Ra­cher der Ab­ge­häng­ten

Die Mor­d­ra­te ist auf ei­nem Re­kord­hoch, die Re­al­löh­ne sind im Kel­ler, die Kor­rup­ti­on ist über­all. Nun soll er es rich­ten: An­drés Ma­nu­el López Ob­ra­dor, lin­ker Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat, hat bes­te Aus­sich­ten, die Wahl in zwei Wo­chen zu ge­win­nen.

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - REPORTAGE - Von San­dra Weiss

Ofe­lia Telo­xa, 53, ist mit ih­rer Toch­ter ge­kom­men und hat auch ih­re 80-jäh­ri­ge Mut­ter im Roll­stuhl mit­ge­bracht. Die Son­ne brennt gna­den­los vom Him­mel auf das Are­al im zen­tralm­e­xi­ka­ni­schen Za­ca­tel­co, das sonst die Lie­ge­wie­se ei­nes Frei­bads ist. Sie er­war­ten den füh­ren­den Be­wer­ber um die Prä­si­dent­schaft Me­xi­kos, An­drés Ma­nu­el López Ob­ra­dor. „Er ist der ein­zi­ge, der zu uns kommt. Wir lie­ben ihn. Er ist auf­rich­tig, hat ei­ne har­te Hand und kennt die Sor­gen des Vol­kes“, be­grün­det Telo­xa ih­re Vor­lie­be für López, des­sen Pro­gramm sie aber „nicht im De­tail“kennt.

Als der rüs­ti­ge 64-Jäh­ri­ge mit dem sil­ber­nen Haar­schopf auf­taucht, bricht Ju­bel­ge­schrei los, ganz so als klet­te­re da ein Film-Star auf die Büh­ne. Seit zwölf Jah­ren be­reist er Me­xi­ko, rühmt sich, schon in je­der Ecke ge­we­sen zu sein. Für vie­le ist er der Er­lö­ser. Und „Am­lo“, wie er im Volks­mund ge­nannt wird, ent­täuscht sein Pu­bli­kum nicht. Der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter von Me­xi­ko-Stadt ver­spricht ei­ne „fried­li­che Re­vo­lu­ti­on“, sagt dem „kor­rup­ten Macht­kar­tell“, das das Land aus­blu­te, den Kampf an. Er ver­spricht Sti­pen­di­en und Ren­ten, den Bau­ern stellt er di­rek­te Sub­ven­tio­nen und we­ni­ger kon­kur­rie­ren­de Im­por­te in Aus­sicht, den Leh­rern will er mehr be­zah­len, Kran­ken­häu­ser bes­ser aus­stat­ten. Fi­nan­zie­ren wer­de er das, in­dem er die Löh­ne und Pri­vi­le­gi­en „der da oben“kür­ze, „an­ge­fan­gen bei mei­nem Prä­si­den­ten­ge­halt, das ich hal­bie­ren wer­de“.

Es kratzt ihn nicht, dass sei­ne Geg­ner ihn als Po­pu­lis­ten ab­tun, die Fi­nan­zier­bar­keit sei­nes Pro­gramms mit spit­zem Blei­stift nach­rech­nen, an­pran­gern, dass der ver­meint­lich Lin­ke ei­ne Al­li­anz mit der ul­tra­kon­ser­va­ti­ven, evan­ge­li­ka­len PES ein­ge­gan­gen ist und sei­ne Kan­di­da­ten­lis­ten vor kor­rup­ten Über­läu­fern an­de­rer Par­tei­en nur so strot­zen. „Die­se Wahl ist ein Ple­bis­zit ge­gen die ka­ta­stro­pha­le Po­li­tik sei­ner Vor­gän­ger“, sagt der Schrift­stel­ler Jor­ge Vol­pi. Um­fra­gen sa­gen Am­lo am 1. Ju­li ei­nen deut­li­chen Sieg vor­aus über den kon­ser­va­ti­ven Kon­kur­ren­ten Ri­car­do Ana­ya und den Ver­tre­ter der re­gie­ren­den Par­tei der In­sti­tu­tio­nel­len Re­vo­lu­ti­on, Jo­se An­to­nio Mea­de.

