Di­gi­tal­chef ge­sucht

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Themen Des Tages / Politik - Igor St­ein­le zum Um­gang der Po­li­tik mit der Di­gi­ta­li­sie­rung

Man kann nicht be­haup­ten, der di­gi­ta­le Wan­del wür­de zu we­nig Raum ein­neh­men im Ko­ali­ti­ons­ver­trag von SPD und Uni­on. Mit der An­kün­di­gung, al­le Schu­len ans Glas­fa­ser­netz an­zu­schlie­ßen, und den Plä­nen für ei­ne di­gi­ta­le Ver­wal­tung wur­den wich­ti­ge Wei­chen für die Zu­kunft ge­stellt. Nur ei­nes wird es auch wei­ter­hin nicht ge­ben: Ei­nen di­gi­ta­len Chef-ko­or­di­na­tor, der dar­über wacht, dass sich die Zü­ge auf die­sen Zu­kunfts­glei­sen nicht in die Que­re kom­men. Für den Er­folg der ge­plan­ten Pro­jek­te könn­te das ver­häng­nis­voll sein.

Egal auf wel­ches Ran­king man blickt: In Sa­chen Di­gi­ta­li­sie­rung ist Deutsch­land in je­der Hin­sicht Mit­tel­maß, eher schlech­ter. Um die­sen Rück­stand auf­zu­ho­len, braucht es ei­nen di­gi­ta­len Mas­ter­plan, in den al­le Mi­nis­te­ri­en ein­ge­bun­den sind – denn je­der Le­bens­be­reich ist von der Di­gi­ta­li­sie­rung be­trof­fen. Vor al­lem braucht es al­ler­dings ei­nen star­ken und kom­pe­ten­ten Mi­nis­ter, der die Fä­hig­keit hat, die­sen Plan auch durch­zu­set­zen, auch als Staats­mi­nis­ter vom Kanz­ler­amt aus. Wenn Ge­set­ze ver­schie­de­ner Mi­nis­te­ri­en sich wi­der­spre­chen, wenn ge­mein­sa­me Zie­le nicht ein­ge­hal­ten wer­den, muss ein Di­gi­tal­mi­nis­ter da­ge­gen hal­ten – und darf not­falls vor öf­fent­lich­keits­wirk­sa­mer Kri­tik nicht zu­rück­schre­cken. Denn die Zeit drängt – der di­gi­ta­le Wan­del in Wirt­schaft und Ge­sell­schaft läuft längst auf vol­len Tou­ren.

Kri­ti­ker ei­nes sol­chen Mi­nis­ters mo­nie­ren, dass Di­gi­ta­li­sie­rung ei­ne Qu­er­schnitts­auf­ga­be ist: Ar­beit, In­fra­struk­tur, Wirt­schaft, Ver­wal­tung – al­le sind be­trof­fen, al­le müs­sen ei­ge­ne Zie­le ver­fol­gen. Wo­hin das führt, konn­te man in den ver­gan­ge­nen Jah­ren be­ob­ach­ten: zu fa­ta­lem Still­stand. Egal ob beim Di­gi­tal­pakt, Da­ten­schutz oder Ar­beits­recht: Al­le Mi­nis­te­ri­en koch­ten ihr ei­ge­nes Süpp­chen, ser­viert wur­de nichts. Wenn Wirt­schafts­ver­bän­de des­we­gen for­dern, dass Deutsch­land ei­nen Di­gi­tal­mi­nis­ter be­nö­tigt, ha­ben sie Recht. Zu­mal sich im Wahl­kampf Po­li­ti­ker al­ler Cou­leur für ei­ne sol­che Bün­de­lung der Kom­pe­ten­zen aus­spra­chen. Als es al­ler­dings in den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen dar­um ging, ei­ge­ne Kom­pe­ten­zen ab­zu­ge­ben, woll­te vor al­lem die CSU nichts mehr da­von wis­sen.

Al­le Mi­nis­te­ri­en koch­ten ihr ei­ge­nes Süpp­chen, ser­viert wur­de nichts.

Dank ih­res Ver­hand­lungs­ge­schicks dür­fen die Christ­so­zia­len nun das für Breit­band­aus­bau zu­stän­di­ge Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um be­hal­ten, ob­wohl sie mit die­ser Auf­ga­be ri­go­ros ge­schei­tert sind. Als Be­loh­nung da­für gibt es au­ßer­dem das In­nen­mi­nis­te­ri­um, das mit dem Pro­jekt der di­gi­ta­len Ver­wal­tung be­treut ist. Horst See­ho­fer aber, der wahr­schein­lich zu­künf­ti­ge Chef des Hau­ses, wird die­ses Amt vor al­lem als Hei­mat- und nicht als Di­gi­tal­mi­nis­ter ver­ste­hen. Das In­ter­net näm­lich, so be­rich­ten je­ne, die ihn bei den Ja­mai­ka-ver­hand­lun­gen er­leb­ten, ist für ihn Neu­land.

Um die­ses Cha­os zu be­en­den, gibt es ei­gent­lich nur noch ei­ne Mög­lich­keit: Der Kom­pe­tenz-wirr­warr muss auf­hö­ren. An­sons­ten steht es schlecht um den Stand­ort Deutsch­land. Denn Wei­chen wur­den auch im ver­gan­ge­nen Ko­ali­ti­ons­ver­trag schon ge­stellt. Auf dem Weg in die Zu­kunft kol­li­dier­ten die Zü­ge al­ler­dings.

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