Wer soll sich um die Orts­tei­le küm­mern?

St. Jo­hann Oft klagt man in der Alb­ge­mein­de über lan­ge Ent­schei­dungs­we­ge. Wür­de es hel­fen, die Ort­schafts­rä­te auf­zu­lö­sen? Ei­ne kon­tro­ver­se De­bat­te be­ginnt. Von Si­mon Wa­gner

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Vorderseite -

St. Jo­hann. Oft klagt man in der Alb­ge­mein­de über lan­ge Ent­schei­dungs­we­ge. Wür­de es hel­fen, die Ort­schaft­rä­te auf­zu­lö­sen? Ei­ne kon­tro­ver­se De­bat­te be­ginnt.

Sechs Orts­tei­le, sechs Ein­woh­ner­ver­samm­lun­gen, ein The­ma: Die Fra­ge um ei­ne mög­li­che Neu­aus­rich­tung der Ort­schafts­ver­fas­sung be­schäf­tigt die St. Jo­han­ner. Nach­dem der Ge­mein­de­rat im Vor­feld der Kom­mu­nal­wahl 2019 be­reits er­geb­nis­of­fen mög­li­che Än­de­run­gen dis­ku­tiert hat – und et­wa be­schlie­ßen­de Ausschüsse ein­ge­führt hat – sind nun die Bür­ger ge­fragt. Den An­fang mach­ten am Don­ners­tag­abend in Lon­sin­gen rund 20 In­ter­es­sier­te, dar­un­ter ei­ni­ge Ge­mein­de- und Ort­schafts­rä­te, die im Feu­er­wehr- und Bür­ger­haus zu­sam­men­ka­men.

An­lass da­für bo­ten an­hal­ten­de Dis­kus­sio­nen in den Orts­tei­len, in­wie­weit die ge­meind­li­che Ver­wal­tungs­struk­tur mit Ort­schafts­rä­ten in den Orts­tei­len (au­ßer Wür­tin­gen) noch zeit­ge­mäß sei­en, be­ton­te Bür­ger­meis­ter Flo­ri­an Bau­er ein­gangs ei­nes rund zwei­ein­halb­stün­di­gen Mei­nungs­aus­tauschs. Zu­letzt wäh­rend des zu­rück­lie­gen­den Leit­bild­pro­zes­ses, sei die­ses The­ma im­mer wie­der auf die Agen­da ge­bracht wor­den. Ei­ne schrift­li­che Um­fra­ge im Vor­feld der Ein­woh­ner­ver­samm­lun­gen brach­te zu­dem ei­nen kla­ren Trend her­vor. Zwar war der Rück­lauf mit 32 Ant­wor­ten eher ma­ger, die Ten­denz da­für ein­deu­tig: Bei ei­ner Ent­hal­tung plä­dier­ten 26 Bür­ger für ei­ne Ab­schaf­fung der Ort­schafts­rä­te, fünf da­ge­gen. Ar­gu­men­te für ei­ne Neu­struk­tu­rie­rung wa­ren et­wa das Kirch­turm­den­ken, die Exis­tenz von Dop­pel­struk­tu­ren oder ver­meid­ba­re Per­so­nal- und Ver­wal­tungs­kos­ten. Die, die am Sta­tus Quo der Orts­gre­mi­en fest­hal­ten wol­len, füh­ren et­wa die Bür­ger­nä­he, kur­ze Di­enst­we­ge und das de­tail­lier­te Wis­sen um die Sa­chund Pro­blem­la­gen des je­wei­li­gen Orts ins Feld.

Von der Not­wen­dig­keit, ei­nen Küm­me­rer im Ort zu ha­ben, ist auch Bau­er über­zeugt, wes­halb er – wie er mehr­mals be­ton­te – auch nicht für die er­satz­lo­se Strei­chung der Ort­schafts­rä­te sei. Viel­mehr schwebt ihm ei­ne Struk­tur vor, die auf stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­ter in al­len Orts­tei­len setzt. Ih­nen zur Sei­te könn­ten Bür­ger­ver­ei­ne ste­hen, die orts­spe­zi­fi­sche Pro­ble­me an­ge­hen und Ide­en ent­wi­ckeln. Die Ver­ei­ne, Vor­bild war hier­bei der in Oh­na­stet­ten, hät­ten den Vor­teil, dass sich Bür­ger auch pro­jekt­be­zo­gen für den Ort en­ga­gie­ren könn­ten.

