Geld­flut wird ge­dros­selt

Wäh­rungs­hü­ter las­sen um­strit­te­ne An­lei­hen­käu­fe aus­lau­fen.

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - VORDERSEITE - Afp

Riga. Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) will ih­re An­lei­hen­käu­fe zum En­de des Jah­res ein­stel­len. Das be­schloss der EZBRat bei sei­ner Sit­zung in Riga. Bis En­de Sep­tem­ber will die Zen­tral­bank wei­ter­hin mo­nat­lich Staats- und Un­ter­neh­mens­an­lei­hen im Wert von 30 Mil­li­ar­den Eu­ro kau­fen. Von Ok­to­ber bis De­zem­ber soll der Be­trag dann auf mo­nat­lich 15 Mil­li­ar­den Eu­ro re­du­ziert wer­den, da­nach soll das Pro­gramm ganz aus­lau­fen. Die Leit­zin­sen wol­len die Wäh­rungs­hü­ter auf dem his­to­ri­schen Nied­rig­stand von 0,0 Pro­zent be­las­sen.

Ma­rio Draghi mahnt im­mer wie­der zu „Ge­duld und Be­harr­lich­keit“– Ge­duld brau­chen Spa­rer, die un­ter der Zins­flau­te lei­den, vo­r­erst wei­ter. Zwar lei­tet die Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) un­ter ih­rem ita­lie­ni­schen Prä­si­den­ten ein En­de der Geld­flut ein. Die No­ten­bank will ih­re mil­li­ar­den­schwe­ren An­lei­he­käu­fe En­de die­ses Jah­res be­en­den. Bis die Zin­sen wie­der stei­gen, dürf­te es al­ler­dings noch ei­ne Wei­le dau­ern. An­ders in den USA. Dort hat die No­ten­bank Fed tags zu­vor den Leit­zins auf ei­ne Span­ne zwi­schen 1,75 und 2,00 Pro­zent er­höht. Hier die wich­tigs­ten Aspek­te der geld­po­li­ti­sche Ent­schei­dung der EZB.

Was pla­nen Eu­ro­pas Wäh­rungs­hü­ter? Von Ok­to­ber an will die No­ten­bank das Vo­lu­men der mo­nat­li­chen Käu­fe zu­nächst von der­zeit 30 Mrd. € auf 15 Mrd. € ver­rin­gern. En­de De­zem­ber könn­te das Pro­gramm dann aus­lau­fen – vor­aus­ge­setzt die In­fla­ti­on hält Kurs auf die Zwei-Pro­zent-Mar­ke, bei der die EZB Preis­sta­bi­li­tät ge­wahrt sieht. Ges­tern wur­den die In­fla­ti­ons­zah­len für den Mo­nat Mai be­kannt­ge­ge­ben: 1,9 Pro­zent im Eu­ro­raum und 2,2 Pro­zent in Deutsch­land, ver­gli­chen zum Vor­jah­res­mo­nat.

Was be­deu­tet die Ent­schei­dung für Spa­rer und Kre­dit­neh­mer? Be­lieb­te Spar­for­men wie Ta­ges- oder Fest­geld wer­fen in der Zins­flau­te kaum noch et­was ab. Und auch in die­sem Jahr dürf­ten die Zin­sen nicht stei­gen. Der Leit­zins wird der EZB zu­fol­ge bis min­des­tens Som­mer 2019 wohl auf dem Re­kord­tief von null Pro­zent blei­ben. Dop­pelt bit­ter für Spa­rer: Der Not­gro­schen wird von der in­zwi­schen hö­he­ren In­fla­ti­ons­ra­te auf­ge­fres­sen. Ver­brau­cher, die ei­nen Kre­dit brau­chen, ob für den neu­en Fern­se­her oder das Au­to, kön­nen sich hin­ge­gen wei­ter über nied­ri­ge Zin­sen freu­en.