Der Auf­schwung kommt nicht an

Am­los Ver­spre­chen sind nicht neu – schon 2006 und 2012 trat er mit ähn­li­chen an und wur­de zwei­mal knapp ge­schla­gen – ein­mal vom Kon­ser­va­ti­ven Fe­li­pe Cal­derón, der da­nach den Dro­gen­krieg an­zet­tel­te, und dann von En­ri­que Pe­ña Nieto (PRI), des­sen Amts­zeit von Kor­rup­ti­ons­skan­da­len über­schat­tet war. Sie al­le eint, dass sie die drän­gends­ten Pro­ble­me des Lan­des nicht lö­sen konn­ten. Der Dro­gen­krieg er­reicht im­mer neue Hö­he­punk­te. Die Mor­d­ra­te ist der­zeit so hoch wie seit 20 Jah­ren nicht mehr – 29 168 Tö­tungs­de­lik­te hat es im ver­gan­ge­nen Jahr ge­ge­ben.

Me­xi­kos Wirt­schaft wuchs in den ver­gan­ge­nen zwölf Jah­ren zwar um jähr­lich durch­schnitt­lich 2,2 Pro­zent, das Land in­dus­tria­li­sier­te sich und wur­de zum viert­größ­ten Au­to­mo­bi­l­ex­por­teur welt­weit. Ar­beits­plät­ze ent­stan­den. Dank der Aus­wei­tung der Kon­su­men­ten­kre­di­te eta­blier­te sich auch ei­ne Mit­tel­schicht mit Am­bi­tio­nen – wenn­gleich vie­les da­von auf Pump war. Doch gleich­zei­tig fie­len we­gen der ho­hen In­fla­ti­on die Re­al­löh­ne. Die Men­schen blie­ben so arm wie zu­vor.

Me­xi­kos Stra­te­gie, im Rah­men des 1994 ab­ge­schlos­se­nen Nord­ame­ri­ka­ni­schen Frei­han­dels­ab­kom­mens auf den zoll­frei­en Zu­gang zum US-Markt und Bil­lig­löh­ne zu set­zen, ge­riet an ih­re Gren­zen. Öko­no­men spre­chen von der „Fal­le des mitt­le­ren Ein­kom­mens“, wenn die durch In­dus­tria­li­sie­rung und nied­ri­ge Löh­ne er­ziel­ten Pro­duk­ti­ons­zu­wäch­se aus­ge­schöpft sind, be­vor der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt ei­nen Über­gang zu bes­se­ren Ge­häl­tern und hö­he­rer Pro­duk­ti­vi­tät er­laubt.

Ofe­lia Telo­xa hat noch nie von die­ser Theo­rie ge­hört, weiß aber, was sie be­deu­tet: Für ih­re Mut­ter muss sie im staat­li­chen Ge­sund­heits­dienst oft ta­ge­lang um Arzt­ter­mi­ne und Me­di­ka­men­te an­ste­hen. Ihr Mann hat ein Le­ben lang in ei­ner Tex­til­fa­brik für ei­nen Hun­ger­lohn ge­schuf­tet und ei­ne ma­ge­re Ren­te in Aus­sicht. Pe­ñas Steu­er­re­for­men ha­ben die Aus­ga­ben für Strom, Ben­zin und Trans­port in die Hö­he ge­trie­ben. Auch die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on hat kaum Auf­stiegs­chan­cen. Ob­wohl Telo­xa ih­rer Toch­ter ei­ne Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwes­ter fi­nan­ziert hat, fin­det die­se kei­ne fes­te An­stel­lung.