Bau­er mach­te kei­nen Hehl dar­aus, dass er schlan­ken Struk­tu­ren den aus sei­ner Sicht star­ren ei­nes Ort­schafts­rats vor­zie­hen wür­de. Denn die gän­gi­ge und ge­setz­lich ge­for­der­te Pra­xis füh­re der­zeit da­zu, dass Pro­jek­te im­mer wie­der zwi­schen Ge­mein­de­rat und Ort­schafts­rä­ten hin- und her­ge­scho­ben wür­den und sich die Ent­schei­dungs­we­ge, zum Ver­druss al­ler, oft­mals in die Län­ge zö­gen. „Da könn­ten wir et­was bes­ser ma­chen“, ist er über­zeugt.

Sein Vor­schlag, Bür­ger­ver­ei­ne statt Ort­schafts­rä­te ins Le­ben zu ru­fen, fiel in Lon­sin­gen in­des auf ein ver­hal­te­nes Echo. Soll­te solch ein Ver­ein nur mit ei­nem Vor­schlags­recht, statt mit Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen im Rah­men ei­nes ei­ge­nen Bud­gets aus­ge­stat­tet sein, so die mehr­mals ge­äu­ßer­te Be­fürch­tung, könn­te dies über kurz oder lang zur De­mo­ti­va­ti­on füh­ren, da die Prio­ri­sie­rung der Vor­ha­ben nach wie vor durch den Rat er­fol­gen wür­de. Je­den Orts­teil mit pau­scha­len Mit­teln aus­zu­stat­ten, so mach­te Da­nie­la Bränd­le als stell­ver­tre­ten­de Haupt­amts­lei­te­rin klar, ist aus haus­halts­recht­li­chen Grün­den nicht mach­bar.

Grund­sätz­li­che Kri­tik wur­de auch am Vor­ha­ben laut, die Struk­tu­ren über­haupt an­tas­ten zu wol­len. Da­mit schaf­fe man mehr Pro­ble­me als Lö­sun­gen, so ein Ein­wand. Schließ­lich wür­den die Orts­gre­mi­en nicht nur Kennt­nis­se be­sit­zen, son­dern auch vie­le Leis­tun­gen schul­tern, die an­dern­falls auf die Wür­tin­ger Rat­haus­mit­ar­bei­ter ab­ge­la­den wer­den müss­ten. Ein an­de­rer Zu­hö­rer kri­ti­sier­te: „Ich än­de­re un­gern et­was, wenn ich nichts Bes­se­res ha­be.“Er plä­dier­te zu­dem für ei­nen breit an­ge­leg­ten Bür­ger­ent­scheid. In solch ei­nem Fall, so warf Bau­er je­doch ein, wür­de je­der Orts­teil über je­den an­de­ren ab­stim­men. „Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass das übe­r­all ger­ne ge­se­hen wird.“

Der ers­te Ge­dan­ken- und Mei­nungs­aus­tausch fand in ei­ner of­fe­nen und kon­struk­ti­ven At­mo­sphä­re statt. Ihm fol­gen bis Mit­te Ok­to­ber wei­te­re. Bau­er die­nen sie da­zu, die je­wei­li­gen Stim­mungs­la­gen ab­zu­klop­fen und auf­zu­neh­men, wie er ver­si­cher­te.

Wür­tin­gen ist der ein­zi­ge Teil­ort St. Jo­hanns, der oh­ne Ort­schafts­rat aus­kommt. Ob die Gre­mi­en auch in al­len an­de­ren Teil­ge­mein­den weg­fal­len sol­len, ist der­zeit Ge­gen­stand von Ein­woh­ner­ver­samm­lun­gen. Fo­to: Archiv

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