„Durch und durch po­si­ti­ve“Er­in­ne­run­gen

Die Künst­le­rin Sa­bi­ne Ar­nold hat das Jahr 1999 in Gaildorf ver­bracht und tur­bu­len­te Zei­ten er­lebt. Nun stellt sie wie­der im Al­ten Schloss aus.

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - VORDERSEITE - Von Richard Fär­ber

Gaildorf. Sa­bi­ne Ar­nold war 1999 als zwei­te Stadt­ma­le­rin für ein Jahr in Gaildorf. Nun stellt sie zu­sam­men mit ih­rem Mann Frank Lämm­le in der Ga­le­rie im Al­ten Schloss aus.

Die Kunst ist ein emp­find­lich’ Ding – und des­halb trifft Sa­bi­ne Ar­nold schier der Schlag, als sie die Ga­le­rie im Al­ten Schloss in Gaildorf be­tritt und ei­ne Re­stau­ra­to­rin vor­fin­det, die ge­ra­de Tei­le der Stuck­de­cke im Schen­ken­saal für ei­ne sta­ti­sche Un­ter­su­chung öff­net. Ar­nolds Fo­to­dru­cke und Re­li­qui­en­schrei­ne und die Skulp­tu­ren ih­res Man­nes Frank Lämm­le sind mit Fo­lie ab­ge­deckt. „Das sind Kunst­wer­ke, das dür­fen Sie nicht“, sagt Ar­nold zu der Re­stau­ra­to­rin, und die Re­stau­ra­to­rin sagt „Ogot­to­gott“. Sie kann frei­lich nichts da­für. Ih­ren Auf­trag hat sie von der Stadt­ver­wal­tung er­hal­ten, wo man ent­we­der ver­ges­sen hat­te, dass an die­sen Ta­gen ei­ne Aus­stel­lung auf­ge­baut wird oder dach­te, die Ar­beit am Stuck stö­re nicht. Die Ab­de­ckung der Kunst­wer­ke sei mit der Ver­wal­tung ab­ge­spro­chen, sagt die Re­stau­ra­to­rin.

Hek­ti­sche Te­le­fo­na­te

Der Fe­in­staub, er­klärt Sa­bi­ne Ar­nold, set­ze sich auf den Fo­to­dru­cken fest; sie wer­den zer­kratzt, wenn man dar­über­streicht. Und weil die Räu­me der Ga­le­rie of­fen sind, wür­den auch die Kunst­wer­ke im Flur und in an­de­ren Zim­mern in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen.

Es gibt ei­ni­ge hek­ti­sche Te­le­fo­na­te und ir­gend­wann sind dann auch ziem­lich vie­le Leu­te in der Ga­le­rie: An­ge­la Gei­ger und Man­fred Schwarz vom Vor­stand der IG Kunst, die bei­den Stadt­ma­ler-Küm­me­rer Mar­tin Zecha und Rolf Dei­nin­ger, Rein­hard Ge­sie­rich von der Stadt­ver­wal­tung. Die Re­stau­ra­to­rin packt ein.

„Die Leu­te se­hen im­mer noch aus wie da­mals“, sagt Sa­bi­ne Ar­nold. „Da­mals“meint das Jahr 1999 als sie, 34-jäh­rig, als zwei­te Stadt­ma­le­rin nach Gaildorf kam. Rück­bli­ckend, sagt Ar­nold, sei ih­re Er­in­ne­rung an je­ne Zeit „durch und durch po­si­tiv – über­ra­schen­der­wei­se“.

Tat­säch­lich war es ein tur­bu­len­tes Stadt­ma­ler­jahr. Die Künst­le­rin aus Wai­b­lin­gen platz­te in ei­nen Kon­flikt hin­ein, der von ih­rem Vor­gän­ger aus­ge­löst wor­den war. Der Bild­hau­er Hein­rich Knopf hat­te nicht nur Kunst ge­schaf­fen, son­dern auch ei­ne Skulp­tu­ren­aus­stel­lung or­ga­ni­siert, sich al­so ins Re­vier der IG Kunst ge­wagt. Der Streit zwi­schen der IG Kunst und dem Künst­ler Die­thelm Reich­art, der das Pro­jekt Stadt­ma­ler in­iti­iert hat­te, führ­te zur Grün­dung des „För­der­kreis Stadt­ma­ler“.

Die Sa­che war da­mit nicht aus­ge­stan­den. Von al­len Sei­ten sei an ihr ge­zerrt wor­den, er­in­nert sich Ar­nold, so­gar Lieb­schaf­ten sei­en ihr an­ge­dich­tet wor­den. Schließ­lich ging sie zum da­ma­li­gen Gaildor­fer Bür­ger­meis­ter Kurt En­gel, „der ein­zig Neu­tra­le“, der dann die Schirm­herr­schaft über die Stadt­ma­ler über­nahm.