Rund die Hälf­te der me­xi­ka­ni­schen Ar­beit­neh­mer sind nicht fest an­ge­stellt, vie­le ar­bei­ten schwarz. Die Ar­beit­ge­ber scheu­en Fest­an­stel­lun­gen we­gen der So­zi­al­ab­ga­ben und der Macht der Ge­werk­schaf­ten. Zu­dem sind die Löh­ne der­art nied­rig, dass vie­le Me­xi­ka­ner schwarz mehr ver­die­nen. Der Min­dest­lohn von um­ge­rech­net 105 Eu­ro mo­nat­lich liegt nach An­ga­ben der Latein­ame­ri­ka­ni­schen UN-Wirt­schafts­kom­mis­si­on un­ter der Ar­muts­gren­ze.

Viel Frust hat sich an­ge­staut, Am­lo spricht ihn aus. Und dann heißt die von ihm ge­grün­de­te und auf sei­ne Per­son zu­ge­schnit­te­ne Par­tei auch noch Be­we­gung zur na­tio­na­len Er­neue­rung, kurz Mo­re­na (dun­kel­häu­tig), ein Sei­ten­hieb auf den me­xi­ka­ni­schen Ras­sis­mus. Als Plus kann er zu­dem ver­bu­chen, dass er zwar im­mer von der Po­li­tik ge­lebt hat – ei­nen an­de­ren Be­ruf hat der stu­dier­te Po­li­to­lo­ge nie aus­ge­übt – aber bis heu­te ei­nen Mit­tel­schichts-Le­bens­stil pflegt. Un­ter den prah­le­ri­schen Po­li­ti­kern in Me­xi­ko Stadt ist das et­was Be­son­de­res.

Am­los sim­ple Re­zep­te wer­den die Pro­ble­me des Lan­des zwar nicht lö­sen, sagt der Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Ja­vier Si­ci­lia, „aber ich hof­fe, dass er ge­winnt, da­mit wir Me­xi­ka­ner end­lich auf­hö­ren, an ei­nen Er­lö­ser zu glau­ben und an­fan­gen, mit ei­nem na­tio­na­len Pakt ei­ne an­de­re Form der Ba­sis­de­mo­kra­tie aus­zu­pro­bie­ren.“

In ei­nem Land tie­fer so­zia­ler Ge­gen­sät­ze ver­kör­pert der Pro­vinz­po­li­ti­ker und „ewi­ge Ver­lie­rer“Am­lo den Rä­cher der Ab­ge­häng­ten. Nichts ver­deut­licht die Wi­der­sprü­che des Schwel­len­lan­des bes­ser als die 20-mi­nü­ti­ge Au­to­fahrt von Pue­b­la nach Za­ca­tel­co. Der Ort hat zwar ei­ne Aus­fahrt auf der vor kur­zem er­bau­ten, maut­pflich­ti­gen Schnell­stra­ße – aber die mün­det ab­rupt in ei­ne Schot­ter­pis­te, die ih­rer­seits in ei­ne An­samm­lung von un­ver­putz­ten Häu­sern über­geht.

Za­ca­tel­co ist von der Mo­der­ne ab­ge­hängt, lebt von der Sub­sis­tenz-Land­wirt­schaft und von den Über­res­ten ei­ner Tex­til­in­dus­trie, die bil­lig und um­welt­schäd­lich Mar­ken­pro­duk­te für den hei­mi­schen Markt fälscht. An­de­re Ein­nah­me­quel­len sind der Frau­en­han­del und das An­zap­fen der Öl­pipe­lines des staat­li­chen Erd­öl­kon­zerns. In die il­le­ga­len Ak­ti­vi­tä­ten sind Si­cher­heits­kräf­te und Lo­kal­po­li­ti­ker ver­wi­ckelt, was zu ei­ner un­über­sicht­li­chen Ge­men­ge­la­ge führt. Auch Schie­ße­rei­en, Pi­pe­line-Ex­plo­sio­nen und Lynch­jus­tiz sind kei­ne Sel­ten­heit.

