Er­fol­ge auf Eis ge­baut

An­fang der 1980er-Jah­re bringt ei­ne ja­pa­ni­sche Uni­ver­si­täts-Mann­schaft den Short­track-Sport nach Süd­ko­rea. Längst do­mi­nie­ren die Ath­le­ten des Olym­pia-Gast­ge­bers die Sze­ne der Ku­fen­flit­zer. Sie sor­gen da­für, dass die Me­dail­len­bi­lanz stimmt.

Rheinische Post - - OLYMPIA 2018 - VON FE­LIX LILL

PYEONG­CHANG Man muss den Ge­räusch­pe­gel in der Eis-Are­na in Gang­ne­ung hö­ren, um zu ver­ste­hen, was die Short­tra­cker der­zeit für Süd­ko­rea be­deu­ten. In der 12.000 Zu­schau­er fas­sen­den Sport­are­na herrscht nur ei­ne ge­mä­ßig­te Stim­mung, so­lan­ge kein hei­mi­scher Ath­let auf dem Eis steht. Dann, zum Bei­spiel am Sams­tag beim ers­ten Auf­tritt von Lim Hyo-jun, kreisch­te, brüll­te, klatsch­te und tram­pel­te es. Als der 21-Jäh­ri­ge über 1500 Me­ter auch noch das ers­te Gold für Olym­pia-Gast­ge­ber Süd­ko­rea ein­fuhr, ka­men Trä­nen da­zu. Die Eh­re ge­ret­tet, ckel ins Sta­di­on, ak­ti­ve Olym­pio­ni­kin ist sie al­so nicht mehr.

Im Eisschnelllauf sind die Gast­ge­ber bei meh­re­ren Wett­be­wer­ben die Fa­vo­ri­ten. Der Short­track, al­so Wett­kämp­fe auf den Stre­cken zwi­schen 500 und 5000 Me­tern, ist in et­wa das Äqui­va­lent zum Bo­gen­schie­ßen bei Olym­pi­schen Som­mer­spie­len: So­lan­ge nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches pas­siert, ge­winnt am En­de im­mer ein Ko­rea­ner. 2014 in Sot­schi ka­men sie­ben von acht süd­ko­rea­ni­schen Me­dail­len von den Eis­schnell­läu­fern, fünf da­von vom Short­track. Bei den Asi­an Ga­mes in Sap­po­ro im ver­gan­ge­nen Jahr do­mi­nier­ten auf den kur­zen Stre­cken auch wie­der die Ko­rea­ner.

Der Auf­stieg kam mehr oder we­ni­ger ab­rupt. Li­ve er­leb­te man Short­track erst­mals An­fang der 1980er Jah­re, als ei­ne Uni­mann­schaft aus Ja­pan für ein Gast­spiel in die Haupt­stadt Seo­ul reis­te. Zehn Jah­re spä­ter, 1992 im fran­zö­si­schen Win­ter­sport­ort Al­bert­vil­le, hol­te ein Ath­let na­mens Kim Ki-hoon auf der 1000-Me­ter-Stre­cke schon das ers­te win­ter­li­che Gold für Süd­ko­rea. 1994 in Lil­le­ham­mer er­ran­gen die Süd­ko­rea­ner dann fünf­mal Gold und ein­mal Sil­ber, wor­auf­hin ein Boom aus­ge­löst wur­de. Die ehe­ma­li­gen Ge­win­ner wur­den Trai­ner, Kin­der woll­ten den Sport aus­pro­bie­ren. Heu­te ge­hört der Eisschnelllauf zu den be­lieb­tes­ten Dis­zi­pli­nen, so­bald es kalt wird.

In Pyeong­chang las­ten die hei­mi­schen Me­dail­len­hoff­nun­gen da­her vor al­lem, oder fast aus­schließ­lich, auf den Schul­tern die­ser Eis­sprin­ter. Die 21-jäh­ri­ge Shim Suk-hee et­wa hat be­reits al­le Ti­tel ge­won­nen. Mit der Staf­fel (3000 Me­ter) hol­te sie im rus­si­schen Sot­schi schon als 17Jäh­ri­ge olym­pi­sches Gold. Jetzt ist sie das Pos­ter­mäd­chen der Spie­le. Als sie bei ei­ner der zu­letzt zahl­reich ge­wor­de­nen Pres­se­kon­fe­ren­zen ge­fragt wur­de, ob sie Er­folgs­druck ver­spü­re, be­haup­te­te Shim: „Ich bin dank­bar für die­se Er­war­tun­gen. Ich bin auch nicht ner­vös.“Sie kon­zen­trie­re sich ma­xi­mal auf ihr Trai­ning, da­mit sie spä­ter nichts be­reue.

Dass aus den Er­war­tun­gen ein biss­chen mehr ent­stan­den ist als die rei­ne Dank­bar­keit der Ath­le­tin, stell­te sich aber Mit­te Ja­nu­ar raus. Da ver­kün­de­te die Ko­rea­ni­sche Eis­lauf­uni­on plötz­lich, Shims Trai­ner ent­las­sen zu ha­ben, nach­dem die­ser sei­ne Hoff­nungs­trä­ge­rin wohl ge­schla­gen hat­te. Die Leis­tun­gen von Shim, die erst 2017 in Rot­ter­dam die Welt­meis­ter­ti­tel im Mehr­kampf und auf der 1000-Me­ter-Dis­tanz ge­won­nen hat­te, sol­len zu­letzt et­was nach­ge­las­sen ha­ben. In den ko­rea­ni­schen Me­di­en wur­de der Vor­fall nicht son­der­lich in­ten­siv be­han­delt. Man woll­te wohl kein Öl ins Feu­er gie­ßen.

Denn falls die Short­tra­cker um Shim Suk-hee ent­täu­schen wür­den, könn­te es pas­sie­ren, dass sich der Gast­ge­ber auf ei­nem Ni­veau be­wegt mit Län­dern wie Ni­ge­ria oder Ma­lay­sia – die­se bei­den Na­tio­nen neh­men in Pyeong­chang erst­mals an Win­ter­spie­len teil, ha­ben da­heim aber nicht mal Schnee. Doch es sieht schon jetzt nicht mehr da­nach aus. Nach dem ers­ten Gold von Lim Hyo-jun am Sams­tag grif­fen die Süd­ko­rea­ner am Di­ens­tag­abend er­neut an. Im Short­track-Fi­na­le über 500 Me­ter fuhr die 21-jäh­ri­ge Choi Min-jeong als Zwei­te ins Ziel, wur­de aber dis­qua­li­fi­ziert. Kurz dar­auf si­cher­te sich Kim Min-seok im Eis­schnellauf-Oval im Män­ner-Wett­be­werb über 1500 Me­ter die Bron­ze­me­dail­le.

Ein paar Me­dail­len wer­den wohl noch kom­men. Op­ti­ma­le Be­din­gun­gen dürf­ten vor al­lem die Short­tra­cker ha­ben. Die Or­ga­ni­sa­to­ren ha­ben Kim Ki-hoon, den ers­ten Gold­me­dail­len­ge­win­ner Süd­ko­reas, zum Bür­ger­meis­ter des olym­pi­schen Dorfs er­klärt.

Ra­sant auf der Stre­cke: Die Süd­ko­rea­ner Kwak Yoon­gy (vor­ne) und Lim Hyo­jun im 5000-Me­ter-Ren­nen – der Kon­kur­rent aus Ja­pan fliegt aus der Bahn.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.