Eu­ro­pa muss ei­ge­ne Ide­en lie­fern

Si­cher­heits­po­li­tik An­ders als er­war­tet ste­hen die USA un­ter Do­nald Trump zu ih­ren Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen. Den­noch ist es höchs­te Zeit, dass die EU bei der Lö­sung von Kon­flik­ten selbst­be­wuss­ter auf­tritt. Von Mar­kus Kaim und Mar­co Over­haus

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Essay - Wei­te­res zur Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz fin­den Sie un­ter swp.de/kon­fe­renz

Trotz der iso­la­tio­nis­ti­schen Re­fle­xe des Us-prä­si­den­ten macht die Trum­pad­mi­nis­tra­ti­on ein Jahr nach dem Amts­an­tritt kei­ne An­stal­ten, sich aus ih­ren in­ter­na­tio­na­len Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen zu­rück­zu­zie­hen. Trans­at­lan­ti­sches Kon­flikt­po­ten­ti­al gibt es trotz­dem mehr als ge­nug. Deutsch­land und Eu­ro­pa sind da­her ge­for­dert, sich in Kern­fra­gen in­ter­na­tio­na­ler Si­cher­heit stär­ker zu en­ga­gie­ren. Um die­se Her­aus­for­de­rung geht es auf der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz En­de die­ser Wo­che.

Es ist durch­aus be­mer­kens­wert, dass die neue na­tio­na­le Si­cher­heits­stra­te­gie der USA an vie­len alt­be­kann­ten Grund­sät­zen ame­ri­ka­ni­scher Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik fest­hält. Da­zu zählt vor al­lem, dass sich Ame­ri­ka wei­ter als in­ter­na­tio­na­le Füh­rungs­macht sieht, die sich auch auf in­ter­na­tio­na­le In­sti­tu­tio­nen und Bünd­nis­se stützt. Be­reits vor Ver­öf­fent­li­chung des Stra­te­gie­do­ku­ments hat­ten Ver­tre­ter der Re­gie­rung Trump den Ar­ti­kel 5 des Na­to-ver­tra­ges, die Bei­stands­klau­sel, die den Kern der Al­li­anz bil­det, mehr­fach öf­fent­lich be­kräf­tigt. Das mag vie­len eu­ro­päi­schen Po­li­ti­kern wie ei­ne lust­lo­se Pflicht­übung er­schie­nen sein, war aber nach den Aus­füh­run­gen des Kan­di­da­ten, wo­nach die Na­to ob­so­let sei, nicht zu er­war­ten.

Be­rech­tig­te Sor­ge

Zu­dem hat die neue Re­gie­rung kei­nen Zwei­fel dar­an ge­las­sen, dass die USA wei­ter­hin ih­ren mi­li­tä­ri­schen Bei­trag zur Si­che­rung der Na­to-ost­flan­ke und zur Ab­schre­ckung Russ­lands leis­ten wür­den. So ha­ben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten im März 2017 ins­ge­samt 1000 Sol­da­ten im Rah­men ei­ner mul­ti­na­tio­na­len Kampf­trup­pe nach Po­len ver­legt. Selbst nach Jah­ren des Ab­baus sind mit 63 000 Sol­da­ten im­mer noch ein Drit­tel je­ner Trup­pen in Eu­ro­pa sta­tio­niert, die die USA in Über­see un­ter­hal­ten. Die­ses En­ga­ge­ment ist auch fi­nan­zi­ell un­ter­legt. Die Trump-ad­mi­nis­tra­ti­on drängt al­ler­dings auf ei­ne aus ih­rer Sicht ge­rech­te­re Las­ten­tei­lung in der Na­to und for­dert die Er­hö­hung der eu­ro­päi­schen Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben. Schließ­lich stel­len die Ver­ei­nig­ten Staa­ten bis­her auch nicht die dau­er­haf­te Prä­senz ih­rer Nu­kle­ar­waf­fen in Eu­ro­pa in Fra­ge, die die USA seit Jahr­zehn­ten als äu­ße­res Zei­chen ih­rer Ver­pflich­tung de­fi­niert ha­ben, die Si­cher­heit Eu­ro­pas mi­li­tä­risch zu ga­ran­tie­ren.

Auch in Asi­en ist kein si­cher­heits­po­li­ti­scher Rück­zug der USA er­kenn­bar. Hat­te Trump im Wahl­kampf noch da­mit ge­droht, er könn­te die Ver­bün­de­ten Süd­ko­rea und Ja­pan auf sich selbst stel­len, ist da­von heu­te kei­ne Re­de mehr. Die be­rech­tig­te Sor­ge lau­tet statt­des­sen, dass Ame­ri­ka durch mi­li­tä­ri­sche Dro­hun­gen und feh­len­de Dia­log­be­reit­schaft ei­nen Krieg pro­vo­zie­ren oder so­gar prä­ven­tiv ge­gen Nord­ko­rea vor­ge­hen könn­te.