Die Eli­te ver­dient 500 Eu­ro im Mo­nat

In Pue­b­la hin­ge­gen, gibt es ei­nen Stand­ort des Volks­wa­gen-Kon­zerns, der vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert hier mit der Pro­duk­ti­on be­gann. Die Werks­hal­len sind blitz­blank und größ­ten­teils ro­bo­ti­siert. Im Jahr 2017 roll­ten rund 461 000 Jet­t­as, Beet­les und Golfs vom Band. Die 14 000 An­ge­stell­ten ge­hö­ren zur wirt­schaft­li­chen Eli­te, die mo­der­ne Ein­kaufs­zen­tren, Ho­tels und Re­stau­rants be­sucht, auch wenn sie nur knapp ein Zehn­tel von dem Ge­halt ei­nes In­dus­trie­ar­bei­ters in den USA ver­die­nen.

Wer ei­nen der rund 50 dua­len Aus­bil­dungs­plät­ze im Jahr bei VW er­gat­tert, schätzt sich glück­lich. So wie Er­nes­to Reyes – auch wenn der 19-Jäh­ri­ge wäh­rend der Leh­re kein Geld be­kommt. Nur je­der zehn­te Be­wer­ber wird ge­nom­men, der Jahr­gangs­bes­te wird mit ei­ner Deutsch­land­rei­se be­lohnt und kann mit ei­nem Ein­stiegs­ge­halt von um­ge­rech­net 500 Eu­ro mo­nat­lich rech­nen. Nach der Leh­re will Reyes In­ge­nieur­we­sen stu­die­ren, um in die bes­ser be­zahl­te Ma­nage­men­trie­ge auf­zu­stei­gen. Ein sol­ches Sys­tem, das An­rei­ze zur Pro­duk­ti­vi­tät gibt, in dem Un­ter­neh­men auch in ih­re Mit­ar­bei­ter in­ves­tie­ren, ist re­la­tiv neu in Me­xi­ko.

Me­xi­kos Un­ter­neh­mer kla­gen zwar über Kor­rup­ti­on und Un­si­cher­heit, se­hen sich da­bei aber in ei­ner Sta­tis­ten­rol­le und sind ent­setzt an­ge­sichts der Vor­stel­lung, dass Am­lo sie aus ih­rer Kom­fort­zo­ne vol­ler Steu­er­er­leich­te­run­gen, bil­li­ger Ar­beits­kräf­te und Oli­go­po­le ka­ta­pul­tie­ren könn­te. Selbst eher pu­bli­kums­scheue Ma­gna­ten wie Car­los Slim, ei­ner der reichs­ten Män­ner der Welt, ha­ben das Wort ge­gen Am­los Plä­ne er­grif­fen. Der Ein­zel­han­dels­kö­nig Al­ber­to Bail­le­res ap­pel­lier­te an sei­ne An­ge­stell­ten, dem Zweit­plat­zier­ten Ana­ya ih­re Stim­me zu ge­ben.

Es sieht nicht so aus, als könn­ten sie den Vor­marsch des Link­s­po­pu­lis­ten stop­pen. Wäh­rend in ganz Süd­ame­ri­ka das po­li­ti­sche Pen­del nach rechts aus­schlägt, scheint Me­xi­ko ge­gen den Trend zu wäh­len. Das Land der Ge­gen­sät­ze hat zu vie­le Ab­ge­häng­te. Und die meis­ten von ih­nen ste­hen auf Am­los Sei­te.

Wir lie­ben ihn. Er ist auf­rich­tig, hat ei­ne har­te Hand und kennt die Sor­gen des Vol­kes.

Ofe­lia Telo­xa Wäh­le­rin

Foto: Fran­cis­co Ro­bles/ afp

Sie nen­nen ihn „Am­lo“: An­drés Ma­nu­el López Ob­ra­dor er­scheint mit ei­nem lin­ken Pro­gramm als Ret­ter des klei­nen Man­nes in Me­xi­ko.

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