Neue deut­sche Mau­er

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Chris­ti­an Rath

Die Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen an der Gren­ze ist ei­ne al­te For­de­rung von CSU und AfD. Sie geht zu­rück bis ins Jahr 2015. Nach der mas­si­ven Zu­wan­de­rung von Flücht­lin­gen führ­te die Bun­des­re­gie­rung zwar Grenz­kon­trol­len ein. Per münd­li­chem Be­fehl ord­ne­te der da­ma­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) aber an, dass wei­ter­hin je­der Flücht­ling ein­ge­las­sen wird, der ei­nen Asyl­an­trag an­kün­digt. Die­se An­ord­nung gilt bis heu­te.

Kri­ti­ker hal­ten das für rechts­wid­rig. Ihr An­satz­punkt ist das deut­sche Asyl­ge­setz, das in Pa­ra­graph 18 Asy­lG tat­säch­lich ei­ne Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen an der Gren­ze vor­sieht. Zwei Fäl­le sind dort ge­nannt: wenn Flücht­lin­ge aus ei­nem si­che­ren Dritt­staat ein­rei­sen (zum Bei­spiel aus Ös­ter­reich) und wenn es An­halts­punk­te gibt, dass ein an­de­rer EU-Staat für das Asyl­ver­fah­ren zu­stän­dig ist (et­wa Ita­li­en).

Die kon­se­quen­te An­wen­dung die­ser Vor­schrift wür­de ei­ne neue deut­sche „Mau­er“an den Gren­zen zu den EU-Nach­barn er­for­dern, dann aber da­zu füh­ren, dass es in Deutsch­land fast kei­ne neu­en Flücht­lin­ge mehr gä­be.

Die AfD hat Ver­fas­sungs­kla­ge ein­ge­reicht, weil Pa­ra­graph 18 Asy­lG nicht ein­fach per Mi­nis­ter­an­ord­nung jah­re­lang au­ßer Kraft ge­setzt wer­den kön­ne. Hier­für wä­re zu­min­dest ein Ge­setz er­for­der­lich ge­we­sen. Wann dar­über ent­schie­den wird, ist noch nicht ab­seh­bar.

EU-Recht hat Vor­rang

Die herr­schen­de Auf­fas­sung in der Rechts­wis­sen­schaft, die et­wa der Kon­stan­zer Rechts­pro­fes­sor Daniel Thym ver­tritt, hält den An­satz der AfD für falsch. Die Vor­schrift des Asy­lG sei durch die Du­blin-III-Ver­ord­nung der EU „über­la­gert“. Da­nach müs­sen al­le, die an der Gren­ze Asyl be­an­tra­gen, pro­vi­so­risch auf­ge­nom­men wer­den, da­mit der EU-Staat iden­ti­fi­ziert wer­den kann, der für das Asyl­ver­fah­ren zu­stän­dig ist. Ty­pi­scher­wei­se sind es Län­der an den EU-Au­ßen­gren­zen wie Ita­li­en. Nach Ab­spra­che mit die­sem Land wer­de der Flücht­ling dort­hin über­stellt – au­ßer Deutsch­land ver­passt Fris­ten oder über­nimmt frei­wil­lig das Ver­fah­ren zur Ent­las­tung die­ser Staa­ten. Fak­tisch führt der­zeit fast im­mer Deutsch­land das Asyl­ver­fah­ren durch.

Im Auf­trag Horst See­ho­fers (da­mals baye­ri­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent) er­stell­te Ex-Ver­fas­sungs­rich­ter Udo di Fa­bio An­fang 2016 ein Gut­ach­ten, in­dem er zum Schutz der deut­schen und baye­ri­schen Staat­lich­keit für ei­ne Nicht-An­wen­dung der EU-Re­geln plä­dier­te. Er räum­te aber ein, dass die Po­li­tik Gestal­tungs­spiel­raum ha­be. See­ho­fer ver­zich­te­te auf ei­ne Kla­ge ge­gen die Bun­des­re­gie­rung.

Ei­ne Grup­pe von Rechts­pro­fes­so­ren um den Bon­ner Chris­ti­an Hill­gru­ber hat in­zwi­schen ge­zeigt, dass man die Du­blin-III-Ver­ord­nung auch an­ders aus­le­gen kann. Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze blie­ben da­bei mög­lich, al­ler­dings müss­te dann Ös­ter­reich die Du­blin-Zu­stän­dig­keit prü­fen – und wür­de wohl als­bald selbst sei­ne Gren­zen schlie­ßen.

Auf Hill­gru­ber be­ruft sich in ih­rer Kla­ge nun auch die AfD. Letzt­lich müss­te dann der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in Lu­xem­burg klä­ren, wie das EURecht aus­zu­le­gen ist, aber das könn­te dau­ern.

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