Lynch­jus­tiz nach TV-Bericht

Er­schre­cken­der Vor­fall in Bre­men: Ein Mann wird in sei­ner Woh­nung von ei­ner Grup­pe über­fal­len und le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Sie hiel­ten ihn für ei­nen Pä­do­phi­len.

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - BLICK IN DIE WELT - Ire­na Güt­tel

Ein Lynch­mob dringt in ei­ne Woh­nung in Bre­men ein und schlägt den Be­woh­ner zu­sam­men. Die Ge­walt ist so mas­siv, dass der 50-Jäh­ri­ge in Le­bens­ge­fahr schwebt. Zeu­gen zu­fol­ge hiel­ten die Tä­ter das Op­fer für ei­nen Pä­do­phi­len, der in ei­nem Fern­seh­be­richt zu se­hen ge­we­sen sei. Die Er­mitt­ler wol­len jetzt den Bei­trag aus der RTL-Sendung „Punkt 12“ge­nau un­ter die Lu­pe neh­men. Fest steht aber schon: „Er ist nicht der­je­ni­ge aus dem Vi­deo ge­we­sen“, wie der Spre­cher der Staats­an­walt­schaft, Frank Pas­sa­de, ges­tern sag­te.

Die Tä­ter glaub­ten nach An­ga­ben der Er­mitt­ler, in dem Bericht den 50-Jäh­ri­gen und auch das Haus, in dem er wohnt, wie­der­er­kannt zu ha­ben. Nach der Aus­strah­lung am Di­ens­tag­mit­tag ha­be sich ei­ne Grup­pe von sie­ben bis zehn Men­schen dort ver­sam­melt, sag­te Pas­sa­de. In wel­chen Ver­hält­nis die An­grei­fer zum Op­fer stan­den und ob ih­re Iden­ti­tä­ten be­kannt sind, woll­te er nicht sa­gen. Die Po­li­zei konn­te den 50-Jäh­ri­gen kurz be­fra­gen, be­vor er ins Kran­ken­haus kam.

Mob be­la­gert Po­li­zei­wa­che

Selbst­jus­tiz zu üben kommt im­mer wie­der vor. Auf­se­hen hat 2004 die Tat ei­nes Rus­sen her­vor­ge­ru­fen, der bei der Flug­zeug­ka­ta­stro­phe von Über­lin­gen am Bo­den­see sei­ne Frau und zwei Kin­der ver­lo­ren hat­te und des­halb ei­nen Mit­ar­bei­ter der Schwei­zer Flug­si­che­rung Sky­gui­de er­stach. Ei­ne De­bat­te über die Rol­le der Me­di­en hat 2012 der Mord an der elf­jäh­ri­gen Lena in Em­den aus­ge­löst. Nach Lynch-Auf­ru­fen im In­ter­net hat­te ein Mob die Po­li­zei­wa­che ge­la­gert und die Her­aus­ga­be ei­nes 17-Jäh­ri­gen ge­for­dert. Er er­wies sich spä­ter un­schul­dig.

Der Ham­bur­ger So­zio­lo­ge Jan-Hin­rik Schmidt vom Han­sB­re­dow-In­sti­tut für Me­di­en­for­schung sieht die Ver­ant­wor­tung je­doch nicht al­lein bei den Me­di­en. Lynch­jus­tiz kom­me in der Re­gel nach Ver­bre­chen vor, die die Men­schen er­schüt­ter­ten und we­gen der das Ge­fühl ent­ste­he, die Tä­ter müss­ten hart be­straft wer­den – das be­tref­fe be­son­ders Straf­ta­ten, in die Kin­der in­vol­viert sei­en.

In der RTL-Re­por­ta­ge hat­te sich ein Re­por­ter in ei­nem bei Pä­do­phi­len be­lieb­ten In­ter­net­por­tal als Mäd­chen aus­ge­ge­ben und ein Tref­fen ar­ran­giert.

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