Wel­che Fol­gen hat die Ver­rin­ge­rung der An­lei­hen­käu­fe für Bau­her­ren? Für Im­mo­bi­li­en­käu­fer könn­te die Zeit des bil­li­gen Gel­des da­ge­gen all­mäh­lich zu En­de ge­hen. Die Zin­sen von Hy­po­the­ken­dar­le­hen in Deutsch­land ori­en­tie­ren sich vor al­lem an der Ver­zin­sung von Bun­des­an­lei­hen mit zehn­jäh­ri­ger Lauf­zeit. Be­en­det die No­ten­bank ih­re Wert­pa­pier­käu­fe, könn­ten die Zin­sen die­ser Pa­pie­re stei­gen. Im­mo­bi­li­en­kre­di­te könn­ten teu­rer wer­den. Ein ra­san­ter An­stieg ist al­ler­dings un­wahr­schein­lich. Denn die EZB dreht den Geld­hahn nicht völ­lig zu. Sie will das Geld von An­lei­hen, die fäl­lig wer­den, vo­r­erst wie­der in­ves­tie­ren – al­so neue An­lei­hen kau­fen.

Was be­deu­tet das sich ab­zeich­nen­de En­de der Geld­flut für Staa­ten? Staa­ten im Eu­ro­raum kom­men dank der Geld­schwem­me und Null­zin­sen bil­li­ger an Geld. Jetzt könn­te es teu­rer wer­den. Be­ob­ach­ter wer­ten die Ent­schei­dung auch als ein Si­gnal an hoch­ver­schul­de­te Eu­ro­staa­ten wie Ita­li­en, dass sie sich nicht wei­ter­hin auf Schüt­zen­hil­fe aus Frankfurt ver­las­sen soll­ten. Die Aus­sicht, dass in Rom ei­ne Ko­ali­ti­on aus eu­ro­pa­kri­ti­scher Fünf-Ster­ne-Be­we­gung und rechts­po­pu­lis­ti­scher Le­ga Nord das Sa­gen ha­ben könn­te, sorg­te im Mai für Alarm­stim­mung an den Fi­nanz­märk­ten. Seit dem 1. Ju­ni ist die neue Re­gie­rung im Amt.

Wie ist der ak­tu­el­le Stand bei den

An­lei­hen­käu­fen? Seit März 2015 kauft die EZB in gro­ßem Stil An­lei­hen von Eu­ro­staa­ten, seit Ju­ni 2016 ste­hen zu­sätz­lich Un­ter­neh­mens­an­lei­hen auf dem Ein­kaufs­zet­tel. Gut 2,4 Bil­lio­nen Eu­ro hat die No­ten­bank bis­lang in sol­che Pa­pie­re ge­steckt. „Dass die No­ten­bank als gro­ßer An­lei­hen­käu­fer am Markt ak­tiv ist, ver­zerrt die Prei­se“, kri­ti­siert et­wa Em­me­rich Mül­ler von der Frank­fur­ter Pri­vat­bank Metz­ler.

Was will die No­ten­bank er­rei­chen? Obers­tes Ziel sind sta­bi­le Prei­se und da­mit ei­ne sta­bi­le Wäh­rung für die 340 Mio. Men­schen in den 19 Staa­ten des Eu­ro­raums. Dau­er­haft nied­ri­ge oder gar sin­ken­de Prei­se könn­ten Ver­brau­cher und Un­ter­neh­men ver­lei­ten, In­ves­ti­tio­nen auf­zu­schie­ben – ei­ne Kon­junk­tur­brem­se.

Wie be­ur­teilt die EZB die Kon­junk­tur? Sie re­du­ziert sie ih­re Wachs­tums­pro­gno­se für 2018 von 2,4 auf 2,1 Pro­zent. 2019 soll sie bei 1,9 Pro­zent, 2020 bei 1,7 Pro­zent lie­gen. „Die Un­si­cher­hei­ten im Zu­sam­men­hang mit glo­ba­len Fak­to­ren sind stär­ker in den Vor­der­grund ge­rückt“, sag­te Draghi. Der Ex­port und auch die Bin­nen­nach­fra­ge hät­ten sich ab­ge­schwächt. Jörg Ben­der/Frie­de­ri­ke Marx Kom­men­tar

Un­si­che­re glo­ba­le Fak­to­ren sind stär­ker in den Vor­der­grund ge­rückt. Ma­rio Draghi EZB-Prä­si­dent

Foto: Il­mars Zno­t­ins/afp

EZB-Prä­si­dent Ma­rio Draghi gibt in Lett­lands Haupt­stadt Riga die Er­geb­nis­se der Rats­sit­zung be­kannt.

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