Man muss ihr die­se Er­in­ne­run­gen ein we­nig aus der Na­se zie­hen, sie kom­men nicht spon­tan. Spon­tan er­in­nert sich Sa­bi­ne Ar­nold an Herz­lich­keit und Hilfs­be­reits­schaft und dar­an, wie sie von den Gaildor­fern an­ge­nom­men, wie sie als „un­se­re Stadt­ma­le­rin“an­ge­spro­chen wur­de – das sei ein­ma­lig, sagt sie. Und es freue sie un­ge­mein, dass es ge­lun­gen sei, Reicharts Idee für Gaildorf zu kon­so­li­die­ren, dass es bis heu­te Stadt­ma­ler gibt. Noch heu­te ar­bei­tet sie im­mer wie­der mit Die­thelm Reich­art zu­sam­men, der mitt­ler­wei­le in Stutt­gart lebt.

Ih­re Aus­bil­dung zur Künst­le­rin er­hielt Sa­bi­ne Ar­nold über­wie­gend in Ate­liers pro­fes­sio­nel­ler Ma­ler in Stutt­gart und Kai­sers­lau­tern. Stu­diert hat sie So­zi­al­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Ko­blenz-Lan­dau. Ne­ben­bei bie­tet sie des­halb auch Coa­ching-Kur­se an – mit künst­le­ri­schen An­sät­zen, wie sie be­tont. Haupt­be­ruf­lich aber ist Sa­bi­ne Ar­nold Künst­le­rin

Als sie En­de 1999 Gaildorf ver­ließ, hin­ter­ließ Sa­bi­ne Ar­nold den Gaildor­fern ei­nen Schrein aus Milch­glas, ge­füllt mit Fo­to­gra­fi­en von Gaildor­fer Bür­gern. Er steht in der Kirch­gas­se auf ei­nem ei­gens er­rich­te­ten Ge­rüst und wur­de vor ei­ni­gen Jah­ren auch sa­niert, ent­hält aber ver­mut­lich „nur noch Sup­pe“. Das freut die Künst­le­rin: „Ver­gäng­lich­keit ist Le­ben pur“, sagt sie. Pa­ti­na, das Ab- und An­ge­grif­fe­ne, „emp­fin­de ich als schön“.

Ab- und An­ge­grif­fe­nes fin­det man auch in der Aus­stel­lung im al­ten Schloss, die Sa­bi­ne Ar­nold und ihr Mann Frank Lämm­le ab Sonn­tag in der Ga­le­rie im Al­ten Schloss zei­gen. In Ar­nolds „Re­li­qui­en­schrei­nen“et­wa ste­cken Fund­sa­chen al­ler Art, „un­be­deu­ten­de Ge­gen­stän­de“, sagt Ar­nold, die durch ih­re Prä­sen­ta­ti­on neue Be­deu­tung er­lan­gen. Und die In­stal­la­ti­on „TUTS“, ei­ne waa­ge­recht in den Ja­kob-Scho­ber-Saal ge­häng­te Kie­pe, auf der ei­ni­ge Ob­jek­te lie­gen, war­tet auf wei­te­re Ge­gen­stän­de von Aus­stel­lungs­be­su­chen. „Tut’s“, grinst Ar­nold.

Lämm­les ver­letz­te St­ei­ne

Den har­ten Kon­trast lie­fert ihr Mann: Frank Lämm­le zeigt über­wie­gend Un­ver­än­der­li­ches: St­ei­ne, seg­men­tiert, ge­ritzt, ge­schnit­ten wie Brot, mit­leid­er­re­gend ver­letzt und ge­klam­mert. Sei­ne „In­stal­la­ti­on Gaildor­fer Schloss“im Wil­lo-Rall-Raum fällt frei­lich aus dem Rah­men: Rund 2500 Gum­mi­rin­ge wurch­ern duch den Raum, über die Fuß­leis­ten, über und um gro­ße Kie­sel­stei­ne her­um und die Bal­ken an der Wand em­por. Ei­ne In­va­si­on? „Was du mit­bringst, wirst du se­hen“, sagt Lämm­le.

Die Aus­stel­lung „’DER EI­NE MOND’ – Rei­se ins Un­be­wuss­te“in der Ga­le­rie im Al­ten Schloss in Gaildorf wird am Sonn­tag, 14. Ok­to­ber, 17 Uhr, im Wurm­brand­saal er­öff­net. Zur Ein­füh­rung spricht der Ga­le­rist Mat­thi­as Kü­per.

Ver­gäng­lich­keit ist Le­ben pur. Das Ab- und An­ge­grif­fe­ne emp­fin­de ich als schön.

In­fo

Fo­to: Richard Fär­ber

Ob­jekt­kunst ist ei­nes der Su­jets, in dem sich Sa­bi­ne Ar­nold be­wegt. Das Bild zeigt die ehe­ma­li­ge Gaildor­fer Stadt­ma­le­rin zu­sam­men mit ih­rem Mann Frank Lämm­le in der Ga­le­rie im Al­ten Schloss. Im Hin­ter­grund ei­ni­ge von Ar­nolds Re­li­qui­en­schrei­nen.

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