­sit­zen­den wäh­len soll. Andrea Nah­les setzt auf Atta­cke. Ei­ne Ku­schel­ko­ali­ti­on wird es mit ihr nicht ge­ben: „Die Göt­tin­nen­däm­me­rung hat längst be­gon­nen.“Mer­kel wer­de an­ge­zählt von ih­ren Leu­ten – vor al­lem weil die So­zi­al­de­mo­kra­ten ihr sechs Mi­nis­te­ri­en mit ei­nem Wah­l­er­geb­nis von 20 Pro­zent ab­ge­trotzt ha­ben, dar­un­ter die Res­sorts Au­ßen, Finanzen und Ar­beit/So­zia­les.

Nah­les ha­be nicht nur ver­han­delt, bis es quietscht, son­dern Mer­kel zum „Qu­iet­sche­ent­chen“ge­macht, ruft der nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­vor­sit­zen­de Mi­ke Gro­schek. Er ist ein ent­schei­den­der Mann der SPD in die­sen Ta­gen. Der Wi­der­stand in sei­nem Lan­des­ver­band führ­te da­zu, dass Mar­tin Schulz nach dem Vor­sitz auch bin­nen 44 St­un­den den Plan auf­gab, Au­ßen­mi­nis­ter in dem ge­plan­ten Ka­bi­nett Mer­kels zu wer­den.

Gro­schek ruft zum „Schwur von Schwer­te“auf, min­des­tens in den nächs­ten 30 Jah­ren sol­le die SPD nie wie­der so „zwi­schen Ho­si­an­na und Kreu­zi­get ihn“schwan­ken. Ei­ne An­spie­lung auf die Wahl von Schulz mit 100 Pro­zent zum SPD-Chef, Um­fra­ge­hoch über 30 Pro­zent, „Sankt Mar­tin“und Ab­sturz auf 17 Pro­zent, in­klu­si­ve Selbst­zer­flei­schung.

Das Pa­ra­do­xe: Trotz­dem ist die Zahl der Mit­glie­der auf über 463.000 ge­stie­gen. Aber vie­le sind ein­ge­tre­ten, um bei dem am 20. Fe­bru­ar star­ten­den Vo­tum die gro­ße Ko­ali­ti­on zu ver­hin­dern. Noch so ei­ne Her­aus­for­de­rung: die­se zu über­zeu­gen, nicht gleich wie­der zu ge­hen, dar­an wird sie ge­mes­sen. Nah­les ist oft be­lä­chelt und un­ter­schätzt wor­den, wird oft re­du­ziert auf „Bät­schi“und flap­si­ge Be­mer­kun­gen.

Die Rhein­land-Pfäl­ze­rin hat in der letz­ten Groko ge­zeigt, dass sie als Ar­beits­mi­nis­te­rin Re­gie­rung kann, sie war ei­ner der Ak­tiv­pos­ten im Ka­bi­nett. Aus Sicht der Ge­nos­sen ist die Uni­on „blank“, die SPD müs­se auf die Bei­ne kom­men, um dann da zu sein. Im „Frei­schütz“, wo nach dem Zwei­ten Welt­krieg der Be­zirk West­li­ches West­fa­len neu ge­grün­det wur­de, star­tet Nah­les’ Mis­si­on Neu­start. Dass sie meh­re­re Ge­gen­kan­di­da­ten ha­ben wird, vor al­lem aus Schles­wig-Hol­stein, stört sie nicht. Der Vor­stand hat sie schließ­lich ein­stim­mig no­mi­niert.

Jetzt geht das un­mensch­li­che Tem­po wei­ter: sie­ben Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ab Sams­tag, um die Ba­sis zu über­zeu­gen. Und auch wenn die Chan­cen für ein Ja beim Vo­tum nach der Neu­auf­stel­lung ge­stie­gen sein könn­ten – ein gro­ßes Pro­blem für Nah­les wird auch in Schwer­te beim Pils dis­ku­tiert.

„Was wird denn aus Sig­gi?“, fragt ein Ge­nos­se. „Wird der dann wie­der un­ser Pop­be­auf­trag­ter?“Gro­schek ruft in sei­ner Re­de: „Wir for­dern die Frei­las­sung von De­niz Yücel!“Um die Frei­las­sung des „Welt“-Jour­na­lis­ten kämpft der Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el ve­he­ment. Und wenn dem das in Ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei noch ge­lingt, könn­te Nah­les, die un­ter dem SPD-Chef Ga­b­ri­el als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ge­lit­ten hat, dann Ga­b­ri­el trotz­dem ab­ser­vie­ren und aus dem Ka­bi­nett ab­zie­hen? Da­zu schweigt sie. Aber das The­ma ver­folgt sie wie ein Schat­ten.

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