Trump sieht sich in Sa­chen Nord­ko­rea we­sent­lich hö­he­rem Ent­schei­dungs­druck aus­ge­setzt als al­le sei­ne Amts­vor­gän­ger. Die Fort­schrit­te Nord­ko­reas bei der Ent­wick­lung von Nu­kle­ar­waf­fen und Ra­ke­ten­tech­nik ha­ben die Fä­hig­keit des Lan­des, die USA mit der Bom­be be­dro­hen zu kön­nen, in greif­ba­re Nä­he rü­cken las­sen. Dass in die­ser La­ge aus­ge­rech­net ein oft er­ra­tisch wir­ken­der Prä­si­dent im Wei­ßen Haus sitzt, trägt nicht zur Be­ru­hi­gung bei. Trotz­dem ver­steht auch sei­ne Ad­mi­nis­tra­ti­on die ge­wal­ti­gen Ri­si­ken ei­ner mi­li­tä­ri­schen Es­ka­la­ti­on.

Eu­ro­pas Ein­fluss­mög­lich­kei­ten auf die Nord­ko­rea-di­plo­ma­tie sind sehr be­grenzt. Das Spiel fin­det vor al­lem zwi­schen den USA, Nord­ko­rea und Chi­na statt. Die EU kann je­doch ei­ne di­plo­ma­ti­sche Lö­sung nicht nur ein­for­dern, son­dern auch po­li­tisch un­ter­stüt­zen. In ei­nem ers­ten Schritt gin­ge es um Ge­sprä­che, die ver­hin­dern, dass wei­te­re Ato­mund Ra­ke­ten­tests Nord­ko­reas so­wie Groß­ma­nö­ver der USA und ih­rer re­gio­na­len Ver­bün­de­ten die Si­tua­ti­on es­ka­lie­ren las­sen. Der Un-si­cher­heits­rat wä­re der ge­eig­ne­te Ort für ei­nen eu­ro­päi­schen Bei­trag, um sol­che Ge­sprä­che zu er­leich­tern. Par­al­lel da­zu müs­sen die Eu-staa­ten ih­ren Bei­trag leis­ten, da­mit be­ste­hen­de Lö­cher im Sank­ti­ons­re­gime ge­gen Pjöng­jang mög­lichst ge­schlos­sen wer­den. Da­zu kann die EU auch Druck auf Dritt­staa­ten, et­wa in Afri­ka, aus­üben.

An­ders als in Nord­ko­rea ha­ben die Eu­ro­pä­er beim Um­gang mit dem ira­ni­schen Atom­pro­gramm von An­fang an ei­ne zen­tra­le di­plo­ma­ti­sche Rol­le ge­spielt. Trump hin­ge­gen hat ei­ne 180-Grad-wen­de ge­gen­über der Iran-po­li­tik sei­nes Vor­gän­gers voll­zo­gen. Sein Ziel lau­tet jetzt, den Ein­fluss Te­he­rans im Mitt­le­ren Os­ten zu­rück­zu­drän­gen. Sau­di-ara­bi­en soll hin­ge­gen ein Stütz­pfei­ler der re­gio­na­len Ord­nung am und um den Golf wer­den. Die­se Ein­schät­zung wird an­ge­sichts der sau­di­schen Po­li­tik im Je­men und ge­gen­über Ka­tar in Eu­ro­pa aber im­mer we­ni­ger ge­teilt. Trotz ih­rer Un­ter­stüt­zung für den in­ne­ren Re­form­pro­zess Sau­di-ara­bi­ens soll­te die kom­men­de Bun­des­re­gie­rung ih­re Be­zie­hun­gen zu Ri­ad da­her stär­ker von ei­ner ko­ope­ra­ti­ven Rol­le des Lan­des in der Re­gi­on ab­hän­gig ma­chen.

Das En­ga­ge­ment Frank­reichs, Groß­bri­tan­ni­ens, Deutsch­lands und der EU zum Er­halt des Nu­kle­arab­kom­mens mit dem Iran ist rich­tig und wich­tig. Nur lei­der man­gelt es den Eu­ro­pä­ern an ei­ner ei­ge­nen schlüs­si­gen Iran- ge­schwei­ge denn Nah­ost­po­li­tik. Eu­ro­pa muss kon­kre­ter de­fi­nie­ren, wel­chen Bei­trag es zur Lö­sung der Pro­ble­me im Um­gang mit dem Iran leis­ten kann, die über das Nu­kle­ar­d­os­sier hin­aus­ge­hen.

