Mensch­li­che Land­schaf­ten

Aus­stel­lung Ali­na Sza­pocz­ni­kows manch­mal ver­stö­ren­de Bild­hau­er­ar­bei­ten mit sur­rea­lis­ti­schem Touch sind noch bis 7. Ok­to­ber in der Kunst­hal­le Ba­den-ba­den zu se­hen. Von Burk­hard Mei­er-grol­man

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Feuilleton -

Was pas­siert, wenn ei­ne pol­ni­sche Bild­haue­rin schon als ganz jun­ges jü­di­sches Mäd­chen in sta­chel­draht­um­zäun­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Na­zis ge­pei­nigt wird? Wenn sie spä­ter in Prag und Pa­ris Kunst stu­diert und dort im Dunst­kreis von Re­né Mag­rit­te, Max Ernst und Sal­va­dor Dalí sur­rea­lis­ti­sche Mor­gen­luft wit­tert? Wenn sie nach ih­rer Rück­kehr nach Po­len noch zu­sätz­lich mit dem Geist des So­zia­lis­ti­schen Rea­lis­mus ge­impft wird? Und wenn sie dann En­de der 60er Jah­re mit der Dia­gno­se Brust­krebs le­ben muss?

Bei Ali­na Sza­pocz­ni­kow (19261973) las­sen sich die­se au­to­bio­gra­fisch be­ding­ten Schleif­spu­ren auf na­he­zu all ih­ren künst­le­ri­schen Ar­bei­ten ent­de­cken. Wenn sie selbst sagt, dass sie aus ei­ner ab­sur­den und zwang­haf­ten Manie her­aus selt­sa­me Ob­jek­te pro­du­ziert, die im­mer mit der Be­stä­ti­gung un­se­rer mensch­li­chen Exis­tenz zu tun ha­ben, dann kann man ihr nur bei­pflich­ten.

Im­mer im fi­gu­ra­ti­ven Be­reich

wenn sie den Frau­en­kor­pus in Ein­zel­tei­le – sprich in Mund, Oh­ren, Bu­sen, Bei­ne und Bauch – zer­legt und die­se Frag­men­te dann mit­tels Po­ly­est­er­harz, Mull­bin­den, Da­men­strumpf­ho­sen so­wie Wol­le zu wirk­lich selt­sa­men Ob­jek­ten wie et­wa ei­nem „per­so­ni­fi­zier­ten Tu­mor“oder an­de­ren be­son­de­ren „Sou­ve­nirs“col­la­giert, dann schril­len an un­se­ren Ge­schmacks­ner­ven die Alarm­glo­cken.

Es sei denn, man kann sich an in Va­sen­form ge­brann­ten und mit Blu­men ge­schmück­ten Ter­ra­kot­ta-ge­sich­tern er­freu­en oder man er­wärmt sich für ei­nen mit Zi­ga­ret­ten­kip­pen ge­füll­ten hal­ben Frau­en­kopf, dem Ali­na Sza­pocz­ni­kow den zu­tref­fen­den Ti­tel „Aschen­be­cher des Jung­ge­sel­len“ge­ge­ben hat.

Ge­nia­le Ti­tel

Über­haupt hat Ali­na Sza­pocz­ni­kow an­ge­sichts ih­res ei­ge­nen künst­le­ri­schen Werks ge­nia­le Ein­ge­bun­gen, was die Ti­tel­fin­dung an­be­langt. So prä­sen­tiert sie in Ba­den-ba­den ei­nen Zeich­nungs-zy­klus mit der Über­schrift „Mensch­li­che Land­schaf­ten“. Die­se Werk­schau in Ba­den-ba­den be­inhal­tet tat­säch­lich zum Groß­teil mensch­li­che Land­schaf­ten, ab­ge­se­hen viel­leicht von die­sem „ame­ri­ka­ni­schen Traum“, dem Ali­na Sza­pocz­ni­kow nach­ge­han­gen, und den sie 1971 in ro­sa­far­be­nem por­tu­gie­si­schen Mar­mor, Gold und Bron­ze nach­ge­bil­det und ver­ewigt hat. Es han­delt sich da­bei um ei­ne schö­ne klei­ne Aus­ga­be ei­nes wirk­lich ed­len Rolls-roy­ce-ca­bri­os – ver­steht sich – mit der be­rühm­ten und hier stark ver­gol­de­ten En­gels­fi­gur auf dem Küh­ler.

Mün­der, die aus dem Kopf kom­men in der Kunst­hal­le Ba­den-ba­den: Ali­na Sza­pocz­ni­kow schred­dert den mensch­li­chen Kör­per und setzt ihn nach Gut­dün­ken wie­der zu­sam­men. Fo­to: Ger­da Mei­er-grol­man

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