Es man­gelt an po­li­ti­schem Wil­len

Eu­ro­pa setzt da­bei zu Recht auf ei­nen aus­ge­wo­ge­ne­ren An­satz als die Trump-ad­mi­nis­tra­ti­on. Die­ser sieht ne­ben Druck und Sank­tio­nen auch die Mög­lich­keit für ei­nen Dia­log mit Te­he­ran vor und will auch Sau­di-ara­bi­en stär­ker in die Pflicht neh­men. Oh­ne ei­nen Dia­log mit dem Iran er­scheint ei­ne er­neu­te Es­ka­la­ti­on des Sy­ri­en-kon­flikts – ein­schließ­lich ei­nes mi­li­tä­ri­schen Kon­flikts zwi­schen Is­ra­el und dem Iran – wahr­schein­li­cher. Bis­her man­gelt es den Eu­ro­pä­ern aber an po­li­ti­schem Wil­len, sich bei der Ein­he­gung des Sy­ri­en-kriegs di­plo­ma­tisch stär­ker zu en­ga­gie­ren. So­fern die EU glaub­haft ei­ne Ord­nungs­macht in der ei­ge­nen Nach­bar­schaft sein möch­te, führt kein Weg an ei­gen­stän­di­gen po­li­ti­schen Lö­sungs­in­itia­ti­ven und der For­mu­lie­rung ei­ge­ner Ord­nungs­vor­stel­lun­gen für die Re­gi­on vor­bei.

Der Um­gang mit Te­he­ran, aber auch mit dem sy­ri­schen Prä­si­den­ten As­sad oder der nord­ko­rea­ni­schen Füh­rung ver­deut­licht im Üb­ri­gen ein Grund­pro­blem des in­ter­na­tio­na­len Kri­sen­ma­nage­ments: Ei­ner­seits be­schrän­ken die Span­nun­gen zwi­schen den Groß­mäch­ten den Ein­fluss der USA wie der Eu­ro­pä­er, an­de­rer­seits blei­ben Pe­king und Mos­kau not­wen­di­ge Part­ner west­li­cher Po­li­tik. Denn die Wirk­sam­keit west­li­cher Dro­hun­gen stößt an Gren­zen, wo die­se schwie­ri­gen Part­ner für das Kon­flikt­ma­nage­ment ge­braucht wer­den. Soll­te Deutsch­land im Ju­ni für die Jah­re 2019/2020 in den Un-si­cher­heits­rat ge­wählt wer­den, wür­de Ber­lin ei­ne wich­ti­ge Rol­le da­bei zu­kom­men, ge­ra­de in die­sem Gre­mi­um, das für Frie­den und in­ter­na­tio­na­le Si­cher­heit Sor­ge trägt, im ei­ge­nen In­ter­es­se und dem der EU ent­spre­chen­de Brü­cken zu bau­en.

Die­ser kur­so­ri­sche Blick auf die gro­ßen Kri­sen und Kon­flik­te ver­deut­licht, dass deut­sche und eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker ih­re in vie­len Sach­fra­gen be­rech­tig­te Kri­tik an der Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik der Re­gie­rung Trump wei­ter klar ar­ti­ku­lie­ren soll­ten, et­wa in der Is­ra­el- oder Iran-po­li­tik. Es wä­re aber fahr­läs­sig, das En­de des ame­ri­ka­ni­schen Zeit­al­ters und ei­nen struk­tu­rel­len Bruch in den trans­at­lan­ti­schen Si­cher­heits­be­zie­hun­gen her­bei­zu­re­den.

Los­ge­löst von der künf­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Rol­le in der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik müs­sen sich die Eu­ro­pä­er stär­ker als bis­her bei der Prä­ven­ti­on und Ein­he­gung von Kri­sen en­ga­gie­ren. Dies er­for­dert ers­tens den kon­ti­nu­ier­li­chen po­li­ti­schen Wil­len, sich die­sen Kon­flik­ten über­haupt zu­zu­wen­den; dies macht es zwei­tens nö­tig, im­mer wie­der ei­ge­ne Vor­schlä­ge für de­ren Be­frie­dung zu un­ter­brei­ten, auch wenn man um die Gren­zen des ei­ge­nen Ein­flus­ses weiß; drit­tens ist da­für die Zu­sam­men­ar­beit mit zum Teil schwie­ri­gen Part­nern un­er­läss­lich. Und schließ­lich müs­sen da­für die not­wen­di­gen Mit­tel be­reit­ge­stellt wer­den – po­li­tisch, fi­nan­zi­ell und mi­li­tä­risch.

Auch wenn die EU um die Gren­zen ih­res Ein­flus­ses weiß, soll­te sie po­li­tisch, fi­nan­zi­ell und mi­li­tä­risch prä­sent sein.

Un­se­re Au­to­ren von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik in Ber­lin: Dr. Mar­kus Kaim (li.) ist Se­ni­or Fel­low in der For­schungs­grup­pe Si­cher­heits­po­li­tik, Mar­co Over­haus in der For­schungs­grup­pe Ame­ri­ka. Fo­tos: SWP

Ame­ri­ka­ni­sche und süd­ko­rea­ni­sche Sol­da­ten bei ih­rer jähr­li­chen ge­mein­sa­men Mi­li­tär­übung: Auch im Ko­rea-kon­flikt könn­ten die Eu­ro­pä­er mehr Druck ma­chen. Fo­to: Get­ty Images

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.